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Deutsche Marine rettete 12 000 Flüchtlinge aus Seenot

Interview Deutsche Marine rettete 12 000 Flüchtlinge aus Seenot

Im LN-Interview äußert sich Marineinspekteur, Vizeadmiral Andreas Krause, auch zum Kampf gegen Schlepper, die Attraktivität und die Ausrüstung der Marine sowie zur Situation in der Ostsee.

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Vizeadmiral Andreas Krause.

Quelle: Frank Söllner /OZ-Archiv

LN: Herr Admiral, die Marine ist nicht nur bei der Mission Atalanta am Horn von Afrika sowie den Einsätzen im Mittelmeer dabei. Nun soll sie in der Ägäis auch noch gegen Schlepper eingesetzt werden. Schafft das die Marine?

Vizeadmiral Andreas Krause: Die Marine segelt derzeit hart am Wind. Der Ägäis-Einsatz, den Sie ansprechen, erfolgt im Rahmen des ständigen maritimen Nato- Verbandes. Dieser Verband steht unter Nato-Kommando. Die Führung des Verbandes in See rotiert unter den teilnehmenden Nato-Nationen. Derzeit haben wir noch die Führung des ständigen maritimen Nato-Verbandes mit dem Einsatzgruppenversorger Bonn als Flaggschiff inne. Dieses Beispiel zeigt, wie aus der routinemäßigen Beteiligung an den insgesamt vier ständigen maritimen Nato-Einsatzverbänden sehr schnell Einsatzaufgaben entstehen können. Vor diesem Hintergrund wird dann auch der Stellenwert unserer Beteiligung an den insgesamt vier ständigen maritimen Nato-Verbänden sehr klar. Das alles sind gewaltige Herausforderungen für die Marine. Ich muss jetzt sagen, wir haben keine Reserven mehr.

LN: Reichen die 16 000 Marinesoldaten nicht mehr aus?

Krause: Mit unserem Personalumfang von rund 16.000 sind wir derzeit so aufgestellt, dass wir die Einsätze quantitativ gut abdecken können. Unsere Maßnahmen zur Gewinnung junger Marinesoldaten und -soldatinnen tragen Früchte. Schwierig ist es allerdings, jene Elektriker, Elektroniker und Informationstechniker zu bekommen, die wir auf unseren hochtechnisierten Schiffen brauchen.

LN: Weil die private Wirtschaft mehr zahlt als die Marine?

Krause:  Nein. Außerdem zahlt die Marine sehr ordentlich. Aber die Marine fährt eben zur See und damit sind lange Abwesenheiten von zu Hause verbunden. Im Wettbewerb mit der Wirtschaft müssen wir sehr viel mehr Überzeugungsarbeit leisten, um junge Menschen für die Marine zu begeistern und zu uns zu holen. Deswegen geht es jetzt darum, die Attraktivität des Dienstes in der Marine insgesamt zu steigern. Ein Schritt dahin ist die neue Soldaten-Arbeitszeitverordnung, die eine bessere Planbarkeit der Dienstzeit und damit auch der Freizeit ermöglicht. Außerdem möchte ich durch das Mehrbesatzungsmodell erreichen, dass unsere Soldaten nicht mehr 180 Tage und mehr pro Jahr am Stück auf See im Einsatz sind, sondern nur noch vier Monate.  Das ist mein strategisches Ziel.

LN: Ist das alles Zukunftsmusik, oder schon Realität?

Krause:  Teils, teils - die Soldatenarbeitszeitverordung gilt seit 1. Januar 2016. Das Mehrbesatzungsmodell führen wir mit der Indienststellung der neuen Fregatten der Klasse 125 ein. Aber wir erproben dieses Mehrbesatzungsmodell bereits. Nehmen sie das Beispiel der Korvette Erfurt, die im Januar 2015 aus ihrem Heimathafen Warnemünde ausgelaufen ist. Sie war erst im Unifil-Einsatz vor dem Libanon, dann am Horn von Afrika und ist nun wieder im Mittelmeer-Einsatz. Ende Juni wird sie in Warnemünde zurück sein. Während dieser langen Einsatzzeit der Korvette haben wir die Besatzungen alle vier Monate gewechselt. Und zudem Betriebsstunden, Zeit und Geld gespart, weil der Transit in und aus den Einsatzgebieten entfallen ist. Diese konsequente Trennung von Besatzung und Schiff ist der innovative Kern der künftigen Marine. Damit erhöhen wir rechnerisch den Bestand an Schiffen, weil wir unsere Schiffe im Einsatzgebiet belassen können und unabhängig davon die Besatzungen ausbilden können. 

LN: Wie leistungsfähig ist die maritime Wirtschaft im Norden, die etwa auf den Werften in Kiel oder Wolgast für die Marine tätig ist? Die neuen Korvetten haben lange Probleme gemacht.

Krause: Die Getriebeprobleme der Korvetten sind längst behoben. Die Schiffe laufen super. Auf die Erfurt habe ich schon hingewiesen. Bei älteren Schiffen, etwa die Fregatten der 122er Klasse, wie die Lübeck, Augsburg oder Karlsruhe, ist es schwieriger, Ersatzteile zu bekommen, um etwa auch sogenannte verdeckte Schäden beheben zu können. Doch ich kann generell sagen, was wir von der maritimen Industrie geliefert bekommen, funktioniert ausnehmend gut. Wir stellen ältere Fregatten außer Dienst um deren Zustand uns andere Marinen beneiden.

LN: Gilt das Lob auch für den neuen Hubschrauber MH90, der nicht über See fliegen kann?

Krause: Der neue Hubschrauber wird 2019 in den Dienst der Marine gestellt und er wird selbstverständlich über See fliegen können.

LN: Was kommt beim neuen Einsatz in der Ägäis auf die Marine zu?

Krause : Es geht im Wesentlichen um Seeraumüberwachung, also Aufklärung der Schlepperrouten. Aber es geht auch um Präsenz und Abschreckung. Die Planungen des Einsatzes, den wir zusammen mit Nato-Partnern übernehmen, werden gerade abgeschlossen. Was sich derzeit in der Ägäis abspielt, ist ein schlimmes, menschenverachtendes Geschäft von Schlepperbanden. In klapprigen Booten werden bis zu 500 Flüchtlinge in vier Lagen übereinander gepfercht. Wer am meisten an den Schlepper zahlte, darf auf Deck frische Luft atmen. Diesem schlimmen und lebensgefährlichen Treiben müssen wir auch mit Hilfe der Marine ein Ende bereiten.

LN: Dabei ist die Marine doch bereits seit Mai 2015 im zentralen Mittelmeer im Einsatz für Flüchtlinge. Was hat das gebracht?

Krause: Wir haben bisher rund 12000 Flüchtlinge aus Seenot retten können. Erst am Wochenende hat der Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“ 357 Menschen im Mittelmeer an Bord genommen und in Augusta an Land gebracht. Zuerst handelte es sich bei unserem Einsatz um reine Lebensrettung. Seit Oktober sind wir im Rahmen der Operation Sophia auch zur Aufklärung gegen Schlepperbanden im Einsatz. Der Name der Operation stammt übrigens von einem Kind, das von einer Flüchtlingsfrau auf einem deutschen Schiff geboren wurde.

LN: Hat die Marine die Ostsee aus dem Fokus verloren, wo sich einst zwei Militärpakte gegenüber standen?

Krause: Die geostrategischen Lage in der Ostsee hat sich gegenüber der Zeit des Kalten Krieges grundlegend geändert. Heute kooperieren die Ostsee-Anrainer, ob sie der Nato oder der EU angehören. Sie haben allerdings Recht, wir müssen der Ostsee wieder jenes Augenmerk widmen, dass der sicherheitspolitischen Lage entspricht. Landes- und Bündnisverteidigung und internationale Konfliktverhütung und Krisenbewältigung stehen heute wieder gleichberechtigt nebeneinander. Das zeigt auch das Einsatzprofil der Marine: Unser Nato-Engagement genießt dasselbe Gewicht wie beispielsweise die Einsätze am Horn von Afrika oder vor dem Libanon. Im Grunde sind unsere Aufgaben gewachsen. Deswegen kommt die Trendwende mit 130 Milliarden Euro für Investitionen in den nächsten 15 Jahren rechtzeitig. Im Ostseeraum fühlen sich Polen und die baltischen Staaten von Russland auch auf See bedroht. Wir werden dafür sorgen, dass kein Kontrollvakuum entsteht. Bündnissolidarität, Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit werden wir gemeinsam mit unseren Verbündeten und Partnern  gewährleisten. Mit Blick auf die Ostsee müssen wir uns gemeinsam mit unseren befreundeten Marine aber auch die Frage stellen, ob die Anzahl unserer Schiffe und Boote ausreicht, um im Ostseeraum glaubwürdig Bündnissolidarität, Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit demonstrieren zu können.

Interview: Reinhard Zweigler

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Die Streifenboote BP 62 "Uckermark" und BP 64 "Börde" der Bundespolizei See fahren am Dienstag auf eine erste Erkundungsfahrt aus dem Hafen von Vathy auf der Insel Samos (Griechenland) in die Ost-Ägäis. Die Bundespolizei See unterstützt vom Dienstag an mit den Schiffen die griechische Küstenwache bei der Grenzüberwachung und der Rettung von Flüchtlingen in der Ägäis.

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