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Norddeutschland Die Frau, die keinen Konflikt scheut
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11:35 25.04.2014
Die Lübeckerin Silke Schneider (46) ist neue Staatssekretärin. Quelle: Malzahn
Kiel

Was hat Schleswig-Holsteins Landwirtschafts- und Umweltminister Robert Habeck nicht ständig für Ärger an der Backe. Mit den Landwirten. Mit den Fischern. Jetzt holt der Grünen-Politiker sich eine zertifizierte Mediatorin ins Haus. Eine Person, die Erfahrung im professionellen Streitschlichten mitbringt. Das scheint clever. Die Lübeckerin Silke Schneider (46) wird Staatssekretärin in seinem Ressort. Vor vier Tagen trat die promovierte Juristin ihren Dienst an.

Es war an einem Sonnabend, als bei Schneider in Lübeck morgens das Telefon klingelte. Am anderen Ende war Ulf Kämpfer. Der Richterkollege wollte wissen, ob Schneider Lust hätte, seinen Staatssekretär-Job zu übernehmen. Kämpfer, auf dem Sprung zum Kieler Oberbürgermeister, fragte im Auftrag von Habeck nach. Der Minister war auf die Parteilose aufmerksam geworden, als sie eine Aufgabe für das Ministerium mit Bravour erledigte: Im Streit zwischen Naturschutzverbänden und Muschelfischern zu vermitteln.

Drei Wochen ließ Schneider vergehen, ehe sie sich für Kiel entschied. Schneider war Direktorin des Segeberger Amtsgerichts. Eine Aufgabe, die ihr nach eigenen Angaben Spaß machte. „Staatssekretärin?

Das war eine ganz andere Tätigkeit“, erklärt sie die erbetene Bedenkzeit. „Ein neuer Spagat zwischen Job und Familie.“ Waren da doch sechs Kinder (in Worten: sechs) aus zwei Ehen, die in die Entscheidung einbezogen werden wollten. Drei Jungs und drei Mädchen, im Alter von 8 bis 21 Jahren. Lübeck als Wohnort aufzugeben, das sei ohnehin nie in Frage gekommen. „Lübeck ist der Ort, an dem ich zu Hause bin. Der Ort, an dem ich mich erde und Kraft finde“, sagt Schneider. Die Hansestadt sei der Ort ihrer Kindheitserinnerungen. Ihre Mutter stammt aus Lübeck.

Warum dann also die Entscheidung für den neuen Job? „Es ist die Vielfalt der Themen, die mich reizt, ihre gesellschaftliche Bedeutung.“ Als Richterin gehe es darum, Gerechtigkeit im Einzelfall zu schaffen, im Ministerium um Gerechtigkeit für ganze Gruppierungen. Okay, die Filterpflicht für Schweineställe oder der richtige Schnittwinkel für Knicks, das seien Themen, in die sie sich erst einarbeiten müsse. Aber das werde schon. An Möglichkeiten, Streitigkeiten zu schlichten, wird es Schneider auch künftig kaum mangeln. Oder? Schneider lacht. Wie so oft bei diesem Gespräch. „Ich bin gewohnt, mit Konflikten umzugehen“, sagt sie mit einer warmen Stimme.

Die große, schlanke Frau wirkt ausgleichend, beruhigend, vereinnahmend — vor allem authentisch. Da kam man sich gut vorstellen, wie sie Streithähne zur Räson bringt. Oder beinahe zu Freunden macht.

Wie in jenem Fall, in dem ein Bauunternehmen auf zurückgehaltene Zahlungen eines Bauherren klagen wollte. Die Richterin brachte die Parteien außergerichtlich an einen Tisch. „Erste Aufgabe ist es, dass beide Seiten sich auf Augenhöhe begegnen“, erklärt Schneider ihre Aufgabe. In jener Geschichte kam der Unternehmer auf die Baustelle zurück, einigte sich mit der Familie über die Mängelbeseitigung und stellte ihr am Ende noch ein Spielgerüst für die Kinder in den Garten. „Nichts ist unmöglich“ — der Slogan eines Automobilherstellers könnte als Lebensmotto von Silke Schneider durchgehen.

Schneiders eher bescheidenes Büro liegt im zehnten Stock eines hässlichen Hochhauses im Kieler Stadtteil Wik. Im Norden der Landeshauptstadt. Mit Blick auf die Förde. Und den rot-weißen Leuchtturm von Westerhever. Den zeigt ein großformatiges Bild, das vis-à-vis ihres aufgeräumten Schreibtisches hängt. Frau Staatssekretärin hat das Stück heimische Kunst aus dem Amtsgericht Bad Segeberg mitgebracht. Dort war es ihr ein besonderes Anliegen, mit Ausstellungen mehr Leben in die Behörde zu bringen.

Stichwort Leben. Wie schafft Frau Dr. Schneider es, sich bei ihrem Job in Kiel noch ausreichend um sechs Kinder zu kümmern? Nein, sie sagt an dieser Stelle nicht: „Nichts ist unmöglich.“ „Nur drei Kinder“, sagt sie entspannt. Nämlich die im Alter von 8, 9 und 17. Die 16-jährige Tochter sei derzeit auf Auslandsaufenthalt in Argentinien. Die beiden Ältesten seien zum Studium aus dem Haus. „Ich wechsele mich in der Kinderbetreuung der beiden Jüngsten mit meinem geschiedenen Ehemann ab. Das klappt sehr gut“, verrät Schneider ihr Rezept. Ihr Ex-Mann ist Hartmut Schneider, Vizepräsident am Lübecker Landgericht.

Trotzdem fordern die Jüngsten ihren Tribut. Ein Kinderbuch wartet aufs Vorlesen. Es ist ein Geschenk von Robert Habeck (beide haben am 2. September Geburtstag). Vom Minister (Nebenjob Schriftsteller) persönlich verfasst. Auf Schneiders Nachttisch liegt eine Autobiografie von Hamburgs Ex-Justizsenatorin Lore-Maria Peschel-Gutzeit, daneben das Hartmann-Buch „Unser ausgebrannter Planet“. Für die Lektüre blieben nur nächtliche Stunden, räumt die Lübeckerin ein. In der wenigen Freizeit, die tagsüber bleibt, treibt Schneider supergerne Sport. Als Ausgleich. Sie läuft, geht in den Fitnessklub.

Regelmäßig. Will demnächst zwei Wochen über den Jakobsweg wandern. Man möchte antworten: „Nichts ist unmöglich.“

Staatssekretärin? Das ist ein neuer Spagat zwischen Job und Familie.“Dr. Silke Schneider (46),
Umwelt-Staatssekretärin
und sechsfache Mutter

Curd Tönnemann

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