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Norddeutschland Deutlich mehr Unfälle durch Drängelei
Nachrichten Norddeutschland Deutlich mehr Unfälle durch Drängelei
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21:33 19.02.2016
Unfallträchtige Situation: Ein Drängler auf der Autobahn macht sich im Rückspiegel mit Lichthupe bemerkbar. Quelle: Fotos: Führer/dpa, Malzahn (4)

Drängelei, Raserei, riskantes Überholen — die Aggression im Straßenverkehr nimmt deutlich zu. Obwohl die Zahl der Verkehrsopfer insgesamt sinkt, sind die schweren Unfälle mit Personenschaden, die auf zu dichtes Auffahren zurückzuführen sind, von 2011 auf 2015 um satte 15,7 Prozent angewachsen. Demnach gibt es jeden Tag im Schnitt 190 Verletzte durch aggressives Fahrverhalten. Auch im Norden macht sich der traurige Trend bemerkbar.

„Die Zahlen sind dem bundesweiten Trend folgend auch in Schleswig-Holstein angestiegen“, bestätigt Matthias Glamann, Sprecher des Landespolizeiamtes (LPA) in Kiel. So wurden im Jahr 2014 im Norden 412 Drängel-Unfälle mehr registriert als noch im Jahr davor — ein Anstieg um 22,5 Prozent auf 2241 Fälle. Riskante Überholmanöver waren 2014 Ursache für 1127 Unfälle. Ein Plus von 15,9 Prozent.

Landesweite Zahlen für 2015 hat die Polizei bisher zwar nicht vorgelegt. Angesichts der Entwicklung im Bundesgebiet sei laut LPA mit einer Entspannung aber auch im Norden kaum zu rechnen.

Auf der A-1-Raststätte Buddikate, an der Freitagnachmittag der Feierabendverkehr entlang rauscht, weiß fast jeder ein Lied von der gestiegenen Aggression zu singen. „Sicherheitsabstand? Das gibt es heute doch gar nicht mehr“, sagt Elektrikerin Gesa Rickleff, die täglich von Hamburg nach Lübeck pendelt. Sie selbst bemühe sich zwar um eine defensive Fahrweise.

„Aber das bringt nichts, wenn ich trotzdem ständig jemanden hinten an der Stoßstange kleben habe“, berichtet die 27-Jährige. „Und wenn dann noch jemand gedankenlos vor mir die Spur wechselt, ist das einige Male schon richtig gefährlich geworden.“

Auch ein Streifenpolizist, der sich an der Raststätte einen schnellen Kaffee gönnt, sieht die guten Sitten im Straßenverkehr zunehmend schwinden. Früher, sagt er, habe ein Streifenwagen noch hinreichend Eindruck gemacht, so dass die Leute vom Gas gegangen sind. „Aber selbst das passiert nicht mehr. Sogar wenn wir direkt daneben fahren, wird gerast und gedrängelt.“

Ursachen für den gefährlichen Trend zur Ruppigkeit sind schwer zu finden. Während das Kieler Landespolizeiamt vor allem die gestiegene Verkehrsdichte verantwortlich macht, sieht der ADAC die Gründe in erster Linie im allgemein schlechten Straßenzustand. „Die zulässige Höchstgeschwindigkeit kann ja vielerorts kaum noch gefahren werden, weil allenthalben Straßenschäden den Verkehr ausbremsen“, sagt ADAC-Landessprecher Ulf Evert. Dieser Frust mache sich auch in einem aggressiveren Fahrverhalten bemerkbar.

Rüdiger Born, Geschäftsführer des Bundesverbandes Niedergelassener Verkehrspsychologen (BNV) in Hamburg, hält beide Argumente für richtig, geht aber noch tiefer. „Die Freiheit beim Autofahren, die die Werbung gerne suggeriert, deckt sich heute kaum mehr mit der Realität“, erklärt Born. Die meiste Zeit sei man beim Autofahren eben nicht frei, sondern im Gegenteil ziemlich abhängig von anderen.

„Vor allem sind es aber unsere Fantasien, die zur Aggression verleiten“, sagt der Psychologe. Meist werde sich der andere Verkehrsteilnehmer nicht als Gleichgesinnter vorgestellt, der auch nur zügig an sein Ziel kommen wolle, sondern als Gegner, der auf persönliche Demütigung aus sei. „Mit der Wirklichkeit hat das natürlich wenig zu tun“, sagt Born.

Erschwerend komme hinzu, dass viele Autos heutzutage von sich aus ein aggressives Erscheinungsbild hätten. Zumindest in der Einbildung werde dadurch auf den Fahrer geschlossen, der ja allein durch den Besitz eines solchen Autos nur ein Rowdy sein könne. Das könne im Einzelfall zwar stimmen. „Das Problem liegt aber oft eher bei dem, der sich allein vom Anblick so eines Wagens provozieren lässt.“

Eine Patentlösung, wie damit umzugehen sei, gebe es zwar nicht. „Aber es macht allein viel aus, sich beim Autofahren seine negativen Fantasien bewusst zu machen.“

Oliver Vogt

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