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Die Mutter des Verdächtigen

Kiel Die Mutter des Verdächtigen

Ihr Sohn soll zwei Kinder in Kiel missbraucht haben. Die 50-Jährige erlebt die schrecklichsten Tage ihres Lebens. Sie erhebt auch Vorwürfe gegen die Behörden. Die Stadt will jetzt interne Abläufe prüfen.

Sie klagt die Behörden an: die Mutter des mutmaßlichen Kinderschänders aus Kiel.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel.  Das Geschehen ist schockierend, die Verbrechen sind abscheulich. Unfassbar, dass ein Vater, der selbst zwei kleine Jungen in einem Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt betreuen lässt, in eben dieser Kita ein anderes Kind missbraucht haben soll. Unfassbar, dass der Mann sich drei Wochen später erneut an einem Mädchen in Kiel-Gaarden vergeht, das er mit einer Puppe vom Spielplatz einer Grundschule gelockt haben soll. Nun wendet sich die Mutter des Tatverdächtigen an die Öffentlichkeit. Sie hat den „Kieler Nachrichten“ gestern detailliert und an Eides statt geschildert, wie sie vergeblich versuchte, die Einweisung ihres Sohnes in eine psychiatrische Klinik zu erwirken. „Ich habe überall um Hilfe gebeten“, sagt die 50-Jährige. Doch man habe sie mit ihren Ängsten allein gelassen.

Seit 1998 lebt die Familie, die aus Turkmenistan kommt, in Deutschland. Die Trennung von seiner Ehefrau, die ihn mit den Kindern 2013 verließ, habe der Sohn nicht verkraftet, schildert die 50-Jährige. 2014 hat die Mutter erstmals Kontakt mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst im Gesundheitsamt der Stadt Kiel. Sie bittet um die Aufnahme des Sohnes in eine Klinik, die städtische Sachbearbeiterin unterstützt sie und organisiert die Unterbringung, so schildert es die Mutter.

Im November 2015 erfährt die Mutter, dass der Sohn die Medikamente abgesetzt hat, allen Ermahnungen zum Trotz. Sie beobachtet, dass sich der Gesundheitszustand des jungen Mannes verschlechtert. Schließlich geht sie Anfang Januar zu einem niedergelassenen Psychiater in Kiel und informiert dort darüber, dass der Sohn die Tabletten nicht nimmt. Ihr sei gesagt worden, der Arzt werde sich bei ihr melden, schildert die Mutter. Doch das sei nicht geschehen.

Anruf im Gesundheitsamt am 5. Januar

Daraufhin ruft sie das Gesundheitsamt an, sie erinnert als Datum Dienstag, 5. Januar. „Helfen Sie mir!“, habe sie die schon bekannte Sachbearbeiterin gebeten und vom Zustand des Sohnes berichtet.

„Ihm geht es sehr schlecht.“ Sie bittet nach eigener Aussage um die Unterstützung durch eine Pflegekraft, die die Einnahme der Medikamente kontrolliert. Die Sozialpädagogin reagiert prompt, indem sie noch am selben Tag einen Brief an den Sohn schreibt und ihn darin bittet, zu einem Gespräch in das Amt in der Fleethörn zu kommen. Am Montag, 11. Januar.

Ihr Sohn habe den Termin nicht wahrgenommen, sie sei mit einer Freundin da gewesen, sagt die Mutter. Sie habe noch einmal auf eine Einweisung gedrängt und gesagt, dass sie mittlerweile Angst vor dem Sohn habe.

Die Abläufe des 6. Januar kennt die Mutter nur aus Berichten von Bekannten. Demnach sei ihr Sohn am Nachmittag in der Kindertagesstätte erschienen, um die Jungen abzuholen. Die Mutter der Söhne sei auch da gewesen. Die beiden seien in Streit mit den Eltern des fünfjährigen Mädchens, das missbraucht wurde, geraten. Bei dem Streit sei es um genau jenen Vorwurf gegangen, es sei zu einem Handgemenge und zu Schlägen gekommen.

Die Polizei erscheint nach Aussage der Mutter am 6. Januar nicht in der Wohnung der Familie. Der Sohn trifft etwa um Mitternacht wieder zu Hause ein, erzählt sie. Auf die Frage, ob er die Tat begangen habe („Hast du das gemacht?“), soll der Sohn gesagt haben: „Lass mich in Ruhe, ich bin müde.“ Die Mutter entgegnet aufgebracht: „Wenn du das gemacht hast, bist du nicht mehr mein Sohn.“

Am 8. Januar ruft die Frau bei der Zentrale für Integrative Psychiatrie im Niemannsweg an, einer Einrichtung des UKSH. „Er ist nicht normal. Nehmen Sie ihn bitte stationär auf, er ist gefährlich“, habe sie am Telefon gesagt. Dies habe man dort aber abgelehnt.

Nach Aussage der Mutter ist sie nach der Tat im Kindergarten von der Polizei darüber informiert worden, dass der Sohn sich den eigenen Kindern und dem Kindergarten nicht mehr nähern dürfe. Am 10. Januar wirft die 50-Jährige den Sohn aus der elterlichen Wohnung, auch aus Angst vor ihm, wie sie sagt. Danach ist er einige Tage obdachlos.

Am 12. Januar ist der Sohn dann offenbar trotz Verbots wieder zum Kindergarten gefahren, Frühmorgens, bevor Kinder da waren. Man habe ihn dort hinausgeworfen und die Polizei informiert, schildert die Mutter. Daraufhin sei die Polizei am 12. Januar zum ersten Mal bei ihr zu Hause gewesen. Die Beamten hätten ihren Sohn gesucht. In der Nacht zuvor sei der zu ihr an die Haustür gekommen und habe Einlass begehrt, berichtet sie. „Mach die Tür auf!“, habe er geschrien.

An dem Tag habe sie den Polizisten SMS-Nachrichten auf ihrem Handy gezeigt, die der Sohn am 12. Januar nachts um 1.17 Uhr verschickt hatte. Die auf auf Russisch verfassten Kurznachrichten hat die Frau auch der Zeitung gezeigt und übersetzt. Dies habe sie auch gegenüber den Polizeibeamten getan. Darin stehe: „Jesus bestellt euch viele Grüße. Ich werde euch beweisen, wie mächtig ich bin. Wer nicht auf mich hört, wird bestraft. Wer auf mich hört, kommt ins Paradies.“ Ihr Sohn habe fantasiert, sagt die Mutter, religiös sei er nicht, betont sie.

Sie habe die Beamten darauf hingewiesen, dass die Sachbearbeiterin im Gesundheitsamt den Fall gut kenne. Dies habe ihr die Expertin für den Fall eines Polizeikontakts zuvor nahegelegt.

Telefonisch erreicht die Mutter den Sohn am 12. Januar zunächst nicht. Die Beamten fahren wieder weg und bitten, sie zu informieren, wenn der Sohn auftaucht oder ans Telefon geht, erzählt sie. Als sie ihn wenig später am Telefon hat, holt er gerade die Schlüssel für seine neue Wohnung ab. Die liegt nur wenige Minuten Fußweg entfernt. Die Frau informiert die Polizei. Am 13. Januar habe sie dann erneut im Gesundheitsamt angerufen und sinngemäß gefragt, warum ihr Sohn denn immer noch „draußen“ sei.

Am 14. Januar, gegen 20 Uhr, habe sie 110 gewählt, den Polizei-Notruf. Sie habe Angst vor ihrem Sohn, habe sie dem Beamten gesagt. Grund: Sie war allein in der Wohnung, der Mann war noch der bei der Arbeit, erzählt sie. Die Polizei habe versprochen, dass sie zwei Beamte schicken werde, die seien aber nicht gekommen, sagt die 50-Jährige. Um etwa 21 Uhr sei ihr Mann dann nach Hause gekommen, sie habe darüber die Polizei informiert.

Einladung durch die Kriminalpolizei

Am 17. Januar wird sie von der Kriminalpolizei eingeladen, das Gespräch mit einer Beamtin dauert etwa anderthalb Stunden, schildert die Mutter. Sie habe auch dort um die Einweisung in eine psychiatrische Klinik gebeten und erklärt, der Sohn sei „nicht normal“, sie habe Angst um ihn, aber auch Angst, dass er anderen etwas antun könnte. Und sie habe gesagt: „Ich habe selbst Angst vor ihm.“ Sie habe der Polizei Unterlagen zum Kopieren gegeben, darunter Atteste. Die Kripo habe darauf hingewiesen, dass sie diese Einweisung nicht vornehmen könne, dass der Patient dort schon freiwillig hingehen müsse. Die Beamtin habe aber nach den Papieren aus der stationären Unterbringung gefragt. Diese Dokumente hat sie dann am nächsten Tag, dem 18. Januar, persönlich zur Kripo gebracht, schildert die Frau. Das deckt sich mit den Angaben der Staatsanwaltschaft.

Von Sonnabend, 30. Januar, bis Montag, 1. Februar, hat die Mutter keinen Kontakt mehr mit ihrem Sohn, macht sich immer größere Sorgen. Am Montag, so ihre Schilderung, ruft sie erneut beim Gesundheitsamt an, sagt, dass sie nicht weiß, wo er ist. Dort habe man ihr geraten, die Polizei anzurufen.

Dies ist der Tag nach dem zweiten Kindesmissbrauch in Gaarden. Sie sei gegen 12.30 Uhr persönlich zum Polizeirevier gegangen und habe inständig gebeten, den 30-Jährigen zu suchen. Er gehe seit zwei Tagen nicht ans Telefon, er sei krank, sie habe Angst um ihn und vor ihm. Die junge Polizistin habe gefragt, ob sie einen Wohnungsschlüssel habe — und vorgeschlagen, die Mutter könne doch dann selbst nachsehen.

Als Gerüchte um eine neue Straftat in Gaarden am Montagnachmittag die Runde machen, wird die Angst der Mutter größer. Gegen 17 Uhr habe sie erneut bei der Polizei angerufen. Nun habe es dort geheißen: Nicht mehr in die Wohnung gehen, nicht mehr klingeln! Tatsache ist: Am Montagnachmittag hat die Polizei den Mann in der Wohnung festgenommen. Dort wurde eine blutbefleckte Matratze als Beweismittel sichergestellt, bestätigt die Staatsanwaltschaft.

Ich habe selbst Angst vor ihm.“Die Mutter

Bastian Modrow und Christian Longardt

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