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18:14 09.07.2016
500 Einwohner, 78 Straßenlampen, ein Kleinod: Jens Tiedemann, Bürgermeister von Neuendorf-Sachsenbalde. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Nebenan wohnte früher Kiezgröße Harry. Harry betrieb in Hamburg ein Bordell, er war das H in der „GMBH“, einer berühmt-berüchtigten Zuhältertruppe auf der Reeperbahn, und dass sein Hof an eine kleine, aber nicht ganz unwichtige Landmarke Deutschlands grenzte, soll ihn kaum interessiert haben. Irgendwann ist Harry dann auch verschwunden, seine Spur verlor sich im Westwind.

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Die höchste Stelle Deutschlands ist die Zugspitze. Und die tiefste? Liegt in der Wilstermarsch, 3,54 Meter unter Normalnull. Ein Ortsbesuch.

Jens Tiedemann, 52 Jahre, Industrieeelektroniker und Flachländer durch und durch, zeigt auf das Grundstück. Rechts eine Handvoll Kühe, ringsherum Felder, Windräder in der Ferne, Wolken am Himmel, eine Welt wie aus dem Reiseprospekt, flach, weit, hoch; schmelzen die Polkappen, wird hier die Nordsee toben. Es ist die tiefste Landstelle Deutschlands, 3,54 Meter unter Normalnull, sie liegt in der Gemeinde Neuendorf-Sachsenbande, im Norden gerahmt vom Nord-Ostsee-Kanal, Brunsbüttel ist in der Nähe, und Wacken, das Epizentrum des Heavy-Metals, ist nur zehn Auto-Minuten entfernt, was wohl auch der Grund dafür sein dürfte, warum Tiedemann eine Sonnenbrille mit kleinen Büffelhorn-Verzierungen an den Bügeln trägt. Lokalpatriotismus.

Tiedemann lehnt an einem wuchtigen Holz-Pfahl, der die tiefste Stelle markiert, auch wenn sie genaugenommen 35 Meter weiter entfernt liegt und jetzt Rinder achtlos darauf grasen. Seit drei Jahren ist er der Bürgermeister der Gemeinde und damit Herr über 500 Einwohner und 78 Straßenlampen. Er ist hier geboren (Itzehoe), er ist hier zur Schule gegangen (Aferfleeth), er sagt: „Ich finde es schön hier, ich kann aber verstehen, wenn man es zumindest im Winter nicht mag.“

Die höchste Stelle Deutschlands ist die Zugspitze. Der kälteste Punkt ist der Funtensee in Bayern, die höchste Backsteinkirche der Welt steht in Lübeck, und dass Deutschlands tiefste Stelle in der Wilstermarsch liegt, ist seit 1987 offiziell. Bis dahin kämpften verschiedene Gemeinden um den Titel, bis schließlich die Landvermesser kamen und Ruhe in die Diskussion brachten.

Wer nach ganz unten will, der muss in den Ortsteil Neuendorf fahren, das Ganze ein Parkplatz, nicht besonders groß, nicht atemberaubend spektakulär, aber mit Holzbank, artesischem Brunnen und reetgedeckter Erklärtafel. Es gibt einen Hinweis zum Sauberhalten des Platzes. Ein Dixi gibt es auch, und wer möchte, kann sich ins Gästebuch eintragen. „Vom höchsten Berg zur tiefsten Stelle“, haben Katrin und Alexander aus Hannover in lilafarbener Schrift hinterlassen und: „Jetzt kann es nur noch bergauf gehen.“

Bürgermeister Jens Tiedemann, kennt die Art Späße, für ihn aber ist die tiefste Stelle „unser Kleinod“, weil: „Wir haben hier ja sonst nicht viel Touristisches zu bieten.“ Im Frühjahr und Sommer schwillt die Zahl der Touristen zwar auf eine erkleckliche Zahl an, vor allem Fahrradfahrer und Kanuten kommen, im Winter aber schrumpft die Welt wieder auf Erbsengröße und die Gegend rückt zusammen.

Tiedemann ist ein freundlicher Mann mit großem Ehrgeiz und gesundem Humor. Seine Zwillingssöhne heißen Tim und Tom („wir waren faul und haben nur einen Buchstaben getauscht“), und Bürgermeister ist er geworden, um Dinge besser selbst in die Hand zu nehmen, „anderenfalls werden Entscheidungen getroffen, die man nicht möchte.“ Sein Vater ist Landwirt gewesen, „17 Kühe, 23 Schweine, ein paar Kälber“, die Familie aber gab den Betrieb nach dessen schwerer Erkrankung auf, und Tiedemann tat das, was die meisten in der Gegend tun: zur Arbeit pendeln nach Hamburg. Morgens hin, abends zurück, 50 Minuten Weg. Er will Politik bürgernah gestalten, sagt er. Mit Geburtstagsbesuchen und Kaffeenachmittagen für die Senioren. Er ist überzeugt: „Großpolitik hat hier nichts zu suchen.“ Der größte Problem aktuell? Die Versorgung aller Einwohner mit Breitband-Internet. Nächster Punkt: Die Feuerwehr und ihre Nachwuchssorgen, das ist hier nicht anders als anderswo, und ein neues Feuerwehrauto müsste mal her.

Der Kies knirscht unter den Schuhen. Ab und zu beschwert sich laut ein Austernfischer. Ein Auto fährt. Die Wolken fliegen. Ansonsten: Stille. Früher gab es in der Gemeinde den Plan, vom Parkplatz einen Bohlenweg zu Deutschlands tiefster Stelle zu verlegen, aber das sei, erzählt der Bürgermeister, von den Behörden verhindert worden. Zu gefährlich, zu teuer, die Sache verlief irgendwie, irgendwann im Sand. Nächstes Jahr aber wird es immerhin an der Autobahn ein Hinweisschild geben: „Tiefste Landstelle Deutschlands“. Es geht aufwärts.

Hoch, tief, unten

Die tiefste Stelle des Meeres liegt im Marianengraben und wurde erstmals im Januar 1960 erforscht.

Der tiefste Punkt auf der Oberfläche der Erde, der nicht vom Meer bedeckt ist (allerdings von Eis), ist: der Bentleygraben in der Antarktis.

Und der höchste Punkt? Der Gipfel des Vulkans Chimborazo in Ecuador hat mit 6267 Metern von allen Punkten der Erdoberfläche die weiteste Entfernung zum Erdmittelpunkt.

Marion Hahnfeldt

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