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Norddeutschland „Die Ära der alten Herren ist vorbei“
Nachrichten Norddeutschland „Die Ära der alten Herren ist vorbei“
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21:21 29.06.2013
Von Hanno Kabel
Hatice Kara (33, SPD), geboren im türkischen Karaman, wurde als erste Migrantin in Deutschland hauptamtliche Bürgermeisterin. Quelle: Foto: Olaf Malzahn
Timmendorfer Strand

Mitte Mai wird in Niendorf angebadet, das ist Tradition; und Tradition ist auch, dass der Bürgermeister mitmacht. Seit dem 1. Juli 2012 ist der Bürgermeister von Timmendorfer Strand eine junge Frau, Hatice Kara. Vor dem Anbaden in diesem Jahr wurde spekuliert: Würde die Bürgermeisterin im Badeanzug kommen oder im Bikini? Hatice Kara kam im Neoprenanzug. So vermied sie das zehn Grad kalte Wasser und die Fotos, die sie nicht wollte. Die Tradition blieb gewahrt, niemand nahm Anstoß, und wieder war ein Stück neue Normalität hergestellt.

Im Wahlkampf flogen ihr die Herzen zu. Sie war jung, charmant, fröhlich, sie gewann die Stichwahl mit über 60 Prozent. Hatice Kara (33) ist in diesem Amt die erste Frau, das erste SPD-Mitglied seit 1949 und die erste Migrantin. Doch die gewonnene Wahl war das eine. Das andere ist, sich zu etablieren. Sie setzt auf Kooperation. Sie erwähnt, dass sie aus einer großen Familie komme: „Das bedeutet ja auch, dass man diesen Teamgedanken verinnerlicht hat.“

Aber eine Gemeindevertretung ist keine Familie, und Politik ist nicht nur Kooperation, sondern auch Kampf. Bald nach ihrem Amtsantritt scheiterte Kara in der Gemeindevertretung mit einer Stellenbesetzung, was sie noch immer wurmt. Etwas, was sie gelernt habe, sagt sie, sei dies: „Dass man oft weiter kommt, wenn man um den heißen Brei herumredet. Als Juristin werden Sie in Ihrer ganzen Ausbildung darauf getrimmt, kurz, knackig und prägnant auf den Punkt zu kommen. Wenn ich das so mache, dann ist es vielen zu kurz.“

Nicht alle sind zufrieden mit ihr. Heinz Meyer (63) sitzt in einem kleinen Raum, den man durch ein Labyrinth aus Schuhkartons erreicht, im Obergeschoss einer Ladenpassage mitten im Zentrum. Er ist aktives CDU-Mitglied und Vorsitzender der Aktivgruppe für Handel und Gewerbe. Einen hochprofessionellen Wahlkampf habe sie gemacht, das gesteht er Hatice Kara zu, und dass sie den direkten Kontakt zum Bürger hervorragend pflege. Und fleißig sei sie, ohne Frage. Aber das war es dann auch an Lob.

„Was mir fehlt, ist eine Vision: Wo sollten wir in drei, in fünf, in zehn Jahren stehen?“ Meyer traut ihr eine solche Vision nicht zu, daraus macht er kein Hehl. Seine Vision ist: zwei, drei neue Hotels in Timmendorfer Strand. „In so einem Ort müssen Sie Macher sein“, sagt er. Vor allem nimmt er der Bürgermeisterin übel, dass sie im Streit um die Sonntagsöffnung relativ zurückhaltend auftrat. „Da haben sich andere Bürgermeister hier ganz anders geäußert“, schimpft Meyer.

Thomas Vogel (58), Pastor an der Waldkirche in Timmendorfer Strand, hält dagegen: „Frauen regieren anders“, sagt er. „Mit ,Hauruck‘ ist Frau Kara nicht in Verbindung zu bringen.“ Vogel war von Hatice Kara so angetan, dass er ihr schon im Wahlkampf das Du anbot, und noch immer gerät der evangelische Pastor fast ins Schwärmen, wenn er von der muslimischen Bürgermeisterin spricht: „Ihre Souveränität hat noch mal zugenommen, und ihre Fröhlichkeit ist nicht weniger geworden.“ Auch im kirchlichen Zusammenhang habe sie Akzente gesetzt. Er bat sie, beim Open-Air- Gottesdienst einen Text aus dem Evangelium zu lesen, und als sie zusagte, suchte er für sie dazu noch eine Koransure aus. „Muslime sind nicht immer nur die Verrückten, Extremisten und Salafisten“, sagt er. „Mehr Kara ist weniger Sarrazin.“

Hatice Kara selbst spricht von sich aus nicht über ihre Herkunft. Anders ist es beim Thema Frauen in der Politik: „Einem Mann traut man zu, dass er Bürgermeister sein kann“, sagt sie. „Der Bürgermeisterberuf wird bekleidet von einem großen, kräftigen Mann, am besten noch dickbäuchig mit grauem Bart. Und wenn dann tatsächlich so eine junge, zierliche Frau hinkommt, dann muss die sich erst mal das Vertrauen der Menschen erarbeiten.“

In der Gemeindevertretung hat sie die politische Mehrheit gegen sich. Daran haben die Kommunalwahlen im Mai nichts geändert. Aber jetzt sitzen dort acht Frauen statt nur einer. Hatice Kara sieht sich selbst als Vorreiterin: „Das, behaupte ich, ist ausschließlich durch meine Wahl erfolgt — dass wir hier einen Generationswechsel an der Verwaltungsspitze bekommen haben und Frauen in der Politik haben.“ Da widerspricht nicht einmal ihr Gegner Heinz Meyer. Er sagt: „Die Ära der alten Herren ist vorbei.“

Politischer Senkrechtstart

61,7 Prozent der Stimmen bekam die SPD-Kandidatin Hatice Kara bei der Bürgermeister-Stichwahl in Timmendorfer Strand 2012. Ihr unterlegener Gegner war der Kandidat der CDU. Am 1. Juli trat sie ihr Amt an. Sie ist Nachfolgerin des kurz zuvor verstorbenen Volker Popp. Hatice Kara ist die erste und — von einigen Monaten im Jahr 1949 abgesehen — bisher einzige Sozialdemokratin in diesem Amt.

Hatice Kara wurde 1979 in der südtürkischen Stadt Karaman geboren. Seit 1980 lebt sie in Deutschland. Sie wuchs in Rendsburg mit fünf Geschwistern als Tochter eines Werftarbeiters auf. Seit 1999 ist sie deutsche Staatsangehörige, seit 2000 Mitglied der SPD. Sie studierte Jura in Kiel und arbeitete anschließend als Rechtsanwältin in Rendsburg.

Timmendorfer Strand ist wie kaum eine andere Gemeinde in Schleswig-Holstein vom Tourismus geprägt: Auf die 8700 Einwohner kommen 1,3 Millionen Übernachtungen von Urlaubern im Jahr.

Hanno Kabel

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