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„Der Terror ist fast vor der Haustür“

Reportage vor Ort „Der Terror ist fast vor der Haustür“

Anwohner und Flüchtlinge in Reinfeld sind entsetzt: Ein Terrorverdächtiger lebte mitten unter ihnen.

Razzia im Reinfelder Flüchtlingsheim, in dem ein Syrer wegen Terrorverdachts verhaftet wird. Unser Fotograf hat den Polizeieinsatz durch seinen Rückspiegel aufgenommen.

Quelle: jeb

Reinfeld. Das rote Ziegelhaus liegt inmitten eines Wohngebiets in Reinfeld (Kreis Stormarn). Die Fenster stehen offen, der Garten ist verwildert – eine Pforte gibt es nicht. In diesem Haus wurde gestern am frühen Morgen einer der drei Terrorverdächtigen aus Schleswig-Holstein bei einem Großeinsatz der Polizei verhaftet.

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„Das waren bewaffnete Polizisten, mit Gesichtsmasken. Die haben die Türen aufgerissen, und dann sind sie in die Zimmer gestürmt.“ Husan (53), der in dem Flüchtlingsheim verkehrt, macht vor, wie die Polizisten sich bewegten: leicht gebeugt, mit vorgehaltener Waffe. Durchschnittene schwarze Kabelbinder auf dem Fußboden zeugen davon, was hier gegen 4.30 Uhr am Morgen passierte: Alle zehn Bewohner, alles junge Männer aus Syrien und dem Irak, wurden in ihren Zimmern im Schlaf überrascht und offenbar mit Kabelbindern gefesselt.

Der Einsatz galt einem jungen Syrer, der im Verdacht steht, zur Terrormiliz IS zu gehören. Er soll, als Flüchtling getarnt, nach Deutschland eingereist sein. Erst vor einem Monat sei er ins Reinfelder Flüchtlingsheim gekommen, sagen die Mitbewohner. Sie kannten ihn unter dem Namen Jaser – wohl eine falsche Identität. Nach Angaben der Bewohner wurde er in Handschellen abgeführt. Um welchen der drei Festgenommenen es sich tatsächlich bei ihm handelt, wollten die Behörden nicht sagen. „In den Ländern, aus denen wir stammen, ist es leicht, falsche Papiere zu bekommen“, so Husan.

Jaser, wie alle ihn nannten, sei sehr zurückhaltend gewesen. „Er hat sogar die Mahlzeiten meist in seinem Zimmer eingenommen und sich kaum unterhalten“, sagt Mitbewohner Mohammed (36), ebenfalls Syrer. Jaser habe erzählt, dass er aus Aleppo komme, als Kellner arbeitete und nicht verheiratet sei. „Er ist mittelgroß und trug sein Haar meist zu einem Zopf gebunden“, beschreibt ihn Mohammed.

In Jasers Zimmer sieht es an diesem Morgen sehr unordentlich aus – was mit dem Polizeieinsatz zusammenhängen mag. Zwei Einzelbetten stehen darin, dazu zwei Doppelbetten. Auf einem niedrigen, runden Tisch steht eine Wasserpfeife. Das Schloss des Blechspindes, der dem Verdächtigen gehörte, ist von der Polizei mit einem Bolzenschneider geknackt worden. Die Mitbewohner wissen nicht, ob die Polizei verdächtige Gegenstände gefunden hat. Das Zimmer wirkt unauffällig, nichts weist darauf hin, dass hier ein brandgefährlicher Terrorist gewohnt haben könnte.

„Ich kann es kaum glauben“, sagt Albrecht Werner (69) von der Reinfelder „Initiative Asyl“. Er habe Jaser „eigentlich ganz gut“ gekannt. „Wir haben viel miteinander gesprochen, auch über Politik. Für eine Verbindung zum IS gab es nicht den kleinsten Hinweis.“

Jaser habe einen Deutschkurs besucht und schnell gelernt. Albrecht Werner trainierte den jungen Mann sogar in einer Rudermannschaft mit anderen Flüchtlingen. Am vergangenen Wochenende war der Syrer beim Reinfelder Karpfenfest dabei, posierte für ein Foto. Werner: „Ich hoffe immer noch, dass der Verdacht sich nicht erhärtet und er vielleicht nur eine falsche Handynummer unter seinen Kontakten hatte.“

Auch in der Nachbarschaft ist die Verunsicherung groß. „Um 4.30 Uhr war die ganze Straße voller Polizei“, erzählt Gina Blens (52), die im Haus gleich nebenan wohnt. „Im Garten des Flüchtlingsheimes standen lauter Einsatzwagen. „Vermummte SEK-Leute liefen herum.“ Schon um fünf Uhr sei der Spuk vorbei gewesen. „Ein komisches Gefühl“, bekennt die Angestellte. „Man wohnt Tür an Tür. Und nun so was.“ An sich sei das Verhältnis zu den Flüchtlingen sehr gut. „Die leihen sich manchmal Gartengeräte von mir und so.“

„Man darf sich nicht so reinsteigern“, meint Steffi Kremser (31), die um die Ecke wohnt. Nachts sei sie ans Fenster gegangen und habe die Polizeiautos gesehen. „Die Kinder kamen und fragten, was los ist.“ Auch sie betont, das Verhältnis zu den Flüchtlingen sei entspannt. „Man grüßt sich sogar.“

Doch nach der Verhaftung gibt es auch Ängste. „Der Terror ist fast vor der Haustür“, sagt Nina Grünberg (39). „Ich hab’ es gesehen.“ Mindestens 30 SEK-Leute seien im Einsatz gewesen. „Das ist alles sehr schockierend. Wir waren alle erschrocken. Mir ist fast etwas übel geworden.“ Der Schulweg ihrer zehnjährigen Tochter führe am Flüchtlingsheim vorbei. „Sie hat sich heute früh erst nicht getraut loszugehen, wir mussten ihr gut zureden.“

„Man denkt, der Terror betrifft uns nicht, hier in der Provinz“, stellt Anwohner Michael Gläsing (41) fest. „Und dann schicken sie die hierher.“ Er schüttelt ungläubig den Kopf. „Ich sag’ nicht, dass wir denen nicht helfen sollen. Aber werden die nicht kontrolliert?“

„Ich fühle mich nicht mehr sicher“, gesteht seine Frau Michelle (41). Alleine mag sie abends nicht mehr überall spazieren gehen.

Dabei sind selbst die Flüchtlinge, die nach eigenen Angaben völlig ahnungslos waren, froh, dass die Polizei mit ihrem Einsatz wahrscheinlich Schlimmeres verhindert hat. „Gut, dass sie ihn dingfest gemacht haben, bevor er Mist baut“, resümiert Bürgermeister Heiko Gerstmann (51, SPD). „Gott sei Dank ist alles gut gegangen.“

Von Marcus Stöcklin

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