Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Die Neuentdeckung der Tanzschule
Nachrichten Norddeutschland Die Neuentdeckung der Tanzschule
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:26 15.10.2016
Lockere Party-Stimmung: Johanna Behr und David Bruce-Boye (beide 15) tanzen in der Tanzschule Huber-Beuss. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen (2), Felix König
Anzeige
Lübeck

„Die Jungs starten rechts mit dem Cha-Cha-Cha, die Mädels links“, sagt Tanzlehrerin Bettina Huber-Beuss zur Erinnerung. Aufmerksam lauschen ihr die etwa 40

Jugendliche und Erwachsene strömen auf die Tanzfläche – manche Senioren sogar mit ihrem Rollator.

Jugendlichen, bevor sie sich in Sneakers und Jeans über die Tanzfläche schieben. Die Tanzschule als angestaubte Pflichtveranstaltung auf dem Weg zum Schulabschluss – das war einmal. Die Schulen in der Region erleben derzeit einen wahren Besucher-Boom.

„Die Leute besinnen sich wieder auf Geselligkeit, auf Zusammensein“, betont Bettina Huber-Beuss. Die Tanzschule sei dafür genau der richtige Ort. „Die Leute können hier gemeinsam Spaß haben. Wir sind quasi ein Jugendzentrum für alle Altersklassen.“ Hinterm Mischpult legt die Tanzlehrerin ein neues Lied auf, einen Charthit der „Twenty One Pilots“, den die Jugendlichen sonst mit ihren Smartphones hören. Nun tanzen sie einen Foxtrott dazu.

Die Lübecker Tanzschule bietet derzeit sechs Grundkurse für Jugendliche an. Für Erwachsene sind es sogar elf. „Wir haben das Quartal noch mal unterteilt, um dem Ansturm gerecht zu werden“, erklärt Bettina Huber-Beuss. Ihr Erfolgsrezept: lockere Atmosphäre, Lernen ohne Druck – dafür mit Entertainment und Motivation.

Dass sich das Bild der Tanzschulen verändert hat, bestätigt auch Christian Götsch vom Verband der Tanzschulinhaber „Swinging World“. Immer neue Produkte wie etwa musikalische Früherziehung und Angebote für Senioren bescherten den Tanzschulen viel Zulauf. „Die Schulen erweitern ihr Angebot und haben nicht mehr das angestaubte Ambiente der 80er-Jahre“, erklärt der Leiter der Hamburger „Swinging World“-Geschäftsstelle.

Anna-Maria Wulff ist noch leicht außer Atem. „Als Tanzlehrerin muss man heute mehr leisten“, sagt sie. Gerade ist der Zumba-Kursus zu Ende gegangen, den sie geleitet hat. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Christian betreibt sie die Tanzschule Wulff in Bad Oldesloe. Tanzen sei mittlerweile eine Art Fitnessstudio-Ersatz, sagt Christian Wulff. Auch deswegen gibt es in seiner Schule das sogenannte „Clubsystem“. Die Mitglieder zahlen einen Beitrag und können dann die Kurse besuchen, die ihnen gefallen. „Wir können so eine Flexibilität gewährleisten, die gut zu den flexiblen Arbeitszeiten unserer Kunden passt“, sagt er.

Derzeit arbeitet das Ehepaar Wulff ein spezielles Seniorenprogramm aus. Denn: „Die Menschen wollen auch im höheren Alter noch aktiv bleiben“, erklärt Christian Wulff. Deswegen sei eine eigene Seniorentanzgruppe mit angepasstem Lerntempo geplant. Auch den klassischen Tanztee möchte er wieder aufleben lassen.

Dass immer mehr Senioren in die Tanzsäle strömen, ist ein weiterer Grund für den Aufschwung der Tanzschulen. „Das ist ein neuer Trend“, sagt Christian Götsch. „Es gibt immer mehr Angebote für ältere Menschen.“ Denn Tanzen und Gesundheit seien eben zwei Seiten einer Medaille. Sogar für diejenigen, die mit einem Rollator unterwegs sind, gibt es das passende Angebot: Rollatortanzen. „Ein paar Tanzschulen bieten das bereits an“, sagt Christian Götsch. „Noch gibt es das nicht flächendeckend. Es braucht einen Moment, um sich durchzusetzen.“

Auch Wolfgang Wollgast erlebt in seiner Lübecker Tanzschule einen Zustrom an Tanzinteressierten, vor allem bei den Erwachsenen. „Viele Leute merken auf Partys, dass der Einheitsschritt auf der Tanzfläche nicht mehr ausreicht“, sagt Wollgast. „Sie möchten heute vielfältiger sein. Das ist in vielen Lebensbereichen so, eben auch beim Tanzen.“ Bei ihm seien „alle Altersgruppen vertreten“, berichtet er. Und das Programm sei so ausgerichtet, dass alle mitkommen: „Eine Tanzschule vermittelt nicht nur Schrittfolgen. Sie soll Freude vermitteln.“

Der Tanzkursus als Jungbrunnen

Wer regelmäßig tanzt, stärkt seine Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit. Da ist sich die Wissenschaft sicher. Christian Götsch von „Swinging World“: „Studien belegen, dass Tanzen Alterungsprozesse aufhalten und sogar revidieren kann.“ Der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband hat mit dem „Club Agilando“ ein Tanz-Fitness-Programm für Senioren entwickelt. Forscher der Ruhruniversität Bochum haben dessen Erfolg in einer Studie belegt. Sie stellten fest, dass Senioren, die über ein halbes Jahr einmal in der Woche für eine Stunde tanzen, ihre Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Fitness verbessern. Denn beim Tanzen werden Körper und Geist gleichzeitig aktiviert. Das Gehirn läuft auf Hochtouren, um die verschiedenen Sinneseindrücke miteinander zu kombinieren. Tanzen kann helfen, Demenz vorzubeugen.

Jan Dresing

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Was ist los bei unseren Nachbarn? LN-Mitarbeiter Rüdiger Wenzel blickt gen Norden.

15.10.2016

Beifall aus Lübeck – Warnungen aus der Wirtschaft.

15.10.2016

Aussteller bereiten sich auf die bevorstehende Oldtimer-Messe am Wochenende in Lübeck vor – auch die Firma „Retroclassic“ in Selmsdorf ist dabei.

17.10.2016
Anzeige