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Die Bergung der gestrandeten Riesen

Kaiser-Wilhelm-Koog Die Bergung der gestrandeten Riesen

Der Tod vieler Pottwale in der Nordsee innerhalb kurzer Zeit stellt Wissenschaftler vor ein Rätsel. Zunächst bleibt nur die Trauer über den Verlust der Meeresgiganten. Und die Beseitigung der Kadaver. Bei Kaiser-Wilhelm-Koog ziehen Küstenschützer fünf der acht verendeten Pottwale aus dem Wasser. Ein schwieriges Unterfangen.

Tote Pottwale liegen am 03.02.2016 im Wattenmeer vor dem Kaiser-Wilhelm-Koog (Schleswig-Holstein). Experten haben am Mittwoch mit der Bergung der acht im Wattenmeer vor Dithmarschen entdeckten Pottwalkadaver begonnen.

Quelle: Christian Charisius/dpa

Kaiser-Wilhelm-Koog. Es ist verdammt ungemütlich am Deich bei Kaiser-Wilhelm-Koog (Kreis Dithmarschen). Hagelschauer gehen nieder, dazu weht ein eisiger Wind.

Trotzdem sind 15 Küstenschützer und zahlreiche Schaulustige da. Sie stehen im Matsch, blicken gebannt auf das Wattenmeer in etwa 1000 Metern Entfernung. Was dort sichtbar wird, ist ein trauriges Naturereignis: Die Umrisse dunkelgrauer Kolosse sind an der Wasserkante sichtbar, noch leicht umspült vom Nordseewasser. Es sind acht Pottwale, die am Sonntag hier entdeckt wurden, inzwischen sind sie verendet. Wie gestrandete U-Boote heben sich die Körper der Meeresriesen vom Horizont ab. Acht sind hier gestrandet, jeder zehn bis zwölf Meter lang. „Es ist der größte je in Schleswig-Holstein gemachte Fund von Pottwalen“, sagt Hendrick Brunckhorst vom Nationalpark Wattenmeer.

„Und jetzt werden wir versuchen, sie zu bergen.“ Dazu hat der Landesbetrieb Küstenschutz einen großen Bagger, zwei Raupen und ein kleines Kettenfahrzeug mitgebracht. Sie sollen die Wale an Land ziehen. Ein riskantes Unterfangen: Jeder wiegt 15-20 Tonnen, der Untergrund ist sehr, sehr weich.

Zweifelnd blickt Christian Piening (38), Ranger im Nationalpark Wattenmeer, hinaus auf die See. Es ist jetzt 11 Uhr, die Flut hat sich zurückgezogen, und die Raupen rollen los. „Die fahren auf Schafdämmen“, so Piening. „Dort ist der Grund ein wenig fester.“

Bevor die Raupen an den Walen ankommen, klettern einige Ranger auf die massigen Walkörper und setzen gezielte Schnitte an, damit die Gase entweichen können, die sich seit der Entdeckung am Sonntag angesammelt haben. Ansonsten würde Explosionsgefahr bestehen. Auch die Unterkiefer der Wale werden entfernt. „Darin sitzen die Elfenbeinzähne“, erklärt Piening. Früher versahen Walfänger sie mit kunstvollen Schnitzereien und bewahrten sie als Trophäe auf. Auch heute noch, so Piening, seien Elfenbeinjäger hinter den Walzähnen her. „Denen wollen wir keine Chance geben.“

Ein skurriler Anblick: Mitten auf einem grünen Feld liegt ein riesiger Pottwal. Die toten Tiere wurden am Mittwoch aus der Nordsee geborgen - dann wurden ihnen die Unterkiefer entfernt.

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Dann werden die massigen Tierkörper mit der Schwanzflosse, der Fluke, an die Raupen gebunden und langsam aus dem Wasser gezogen. Die Ketten der ersten Raupe aber drehen auf dem matschigen Untergrund bald durch. Eine zweite muss kommen. Mit vereinten Kräften gelingt es ihnen, den Wal bis zum asphaltierten Weg an der Deichkante zu schleifen. Von dort sollen Tieflader die Kadaver abtransportieren.

„Sie werden rüber nach Meldorf gebracht und dort zerlegt“, erläutert Ranger Michael Beverungen (57). Die Tierkörperverwertung in Jagel bei Schleswig ist die letzte Station für die Pottwale. Das Tiermehl geht in die Betonindustrie, das Tierfett wird als Biodiesel verwendet. Ein trauriges Ende.

„Der Anblick der toten Wale berührt uns“, formuliert Umweltminister Robert Habeck, der mit seinem Pressetross spontan aus der Landeshauptstadt Kiel an den Deich gereist ist. „Für mich als Mensch ein verstörender Anblick. Wir wissen nicht, wieso die Tiere hier gestrandet sind.“ Es gebe wohl mehr Pottwale als früher, spekuliert der Minister über die Ursache.

Umweltminister Robert Habeck (Grüne) zeigte sich durch den Tod der vielen Wale betroffen:

Die Kadaver werden später von Mitarbeitern der Tierärztlichen Hochschule Hannover untersucht, klärt Meeres-Expertin Lisa Maria Otte (33) von Greenpeace auf. Ob die Zahl der Pottwale tatsächlich zugenommen habe, sei nicht klar. „Wir gehen vorerst weiter davon aus, dass etwa 360000 dieser Tiere weltweit existieren.“

In diesem Jahr seien insgesamt schon 27 Pottwale gestrandet. „Bei allen war das Gehör geschädigt“, so die Naturschützerin. Grund seien wahrscheinlich Erkundungsexplosionen für die Ölförderung unter Wasser, aber auch Schiffslärm und Übungen der Marine. Viele der Wale hätten Plastik im Magen gehabt. Otte: „An dem im Meer treibenden Plastik setzen sich Umweltgifte fest, die den Walen schaden.“

Pottwale

Die acht Wale vor Kaiser-Wilhelm-Koog seien noch jung gewesen. „Ein ausgewachsener Pottwal misst 18 Meter, diese sind etwas mehr als halb so lang.“ Vermutlich seien die Wale, alles junge Bullen, auf dem Weg von Nordnorwegen zu den Azoren an den Shetland-Inseln „falsch abgebogen“. Damit hatten sie keine Chance mehr — im flacheren Nordseewasser versagt ihr Orientierungssystem.

An diesem Mittwoch schaffen es die Küstenschützer, fünf der Wale zu bergen. Die zurückkehrende Flut macht weitere Bemühungen ab 15 Uhr unmöglich. Heute sollen die übrigen drei Tiere an Land gezogen werden. Zwei weitere tote Pottwale wurden gestern bei Büsum entdeckt. „In diesem Jahr sind außergewöhnlich viele Pottwale bei uns gestrandet“, so Lisa Maria Otte. „Wir Menschen können den Walen helfen. Indem wir die Meere weniger stark verschmutzen und weniger Lärm produzieren.“

Marcus Stöcklin

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