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Norddeutschland Die Angst vor dem Super-Gau
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14:24 02.05.2016
Das Atomkraftwerk Brokdorf liegt unweit vom Ortsrand zwischen Wiesen und Äckern in der Wilstermarsch. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Der Widerstand ist in die Jahre gekommen. Karsten Hinrichsen (73) war von Anfang an dabei. 32 Jahre wohnt er schon in Brokdorf (Kreis Steinburg). Als er 1984 in das von Kuhwiesen umgebene Dörfchen am Elbdeich zog, war das Atomkraftwerk noch im Bau, die Katastrophe von Tschernobyl noch nicht geschehen. Und der Angriff von Terroristen auf das World Trade Center in New York 2001 Zukunftsmusik.

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In Brokdorf leben die Anwohner mit dem letzten Atomkraftwerk Schleswig-Holsteins — Erst 2021 soll es vom Netz gehen — Wie ist die Stimmung im Ort nach dem letzten Störfall und den Diskussionen um IS-Terrorszenarien?.

„Stellen Sie sich vor, so etwas passiert hier“, sagt Hinrichsen. „Ein Flugzeug-Crash, und es kommt zu einer Kernschmelze. Das wäre ein nicht mehr beherrschbarer Unfall. Der Super-Gau.“ Hinrichsen trägt ein kariertes Hemd und einen dunkelblauen Pullunder. Ein wenig wirkt er wie ein Oberschüler, der seinem Look bis zur Rente treu geblieben ist. Aber an Ruhestand denkt der Atomkraftgegner nicht.

Nicht, solange er der Ansicht ist, dass 1,5 Kilometer von ihm eine Zeitbombe tickt.

Vorige Woche gab es wieder mal einen Störfall, am Sonntag danach kamen 200 Leute zu einer Demo. Überwiegend von außerhalb, wie man in Brokdorf hört. Der Vorfall, so die allgemeine Meinung, war nichts Dramatisches, an einer Kühlmittelpumpe fiel ein Drehzahlmessgerät aus.

„Aber was wäre gewesen, wenn da nur eine Sache hinzugekommen wäre?“, fragt Hinrichsen. Er hat da eine Karte, sie zeigt die Ausdehnung der Verstrahlung rund um das Kernkraftwerk Tschernobyl. Mit dem Unterschied, dass das Strahlungs-Raster über eine Karte von Brokdorf und Norddeutschland gelegt wurde. Hamburg liegt in der am stärksten kontaminierten Zone, ebenso Bad Segeberg, auch Lübeck und Lauenburg sind betroffen. Bis Osnabrück, an die Müritz und die Havel wäre demnach alles verstrahlt. „Eine fiktive Lage, die je nach Wetter ganz anders aussehen könnte“, weiß der gelernte Physiker und Meteorologe. „Aber die Dimensionen werden deutlich.“

Hochwasser, Erdbeben, Cyberattacken — die Liste der auch in Brokdorf vorstellbaren Katastrophen ist lang. „Heute gibt es panzerbrechende Waffen, die 1,5 Meter Stahl durchschlagen können“, führt Hinrichsen aus. Der stählerne Reaktordruckbehälter von Brokdorf sei nur 40 Zentimeter dick. Für den Ex-Grünen, der zur Bürgerinitiative „Brokdorf akut“ gehört, gibt es angesichts dieser Bedrohungen nur eine Alternative: „Abschalten. Sofort.“ Darauf haben er und ein zweiter Anwohner geklagt, mit Unterstützung von Greenpeace.

Gut, spätestens 2021 muss Brokdorf laut Atomgesetz ohnehin vom Netz. „Sie sollen es in Ruhe zu Ende bringen“, findet Kay Stankowski (59), der in einem ehemaligen Bauernhaus in Sichtweite des Meilers lebt. „Auf fünf Jahre kommt es nicht mehr an.“ Bloß keine Hektik, nicht, dass am Ende doch noch etwas schiefgeht, meint der Briefmarkengroßhändler. „Gedanken macht man sich schon.“

Er sage sich dann, dass er zwar sehr nah am Kernkraftwerk wohne, aber immerhin der Wind meist nicht von dort zu ihm wehe, sondern umgekehrt. Und dass es auf dem flachen Land eher unwahrscheinlich sei, dass Fluchtwege versperrt wären. „Ich hab‘ vorher in Hamburg gewohnt. Wenn da 1,5 Millionen Menschen plötzlich weg wollen, sieht es schon anders aus.“

In Brokdorf selbst wollen die meisten Bewohner das lieber gar nicht so genau wissen. „Wenn das Ding hochgeht, ist es egal, ob ich hier bin oder in Glückstadt“, sagt Ute Grube (49). Kay Wagner (45) hat vor 16 Jahren in Brokdorf gebaut und glaubt nicht an ein großes Risiko. „Sonst wäre ich nicht hergezogen.“ Feuerwehrmann Carsten Buck (31) kennt die Notfallpläne. „Was gemacht werden kann, wird gemacht“, so der Familienvater. Und Marc Stüven (18), der im Ort aufgewachsen ist, glaubt nicht, dass ihm die Nähe des Atomreaktors geschadet hat.

Zwar erklärt Atomkraftgegner Hinrichsen gerne, dass die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken größer sei, wenn man in der Nähe eines Atomkraftwerkes wohne. Aber für Brokdorf sei das nicht belegbar, räumt er ein. Es seien auch keine Risse in den Reaktordruckbehältern bekannt wie im belgischen Tihange. Brokdorf sei 1986 als letztes deutsches Kernkraftwerke ans Netz gegangen und gehöre zur modernsten, sichersten Generation. „Aber auch nach 30 Jahren noch?“

Zwischenlager mit hochradioaktivem Abfall

Brokdorf (Kreis Steinburg) hat knapp 1000 Einwohner, die nächstgrößeren Orte sind Glückstadt und Wilster.

Das Atomkraftwerk Brokdorf wurde ab 1976 erbaut und ging 1986 ans Netz. Es gehört zu 80 Prozent dem Energiekonzern E.on und zu 20 Prozent Vattenfall. Es hat eine Nettoleistung von 1410 Megawatt.

Das Zwischenlager Brokdorf wurde 2007 in Betrieb genommen, derzeit stehen dort 29 Castorbehälter mit hochradioaktivem Material. Insgesamt sollen es 75 Behälter werden.

Die Bürgerintiative „Brokdorf akut“ gibt es seit 2011, sie hat 20 Mitglieder.

Von Marcus Stöcklin

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