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Norddeutschland Die Großstadtcowboys bitten zum Tanz
Nachrichten Norddeutschland Die Großstadtcowboys bitten zum Tanz
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14:20 14.02.2016

Lübeck, Moisling, an einem Donnerstagabend. Graue leere Straßen. Kälte beißt ins Gesicht, Schneeregen fällt. An Wohnblöcken wuchern Satellitenschüsseln, links liegt Agatas Grill, eine Straßenecke weiter der Penny-Markt. Der Ort ist genau das Gegenteil dessen, was man sich so vorgestellt hat für ein Treffen dieser Art, Minuten später aber wieder mal die Erkenntnis, dass die Welt in kein vorgefertigtes Raster passt.

Der Saal des Gemeinschaftshauses birst vor Ausgelassenheit und Leben; Männer und Frauen mit Cowboyhüten und Jeans- oder Karohemden knallen mit den Absätzen ihrer Stiefel auf den Dielenfußboden, sie sehen aus, als wären sie für Dreharbeiten eines Italo-Western gecastet, stattdessen kommen sie aus Mölln, Reinfeld, aus Stockelsdorf, und viele von ihnen kommen sogar zwei Mal die Woche.

Weil ihr Leben sonst ein Stück ärmer wäre, wie sie sagen, weil sie Countrymusik mögen, weil sie gerne in der Gemeinschaft tanzen. Weil, weil, weil. Es ist die größte Linedance-Gruppe Schleswig-Holsteins, und das Gemeinschaftshaus ist ihr Zentrum. Dass ihre Gesichter glühen vor Fröhlichkeit und Enthusiasmus, ist eine der schönsten Erinnerungen an den Abend.

Begonnen hatte das Ganze vor etwa zwölf Jahren mit Frank Ritter und seiner Frau Silke. Sie, gebürtige Lübeckerin mit langen Haaren und großem Herz; er, hochgewachsen, Hamburger Jung, ehemaliger Fitness-Trainer. Früher unterrichtete er Aerobic und Step-Aerobic, heute arbeitet er auf einem Recyclinghof, seine Frau Silke sagt, dass er wahnsinnig gut tanzen kann. Fragt man ihn, warum er sich ausgerechnet für Linedance entschieden hat, spricht er von „Spaß und guter Laune“; er sagt es mit ruhiger Stimme, Schweißperlen auf der Stirn. Zum Linedance fand er in Hamburg, Freunde hatten ihn zu einer dieser Garagen-Partys geladen, und wenn man jetzt schreibt, dass die Welt danach für ihn eine andere war, ist das nicht untertrieben, 2002 war das, und nach diesem Treffen war klar, was er wollte. Er lernte, die Rhythmen und Schrittfolgen, jeden Abend war er zu dieser Zeit unterwegs, und hätte eine Woche neun Tage gehabt, ihn hätte nichts gehalten. „Ohne fehlte etwas“, sagt er, und dass später seine Frau Silke dazu stieß, war natürliche Folge, das erste Mal kam sie in High Heels zum Training.

Weil es in Lübeck noch nichts Vergleichbares gab, gründeten die beiden mit ihrem Umzug an die Trave die „Black Eagles Line Dancer“, angelehnt an Lübecks Wappenzeichen mit dem Doppeladler. Zuerst starteten sie mit einer kleinen Gruppe in einer Gaststätte in Schlutup, damals waren sie zu acht, heute sind sie in etwa 70. Helga ist die Älteste, eine dynamische Mittsiebzigerin, und sie ist eine der treuesten Anhängerinnen. Überhaupt ist das Ganze eine bunte Mischung aus alt und jung, Mann und Frau, dick und dünn, Anfänger und Fortgeschritten, Paaren und Singles, spricht man Frank Ritter darauf an, nennt er diese Kombination als einen der Gründe, warum Linedance so erfolgreich ist. „Man braucht keinen Partner und ist trotzdem in der Gruppe.“

Längst ist Linedance bundesweit in Mode, auch in Berlin oder in Hamburg eröffnet eine Gruppe nach der anderen. Und wenn Mitstreiterin Urszula nun mit breitem Lachen davon erzählt, wie sie früher zur Physiotherapie gegangen sei, stattdessen nun aber Linedance für sich entdeckt habe, ist das ein Lob, wie man es an diesem Abend häufig hört, wenngleich in anderen Worten. Immer geht es in den Erzählungen um Spaß, um die Bewegung, um Sorgen, die sich wegtanzen lassen würden.

Im Inneren des Gemeinschaftshauses plappern die Frauen und Männer unter einer rot-blauen Faschingsgirlande aufgekratzt durcheinander. Es wird umarmt und geküsst und gelacht, Herzen und Sterne kleben an den Wänden, auf dem Tisch stehen Schokoküsse und Nüsse, und etwas abseits stehend versucht Frank Ritter die Grundlagen des Tanzes zu erklären.

Er spricht von Grapevine, Coaster Step, Viertelturn; die Worte schwirren durch den Raum, vermischen sich mit dem fröhlichen Geschnatter, es ist wie auf einem Kindergeburtstag.

Frank Ritter sagt: „Beim Linedance zählt nicht nur die Liebe zur Musik, sondern auch die Freude an der Bewegung.“ Am besten sei es, sagt er, „wenn man während des Tanzens ein Schwätzchen führen kann.“

Ursprung in den USA

Linedance oder auch Line Dance kommt aus den USA. Wie der Name schon sagt, wird in Reih‘ und Linie getanzt, immer nebeneinander und hintereinander. Man braucht keinen Partner und tanzt trotzdem in der Gruppe. Obwohl in den Staaten beheimatet, ist Linedance vor allem in Deutschland, in den Niederlanden oder Skandinavien populär. Es gibt Linedance-Meisterschaften, die Deutsche Meisterschaft wird vom Bundesverband für Country- und Westerntanz ausgerichtet.

Die „Black Eagles Line Dancer“ treffen sich montags und donnerstags ab 19.30 Uhr im Gemeinschaftshaus KSV Moisling. Bei Interesse melden unter Telefon: 01573/7255449 oder per Mail: info@linedance-luebeck.de

Marion Hahnfeldt

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