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Norddeutschland Die Krise macht viele Bauern krank
Nachrichten Norddeutschland Die Krise macht viele Bauern krank
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19:30 03.01.2019
Tägliche Arbeit ohne Pause: Landwirt oder Landwirtin zu sein, ist ein Knochenjob. Weil der Druck immer hoch und die wirtschaftliche Lage oft schwierig sei, werden immer mehr Bauern psychisch krank, warnt das schleswig-holsteinische Netzwerk für Bauern in Notlagen. Quelle: dpa
Kiel

Die Krise der Landwirtschaft macht immer mehr Bauern krank. Die Zahl der Hofbesitzer, die wegen einer psychischen Erkrankung vorzeitig aufgeben und in Rente gehen, ist seit 2013 von gut 16 auf fast 21 Prozent gestiegen. Das belegen Zahlen der „Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG)“. Auch beim 2015 gegründeten, bundesweit einmaligen Hilfe-Netzwerk für Landwirte von Kammer, Tierschutzbeauftragtem und Verbänden in Schleswig-Holstein schnellte die Zahl der Hilferufe in die Höhe.

Familienstreit, Kostendruck, Existenzangst: Das ist für viele Bauern der Cocktail für Depressionen

Am Donnerstag zog das Netzwerk im Kieler Landwirtschaftsministerium eine erste Bilanz. Der damals neu ins Amt berufene Tierschutzbeauftragte des Landes, Professor Edgar Schallenberger, hatte die Gründung maßgeblich mit angestoßen. Seine Erkenntnis: Lassen Landwirte ihre Tiere verwahrlosen, stecken oft auch menschliche Tragödien dahinter, Familienstreit, der hohe Konkurrenzdruck, wirtschaftliche Not etwa bei Milchbauern, die trotz Knochenjob oft keinen Gewinn mehr machen, Existenzängste – und dann am Ende der Burnout und schwere Depressionen. „Unser Angebot wird viel stärker nachgefragt, als ich zu Anfang gedacht oder auch gefürchtet hatte“, sagt Schallenberger. Das viel zu nasse Jahr 2017 oder die Dürre 2018 dürften die Sorgen der Landwirte noch vergrößert haben.

Knochenjob Landwirtschaft

In Schleswig-Holstein gibt es derzeit laut Landwirtschaftsministerium rund 11 500 landwirtschaftliche Betriebe, die von den Besitzern selber geführt werden. 4500 der Inhaberinnen und Inhaber sind über 55 Jahre alt. Dazu kommen rund 7900 Familienangehörige, die auf den Betrieben mitarbeiten. 250 Betriebe ließen sich 2018 von der Landwirtschaftskammer wirtschaftlich und sozial beraten. Beim Sorgentelefon der Nordkirche haben im selben Zeitraum 90 Landwirte und Landwirtinnen nach Hilfe gefragt, heißt es vom „Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt“. Die Probleme seien oft ähnlich. Es gebe etwa familiäre Probleme, weil auf einem Hof mehrere Generationen mit sehr unterschiedlichen Sichtweisen täglich eng zusammenarbeiten müssten. Es gebe wirtschaftliche Notsituationen, die auch psychisch sofort zur Belastung werden würden. Denn: Gerate ein Betrieb in Schieflage, hänge meist die Existenz der ganzen Familie daran. Auch die Wohnung der Familie drohe bei einer Pleite ja gleich mit verloren zu gehen. Und selbst wenn die wirtschaftliche Lage gut sei, herrsche auf den Betrieben oft ein hoher Arbeitsdruck. „Landwirtschaft ist in vielerlei Hinsicht ein Knochenjob“, sagt Kiels Staatssekretärin Anke Erdmann (Grüne).

Weil viele Landwirte für ihre Arbeit kaum einmal den Hof verlassen müssen, fällt das aber oft niemandem rechtzeitig auf. „Dazu kommt, dass gerade auf dem Land viele Menschen Scheu haben, ihren Nachbarn zu zeigen, dass sie eigentlich Hilfe bräuchten“, sagt Anneli Wehling, Milchbäuerin und Vertrauensfrau des Netzwerkes. Vor allem ältere Landwirte scheuten oft davor zurück, sagt auch Jürgen Rosummek von der Sozialversicherung. Zudem sei es in einigen Regionen wie Dithmarschen besonders schwer, an die Menschen heranzukommen.

Landtierarzt und Wissenschaftler Edgar Schallenberger ist Tierschutzbeauftragter des Landes, hilft aber auch Landwirten und Landwirtinnen in Not. „Wir sprechen ihre Sprache, könne Hilfe zur Selbsthilfe organisieren“, sagt der Professor. Quelle: Axel Heimken/dpa

Das Netzwerk hält dagegen und will Hilfe zur Selbsthilfe vermitteln. Die Landwirtschaftskammer hat dazu ihre sozio-ökonomische Beratungsstelle aufgestockt – die Zahl der Beratungen schnellte im vergangenen Jahr von unter 200 auf über 250 in die Höhe. Die Nordkirche hat ein „Sorgentelefon für landwirtschaftliche Familien“ eingerichtet. Der Landfrauen-, der Bauern- und der Milchviehhalterverband stellen Vertrauensleute. Und auch die SVLFG hat eine Krisen-Hotline eingerichtet. Zudem sei es für die Sozialversicherung seit 2015 endlich rechtlich möglich, auch Präventionsmaßnahmen zu bezahlen, sagt Jürgen Rosummek. Das fange bei Stressbewältigungsseminaren an und gehe über die Stellung von Haushalts- und Betriebshilfen bis hin zu Psychotherapien. Wer auch immer von den Netzwerkern von Bauern und Bäuerinnen in Notlagen angesprochen wird, zieht zudem die Netzwerk-Partner zurate, wenn deren Hilfe ebenfalls gebraucht wird.

Grünen-Staatssekretärin plädiert für verbale Abrüstung in der Debatte um Nahrungsmittel

Anneli Wehling mahnt zudem eine andere Landwirtschaftspolitik an, die den Menschen wieder eine Berufsperspektive bietet und Landwirte nicht immer zu Sündenböcken erklärt. Das hält auch Schleswig-Holsteins Grünen-Staatssekretärin Anke Erdmann für notwendig. Sie fordert eine verbale Abrüstung in der Debatte um die Nahrungsmittelproduktion. „Wir brauchen eine andere Tonalität“, sagt die Grüne. Viele Politiker und Landwirtschaftsvertreter gingen oft zu rüde miteinander um. Man habe den Eindruck, es gehe dann nur noch ums „Blaming“, das Schuldig-Erklären, der anderen Seite. Auch viele Verbraucher würden zu oft einseitig auf die Landwirte und ihre Produkte schimpfen, ohne ihr eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen. Anneli Wehling wünscht sich im Gegenzug auch mehr Offenheit der Landwirtschaftsvertreter neuen Ideen und dem Naturschutz gegenüber. Mit Diskussionsveranstaltungen wie dem „Dialog für die Landwirtschaft“ wolle man gegensteuern, sagt Anke Erdmann. Klar sei für sie: „Wir müssen raus aus der Schwarz-Weiß-Logik.“

Wolfram Hammer

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