Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Die Adventszeit ist Hochsaison für Hacker
Nachrichten Norddeutschland Die Adventszeit ist Hochsaison für Hacker
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Andreas Anhalt zerstört eine Festplatte. Denn nur, wenn die Magnetscheibe zerkratzt ist, lassen sich auch die Daten nicht mehr lesen. Quelle: 54° / Felix König
Bad Oldesloe

Lilli, wie sie das erste Mal krabbelt. Lilli, wie sie Fahrrad fährt, Eis isst und ihr Abiturzeugnis entgegennimmt. Persönliche Dokumente, Lieder, Videos, Familienbilder. Erinnerungsstücke – alles weg, auf einen Schlag. Ein Horrorszenario, das sich niemand wünscht. Der Name Lilli ist hierbei austauschbar. Was aber bleibt, ist der schmerzliche Verlust von Daten. Genauer: der Verlust von Erinnerungen.

Daten und Computer retten? Andreas Anhalt (46) aus Bad Oldesloe belebt beides täglich wieder. Das Tüfteln gehört für ihn zum Alltag – denn kein Problem gleicht dem anderen.

Andreas Anhalt (46) aus Bad Oldesloe hat etwas Ähnliches erlebt – und sein Leben umgekrempelt. Über drei Monate hinweg hatte Anhalt, der damals Busfahrer war, Fotos aus seiner Jugend, Urlaubsbilder und Schnappschüsse eingescannt. Abend für Abend, Tag für Tag. Als er mit allem fertig war, drückte er versehentlich den falschen Knopf: alles weg. Seine Arbeit: für die Katz. „Das war im Jahr 1997. Ich hatte meinen ersten Computer und habe da ganz viel dran ausprobiert“, sagt Anhalt. Manchmal, so wie dieses Mal, hat etwas nicht funktioniert wie gedacht. Und dann ging auch noch der Computer kaputt. „Die ganze Arbeit noch einmal zu machen, kam für mich nicht in Frage. Aber ich wollte meine Daten wiederhaben. Unbedingt!“ Also brachte er PC und Datenträger zu einer Firma, die damit warb, verloren gegangene Daten zu retten. Alle Daten wiederherzustellen, gelang der Firma nicht. Und zu allem Überfluss war auch noch die Rechnung horrend hoch.

Andreas Anhalt ist Arzt für Computer und Datenträger

Für Andreas Anhalt war das der Moment, wo sich sein Leben änderte. Seinen Beruf als Busfahrer hängte er an den Nagel, machte stattdessen noch eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Seit 2006 ist Anhalt selbstständig und behandelt kranke und streikende Computer wie auch Festplatten. Dabei sieht Anhalt bei seiner Arbeit als PC-Operator Parallelen zu der Arbeit eines Hausarztes: „Ich mache eine Diagnose und versuche dann, die Krankheiten zu heilen.“ Sprich: den Computer oder Datenträger wieder zum Laufen zu bringen.

Zur Weihnachtszeit haben Phishing-Mails Hochsaison

Jetzt, kurz vor der Weihnachtszeit, gehe die Zahl kränkelnder Computer aufgrund von Phishing-Mails, betrügerische E-Mails, die zum Datenklau verschickt werden, stark in die Höhe. Für Andreas Anhalt bedeutet das: zahlreiche Diagnosen, zahlreiche unterschiedliche Krankheitsbilder. Und jedes Mal ein neues Rezept, denn keine PC-Krankheit gleicht der anderen. „An Feiertagen, und insbesondere um die Weihnachtszeit und Ostern herum, verbreiten sich Viren, also Programme, die dem PC-Körper einen Schaden bringt, rasant“, erklärt er. Das hinge damit zusammen, dass Leute, die sich nichts Böses dabei denken, auf E-Mails mit lockenden Angeboten klicken würden. „Man sollte das auf gar keinen Fall tun“, warnt Andreas Anhalt. Wenn doch, könne der PC von Viren befallen werden oder sogar einen Trojaner aufgespielt bekommen. Ein Trojaner bezeichnet ein Schadprogramm, das gezielt auf fremde Computer geladen wird und so häufig unbemerkt Spionageprogramme oder andere Installationen ausführt, die den PC fernsteuern können.

Dass das Internet anonym ist, ist ein trügerischer Schein

Trotzdem: Ist das Internet wirklich, wie so häufig behauptet, der größte Tatort der Welt? „Ja, klar. Aus dem Internet bekommt man so gut wie alle Informationen. Dass das Internet anonym ist, ist ein trügerischer Schein. Man hinterlässt so viele Spuren, die sich alle verfolgen lassen“, erklärt Andreas Anhalt. Und das Schlimmste daran sei: Mit nur kleinem Aufwand ließen sich bereits große Auswirkungen erzielen. Denn jeder Datenträger gleicht einem Buch. Löscht ein Laie Bilder und Dateien, kann man diese zwar nicht mehr sehen, das heißt aber längst nicht, dass die Daten nicht mit etwas Geschick wiederhergestellt werden können. „Gelöscht ist da nichts. Lediglich das Inhaltsverzeichnis ist weg, aber auch das lässt sich rekonstruieren.“

Eine Sicherheit, verloren gegangene Daten retten zu können, gibt es nicht

„Die Technik der Computer entwickelt sich ständig weiter. Wenn ich ein Problem gelöst habe, kommt ein neues daher, und ich muss wieder tüfteln, bis ich eine Lösung finde. Oder auch nicht“, so Anhalt. Denn eine 100-prozentige Heilungschance für PC und Datenträger gebe es nie. Wie beim Menschen eben auch. „Mein längster Fall lief von Oktober 2016 bis April, Mai dieses Jahres. Ich hatte zu Anfang einfach nicht das nötige Know-how, um die externe Festplatte mit den tausenden Familienbildern zu rekonstruieren.“ Geschafft hat es Andreas Anhalt aber doch noch – und wieder einmal eine Familie glücklich gemacht. „Jeder Zweite steht den Tränen nahe vor mir, wenn die sicher geglaubten Daten auf einmal weg sind. Da bin ich nur froh, wenn ich das wieder hinbekomme!“

Lilli, wie sie das erste Mal krabbelt. Lilli, wie sie Fahrrad fährt, Eis isst und ihr Abiturzeugnis entgegennimmt. Erinnerungsstücke. Für einen kurzen Moment verschwunden geglaubt. Und nun doch wieder da. Andreas Anhalt hat sie alle gerettet. Und noch viele mehr.

Josephine Andreoli

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Industrie- und Handelskammern stellen Machbarkeitsstudie vor. Ein 20 Kilometer langer Abschnitt des Dortmund-Ems-Kanals könnte Testgebiet für selbstfahrende Schiffe werden. Doch noch fehlen Fördergelder.

07.11.2018

Volkswagen plant einen Kurswechsel für sein Produktionswerk in Emden. Medienberichten zufolge will sich der Konzern vom Passat-Modell verabschieden. Autofahrer verraten, was sie davon halten.

07.11.2018

Das Abenteurer-Trio ist zurück in Deutschland: Wolfgang Kulow, Jörn Theissig und Irene Burow haben sieben Tage lang den Salzsee Salar de Uyuni in Bolivien überquert, um ein Hilfsprojekt zu unterstützen.

07.11.2018