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20:02 08.07.2017
In Rickling am Rande des Segeberger Forstes baut Harry Bälder (70) Flinten und Büchsen für passionierte Jäger. Quelle: LUTZ ROESSLER
Rickling

Es ist eine Gegend, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, ein Winkel am Rande des Segeberger Forstes, dessen Ruhe nur vom Verkehrsrauschen der B 205 übertönt wird. Es ist sicher keine Gegend, in der man eine Waffenschmiede vermuten würde: Hier, gleich hinterm Wintergarten seines Wohnhauses am Ortsausgang von Rickling, hat Harry Bälder seine Werkstatt. Er ist einer der wenigen tätigen Büchsenmacher in Schleswig-Holstein.

Ein Teil seiner Kunden, in der Hauptsache Jäger, hat es nicht weit aus dem Forst, um Bälder ihre Büchsen zur Reparatur oder alte Erbstücke zum Aufpolieren zu bringen. Andere reisen von weither an, um eine vom Meister angefertigte Jagdwaffe auszusuchen. Harry Bälder, groß, schlank, grauhaarig, wirft einen ungeduldigen Blick über den Brillenrand, für Besuch hat er eigentlich keine Zeit. Der 70-Jährige arbeitet allein, und die Aufträge warten darauf – die Gewehrläufe sorgfältig nebeneinander aufgereiht –, erledigt zu werden. Die älteste Waffe, die ihm ein Kunde zum Aufarbeiten brachte, war mehr als 120 Jahre alt.

„Das ist das Schöne an meinem Beruf: Ich habe mit den unterschiedlichsten Waffen und mit den unterschiedlichsten Kunden zu tun, da sind alle Typen vertreten.“ Jäger aus der Nachbarschaft wie Jürgen, der regelmäßig auf eine Stippvisite in der Werkstatt vorbeischaut, aber auch Männer wie jener Großwildjäger, für den Bälder einmal ein Gewehr mit 12,5 Millimeter Durchmesser für die Jagd auf Büffel und Elefanten gebaut hat. „Mit Patronen so groß wie eine Zigarre“, sagt Bälder. Was er nicht sagt ist, ob ein Großwildjäger zwingend mit solchen Geschossen auf Trophäenjagd gehen muss.

Es gab eine Zeit, da war der Büchsenmacher drauf und dran, die Flinte ins Korn zu werfen. Er haderte damit, Waffen zu bauen, die Tieren das Leben nehmen. Dann machte er selbst den Jagdschein – und Frieden mit seinem Beruf. „Dem Wild fehlt es an Lebensraum – den wir ihm genommen haben. Deshalb müssen wir den Artenbestand im Rahmen halten.“

Bälder verbaut in seinen Büchsen fast ausschließlich das Mauser System 98 – mit bis heute mehr als 100 Millionen hergestellten Systemen ist es das weltweit meistproduzierte Waffen-Verschluss-System. Schon die Karabiner der Soldaten im 1. Weltkrieg waren mit dem 1898 von der Firma Mauser entwickelten System ausgerüstet. Das Mauser 98, schwört Bälder, sei so funktionssicher und zuverlässig, „das lässt Sie garantiert nie im Stich!“. Lauf, Schaft und das System, mit dem die Patronen geladen und abgeschossen werden, sind die wesentlichen Elemente einer Waffe. Bälder verwendet für die Schäfte seiner Büchsen kaukasisches Walnussholz. „Die Bäume wachsen im Kaukasus auf kargem Boden und sehr langsam. Ihr Holz ist besonders dicht und hart.“ Bevor es als Hinterschaft zugeschnitten, geformt und verbaut werden kann, muss es zwölf Jahre zum Trocknen lagern. Das hat seinen Preis: Rund 1800 Euro kostet allein das Stück für einen einzigen Gewehrkolben.

An der Wand, zwischen Büchsen und Flinten hängt sein Meisterbrief aus dem Jahr 1977. Ein Freund hatte ihn seinerzeit auf die Lehrstelle bei Dynamit Nobel Genschow in Hamburg aufmerksam gemacht, und Bälder war sofort fasziniert vom Zusammenspiel der Materialien und Funktionen beim Büchsenbau. Mitte der 70er Jahre machte er seinen Meister an der Gewerbeschule in Lübeck. Seit 1994 baut Bälder in Eigenregie Büchsen, Flinten und Pistolen.

Seine Kunden in Deutschland, Europa und den USA lassen sich ein von Harry Bälder gefertigtes Meisterstück etwas kosten. „Aber reich wird man damit nicht“, sagt der Büchsenmacher. „Das sind Individualisten, die sich heute noch eine Repetierbüchse bauen lassen.“ An einer sogenannten „Take Down“, einem – ähnlich einem Klapprad – zerlegbaren Gewehr, für das Bälder die Klappmechanik entwickelt hat, arbeitet der Meister etwa zweieinhalb Monate. Sich zur Ruhe setzen? Dafür hat Harry Bälder keine Zeit – die Aufträge stapeln sich, die Arbeit wartet. „Für mich“, sagt Harry Bälder, „ist das nicht nur ein Beruf, sondern Berufung!“

Von Regine Ley

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