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Der schwere Weg zurück von der Haft ins Leben

Lübeck Der schwere Weg zurück von der Haft ins Leben

Mehr als drei Jahre hat Mia (27) im Gefängnis gesessen. Wegen Drogen. Den LN erzählt sie, wie der Knast sie verändert hat.

Die Justizvollzugsanstalt Lübeck-Lauerhof — hier hat Mia ihre Haft verbracht.

Quelle: Fotos: Peer Hellerling, Resohilfe

Lübeck. Mia hatte schon vergessen, wie sich Freiheit anfühlt. Wie es ist, wenn sie gehen kann, wohin sie will. Aber plötzlich war sie draußen, und es war komisch, frei zu sein. Vielleicht weil ihre Entlassung etwas hektisch ablief. „Ich wurde quasi rausgeschmissen“, sagt sie. Es sei gerade noch Zeit gewesen, ihre wenigen persönlichen Sachen zu holen. Und dann stand sie da und wusste nicht so recht, wie ihr geschieht. Als erstes ist sie zum Bahnhof gegangen und in den nächsten Zug in ihre Heimatstadt gestiegen. Auf der Fahrt hat Mia sich mit einem Fremden nett unterhalten und nicht nachgedacht. Irgendwann klingelte sie zu Hause. Ihre Mutter machte auf. Sagte nichts, weinte nur und nahm ihre Tochter nach drei Jahren und vier Monaten wieder in den Arm.

Der Staat hat ihr die Freiheit genommen, um sie zu bestrafen. Mit 24 Jahren kam Mia in die Justizvollzugsanstalt in Lübeck. Jetzt ist sie 27. Während sich andere in dieser Zeit für einen Beruf entscheiden, einen Partner, eine Lebenseinstellung, saß sie in einer Zelle. Und trotzdem sagt sie: „Das war das Beste, was mir passieren konnte.“ Das Gefängnis war für sie eine Art Resetknopf.

Mia will neu anfangen.

Mia heißt nicht wirklich so. Sie will nicht, dass jeder weiß, wer sie ist. Aber sie will erzählen, wie es ist, nach einem Gefängnisaufenthalt in die Welt draußen zu kommen. Die Zeit in einer Zelle hinterlässt Spuren. Das hat sie an ihrem ersten Abend gespürt. „Das war krass. Ich muss heute noch daran denken“, sagt sie. Gegen acht Uhr hatte sie den Drang, alleine zu sein. „Es war so ein starkes Gefühl, dass ich mich zurückziehen muss.“ Um diese Uhrzeit haben sie die Wärter immer in ihre Zelle eingeschlossen.

Es waren die Drogen, die sie ins Gefängnis brachten. Mit zwölf Jahren fing es an. Die Substanzen wurde krasser, der Rausch gefährlicher. „Es verändert dich. Macht dich schlecht“, sagt sie.

Die zahllosen Entzüge haben nicht geholfen. Mia hat für die Drogen Sachen getan, die sie bereut. Geraubt, um sich den Konsum zu finanzieren. Ohne das Gefängnis wäre sie nicht davon losgekommen, sagt sie. Und die Angst, dass sie wieder rückfällig werden könnte, wird sie wohl für immer begleiten. Deshalb kann sie nicht zurück in ihre alte Stadt. Dort ist die Gefahr größer, dass sie rückfällig wird. Sie will in Lübeck bleiben und möchte keinen Kontakt zu den alten Freunden aus der Szene.

Ein paar Leute von früher hat sie trotzdem getroffen. „Ich war naiv. Dachte, die haben sich alle nicht verändert. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Das ist natürlich Quatsch.“ Eine Freundin habe jetzt ein Kind. „Verrückt“, sagt Mia. Sie habe auch Bekannte gesehen, die weiter Drogen nehmen. „Die sehen richtig fertig aus. Mir sagen viele, dass ich noch frisch aussehe“, sagt sie und streicht sich die dunkelblonden Haare aus dem Gesicht. Mia ist schlank, hat ein hübsches Gesicht mit großen blauen Augen. „Vielleicht wäre ich heute tot“, sagt sie.

Damit sie ihren Neuanfang schafft, hat sich Mia freiwillig bei der Resohilfe Lübeck gemeldet. Die Sozialarbeiter haben ihr eine Wohnung vermittelt, beraten und unterstützen sie. In ihrem Zimmer hängt ein bunter Spiegel, den sie bei einer Entziehungskur gemacht hat, und eine Lichterkette spendet warmes Licht. „Ich habe mir im Knast immer ausgemalt, wie super das wird, wenn ich draußen bin“, sagt Mia. „Jetzt möchte ich viel schlafen.“ Manchmal wenn sie auf der Straße geht, habe sie das Gefühl, dass die Leute sie komisch angucken. „Als würde mir das auf der Stirn stehen.“ Gegen Frauen im Gefängnis gebe es Vorurteile. „Einmal hat mich jemand Psychobraut genannt.“ Neuen Bekanntschaften wolle sie deshalb davon erst mal lieber nichts erzählen. Aber die vergangenen drei Jahre im Leben zu verschweigen sei fast nicht möglich. Im Gefängnis habe sie sich ein Tattoo machen lassen, drei Punkte, die für Liebe, Treue und Hoffnung stehen. Das Tattoo ist ein Zeichen für Strafgefangene. Mia bereut es. Sie will daraus Sterne oder Blumen machen. Auch Männern zu begegnen sei komisch. „Ich war über drei Jahre in einem Frauenknast. Die Wärter zählen nicht.“ Dass sie jetzt einen Job in der Gastronomie habe, gebe ihr Kraft. Die Routine sei gut. Ihrer Chefin hat sie beim Einstellungsgespräch gleich gesagt, dass sie im Gefängnis war. „Das finde ich sonst unehrlich.“

Für ihre Zukunft habe sie keine großen Wünsche. „Ich möchte eine Ausbildung machen als Einzelhandelskauffrau, einen netten Mann finden und glücklich sein.“

Resohilfe: Unterstützung für Strafgefangene

56 Frauen waren 2015 in Schleswig-Holstein durchschnittlich im Gefängnis. Maximal waren 64 Frauen in Haft. 49 weibliche Strafgefangene waren das Minimum.
1163 Männer waren in diesem Jahr in Schleswig-Holstein durchschnittlich in Haft. Bei der maximalen Belegung waren es 1231 Männer.
Bei der kleinsten waren es 1111 Gefangene.
1683 Gefangene wurden bis zum November 2015 in diesem Jahr entlassen. Darunter 91 Frauen und 1592 Männer. 71 Gefangene wurden wegen der Zurückstellung in eine Therapieeinrichtung entlassen. Die Rückfallquote ist nach einer Studie der Abteilung für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug der Georg-August-Universität Göttingen bei Frauen niedriger als bei Männern.

Der Verein Rechtsfürsorge e.V. Resohilfe Lübeck unterstützt Strafgefangene beim Wiedereinstieg in das gesellschaftliche Leben. Dazu betreibt der Verein eine Übergangswohneinrichtung. Für die ehemaligen Strafgefangenen ist Sozialpädagogin Kirsten Buck da. „Wir unterstützen in allen Belangen“, sagt sie. Zudem bietet die Resohilfe Beratungsangebote für Opfer von Straftaten und verschuldete Menschen. Die Resohilfe ist erreichbar unter der Telefonnummer 0451/799190 oder per Mail unter info@resohilfe-luebeck.de

Alessandra Röder

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