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Der brave Herr Hitler aus Fuhlsbüttel

Hamburg/Lübeck Der brave Herr Hitler aus Fuhlsbüttel

Der Halbbruder von Adolf Hitler ließ sich nach dem Krieg in Hamburg nieder. Dort gab er sich als unbescholtener Bürger. Ein neues Buch entlarvt ihn.

In der rechten Hälfte dieses Hauses im Timm-Kröger-Weg in Fuhlsbüttel wohnte Alois Hiller mit seiner Frau Erna.

Hamburg/Lübeck. Claus Grünewald (87) aus Hamburg-Fuhlsbüttel ist es gewöhnt, dass man ihn nach seinem Vormieter fragt. Dem Herrn Hitler, der sich in Hiller umbenannte. Und bis 1956 das Leben eines unbescholtenen Mannes zu führen versuchte. Bloß: Geht das überhaupt, als Halbbruder von Adolf Hitler?

LN-Bild

Der Halbbruder von Adolf Hitler ließ sich nach dem Krieg in Hamburg nieder. Dort gab er sich als unbescholtener Bürger. Ein neues Buch entlarvt ihn.

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„In der Straße hat den niemand für voll genommen“, weiß Claus Grünewald. Er hat den Bruder des Diktators selbst nie gesehen. „Nur einmal seine Frau.“ Viele Beamte wohnten im Viertel, sehr ordentlich ging es dort zu. Der Alois Hiller? „Der hatte doch ’ne Macke“, habe sein Nachbar aus der anderen Haushälfte mal zu ihm gesagt, erinnert sich Grünewald. „Weil der in kurzen Hosen Rad gefahren ist und so.“ Spuren hätten der Halbbruder Hitlers und seine Frau keine hinterlassen. „Die spielten hier keine Rolle.“

Doch in der Vita des Sonderlings Hiller gab es dunkle Stellen. Das hat jetzt der Hamburger Hans-Peter de Lorent (67) untersucht. In seinem Buch „Täterprofile“ (erhältlich bei der Landeszentrale für Politische Bildung Hamburg) beschreibt er Schicksale belasteter Hamburger, die sich nach dem Krieg als Biedermänner tarnten.

„Alois Hitler war der ältere Halbbruder Adolf Hitlers aus der zweiten Ehe des Vaters.“ Adolf Hitler stammte aus der dritten Ehe mit Klara Pölzl. „Sie zog den eigenen Sohn vor“, sagt de Lorent. „Mit seinem Bruder verstand Alois sich nicht, zumal er gelegentlich Prügel für dessen Streiche bezog.“

Alois Hitler verließ mit 14 Jahren das Elternhaus,wurde wegen Diebstahls verurteilt, jobbte als Kellner in Linz, dann in Dublin und Liverpool. Wiederholt wurden ihm Diebstahl und Hochstapelei vorgeworfen. Er heiratete eine Irin, bekam einen Sohn namens Patrick. 1915 verließ er beide, ging zurück nach Hamburg. Dort betrieb er einen Rasierklingenhandel und züchtete Hühner. Und er heiratete – mit gefälschten Papieren – erneut: Hedwig Mickley, mit der er 1920 ebenfalls einen Sohn hatte: Heinrich Hitler. 1924 wurde Alois Hitler wegen Bigamie angeklagt.

1927 ging er nach Berlin und arbeitete wieder in der Gastronomie. 1937, nachdem sein Bruder an der Macht war, übernahm er von einem jüdischen Vorbesitzer ein Lokal am Wittenbergplatz, das er „Alois“

nannte. „Es wurde zu einem beliebten Treffpunkt für SA- und SS-Größen“, so de Lorent, der davon ausgeht, dass Alois beim Ankauf finanziell von höherer Stelle unterstützt wurde. Zumindest vorübergehend war Alois Hitler NSDAP-Mitglied, Zeugen erinnerten sich, dass er das Parteiabzeichen am Revers trug. Seine dritte Frau Erna, geborene Mach, war Geschäftsführerin des „Alois“ – und laut de Lorent „mit dem goldenen Parteiabzeichen dekoriert“. Um mehr Platz zu haben, betrieben beide die Kündigung jüdischer Hausbewohner. Seinen Sohn schickte Alois Hitler auf eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt. Heinrich kam 1942 in Russland um.

1945 flüchtete das Ehepaar in einem der SS gehörenden Lkw nach Hamburg. Dort behauptete Erna Hitler, dass „absolut keine Verbindung irgendwelcher Art zu Adolf Hitler bestanden hat“. Die Änderung des Nachnamens in Hiller wurde gestattet. Um finanziell über die Runden zu kommen, schob Alois Hiller Trolleys am Flughafen. Er starb 1956 in Hamburg.

NS-Täter als Lehrer

Auch in Lübeck konnten nach dem Krieg ehemalige Nazi-Größen Fuß fassen. Das belegt der Hamburger Autor Hans-Peter de Lorent (67) in seinem Buch „Täterprofile“.

Ein Kapitel ist Albert Henze (1900-1994) gewidmet, der 1932 in die NSDAP eintrat und in der Hamburger Schulverwaltung Karriere machte. Zunächst als Leiter der „Gauführerschule“, einer „Einrichtung zur Heranbildung der politischen Führerschaft der Nation“. 1941 wurde Henze Oberschulrat für das höhere Schulwesen.

„Durch ihn wurde der Antisemitismus von der Schulverwaltung gezielt in alle Schulen getragen“, schreibt de Lorent. So habe Henze alle Lehrer angewiesen, jüdische Sprichwörter und Redensarten zu sammeln, „in denen nichtjüdische Völker die Niedertracht des Juden gekennzeichnet haben“.

Er betrieb die Versetzung nicht genehmer Lehrer und tat sich besonders bei der Unterdrückung der Swing-Jugend hervor, die amerikanische Musik hörte, lange Haare trug und die Hitlerjugend boykottierte. 1940 wurden 63 Jugendliche festgenommen. De Lorent: „Es ist offenkundig, dass Henze diese Verhaftungen veranlasste.“ Ein 16-Jähriger kam ins Konzentrationslager. 1944 betrieb Henze noch seine Aufnahme in die SS.

1952 kam er als angestellter Lehrer für Deutsch, Geschichte und Leibesübungen an der Lübecker Oberschule zum Dom (OzD) unter. De Lorent: „Protegiert wurde er durch den ehrenamtlichen Schulsenator Helmut Lemke.“ Lemke, später Kultus-, Innenminister und von 1963 bis 1971 CDU-Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, war 1933 bis 1945 NSDAP-Bürgermeister von Eckernförde und Schleswig gewesen.

Henze unterrichtete noch bis 1974 in Lübeck. Seine Vergangenheit beschönigte er. stö

DREI FRAGEN AN...

1 Sie haben die Lebensläufe belasteter Hamburger erforscht – auch von Nazi-Lehrern, die später wieder in ihrem Beruf Fuß fassten. Was hat Sie dazu veranlasst? Schon in den 80er-Jahren habe ich zwei Bücher zum Thema „Schule unterm Hakenkreuz“ veröffentlicht. Damals fing ich an, mich für die Täter zu interessieren. Wie kam es nach 1933 dazu, dass sich eine ganze Berufsgruppe, auch in einer als liberal und reformpädagogisch bekannten Stadt wie Hamburg, einfach ohne großen Widerstand umdrehen ließ? Ich sammelte Material. Was bis in die 90er-Jahre gar nicht so problemlos ging, da die betreffenden Personen noch lebten.

2 Und wie funktionierte es? Ein Beispiel ist das Spitzelsystem, das in Hamburg auch NS-Oberschulrat Albert Henze betrieb, der nach 1945 als Lehrer in Lübeck Fuß fasste. Liberale Lehrer wurden denunziert und versetzt oder aus dem Amt gedrängt. Außerdem war es so, dass die ältere Lehrergeneration, die noch im Ersten Weltkrieg als Offizier diente, meist deutschnational und patriotisch eingestellt war. Viele von ihnen konnten sich schnell mit der Nazi-Ideologie anfreunden. Die Jüngeren, wie Henze, hatten oft keine feste Anstellung und ließen sich gern bekehren. So konnten sie in jungen Jahren Karriere machen.

3 Wie sieht es mit Ihrer eigenen Familiengeschichte aus? Mein Vater, Jahrgang 1920, war Soldat. Die Familie lebte in Heide. Ich habe zum Glück nichts Belastendes gefunden. stö

 Marcus Stöcklin

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