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Norddeutschland Die Schanze – ein Stadtteil gegen G 20
Nachrichten Norddeutschland Die Schanze – ein Stadtteil gegen G 20
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20:49 21.06.2017
Leuchtbuchstaben mit dem Slogan „NO G 20“ sind auf dem Dach des linksautonomen Kulturzentrums Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel zu sehen.
Hamburg

In einem sind sich die Bewohner der Schanze einig. Es sei „eine Provokation“, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ausgerechnet bei ihnen mit Donald Trump, Wladimir Putin und Co. trifft. Also quasi „nur einen Steinwurf entfernt“, wie es immer wieder heißt, wenn man kurz vor dem G-20-Gipfel durch diesen bunten Stadtteil schlendert und mit den Anwohnern spricht.

Die Anwohner fühlen sich vom bevorstehenden Gipfel provoziert. Mit Flyern und Bannern machen sie Stimmung gegen das Treffen.

Denn wenn das Hamburger Schanzenviertel eines ist, dann sicher nicht ein Kuschelort für die Mächtigen der Welt. Sondern eine Art gallisches Dorf inmitten der Elbmetropole, in dem den Auswüchsen von Globalisierung, Kapitalismus und sozialer Ungleichheit getrotzt wird – so zumindest das Selbstverständnis der Bewohner.

Sinnbildlich dafür steht die „Rote Flora“, dieses Theaterhaus aus dem 19. Jahrhundert, heute die berühmteste Trutzburg Linksautonomer in Deutschland. Wäre es nach Touristikern gegangen, würden heute Scharen von Menschen zu Musicals wie „Das Phantom der Oper“ in das Gebäude strömen. Doch eine Gruppe Linksautonomer verhinderte dies 1989 und besetzte das Haus – bis heute.

Und was sie von dem Treffen der Staats- und Regierungschefs am 7. und 8. Juli in den Messehallen halten, lassen die Hausbesetzer Nacht für Nacht in blauen Neonlettern vom Dach in den Hamburger Himmel strahlen: „No G 20“. Außen vor der 2014 renovierten Fassade, die mittlerweile wieder bunt-chaotisch überpinselt und überklebt ist, prangt ein Banner: „Capitalism will end anyway – you decide when“ (Der Kapitalismus scheitert sowieso – du entscheidest, wann). Ein Aufruf zur Friedfertigkeit sieht anders aus.

Anhand der Roten Flora zeigt sich aber auch, wie sehr sich das Viertel mit seinen knapp 8000 Einwohnern auf gerade mal 0,6 Quadratkilometern in den vergangenen drei Jahrzehnten gewandelt hat.

Heute gehört zu einem Stadtrundgang ein Abstecher zu dieser „Kirche des Antikapitalismus“ („Der Spiegel“) dazu, inklusive ein Blick auf die vor der Flora campierenden Obdachlosen. Das Haus und seine Besetzer sind mittlerweile ein Tourismusfaktor.

Das gilt für das Schanzenviertel insgesamt. Nicht nur an warmen Sommerabenden am Wochenende säumen Tausende die Straßen, vor allem das Schulterblatt mit seinen portugiesischen Cafés und Bars. Es hat was von Ballermann light. „Diese Proll-ich-sauf-mich-hier-bewusstlos-Geschichte nervt natürlich die Anwohner“, berichtet die Geschäftsführerin des Hamburger Mietervereins, Sylvia Sonnemann. Es sei auf der „Partymeile“ rücksichtslos geworden. Aber: „Es ist immer noch ein tolles Viertel.“

Heute gebe es Neuvermietungspreise von 18 Euro pro Quadratmeter kalt, in der Spitze hätten sich die Preise versechsfacht, sagt Sonnemann. „Man kriegt jede Wohnung hier los zu jedem Preis.“ Und das in einem Viertel, in dem traditionell links gewählt wird. Bei der Bürgerschaftswahl 2015 kam die CDU hier auf mickrige 2,9 Prozent, Linke (29,1) und Grüne (27,0) landeten noch vor der SPD (26,6).

Viele von deren Wählern wollen den Wandel nicht tatenlos hinnehmen. Seit Jahren kämpfen Anwohnerinitiativen um den Erhalt des speziellen Charakters ihres Viertels. Andere greifen zu gewaltsamen Mitteln. Wenn ein Restaurant oder ein Laden neu eröffnet, nachdem der Vormieter wegen zu hoher Mieten das Weite suchen musste, bekommen die Neuankömmlinge das zu spüren. So etwa die Betreiber der Modeboutique „Kauf Dich Glücklich“. Seit der Eröffnung vor gut vier Jahren sei der Laden schon mehr als zehn Mal attackiert worden, berichtet Store-Manager Sven Weber. Die von einem Kollektiv geleitete Buchhandlung einige Häuser weiter kann sich dagegen ihres Zuspruchs sicher sein. Hier gibt es diverse Anti-G-20-Flyer, die Auslage widmet sich dem Gipfel – mit kritischer Literatur. Dazu eine Hamburg-Karte, in deren Mitte an den Messehallen ein zähnefletschender Tyrannosaurus Rex steht. Sinnbild für die G 20?

Ähnlich eindeutig positioniert sich der Kopierladen Schanzenblitz, in dem Plakate zu den Demonstrationen hängen. Hier gibt es Spieluhren mit dem Konterfei des Revolutionärs Che Guevara oder dem Sound der „Internationalen“, dem Kampflied der Arbeiterbewegung. Will man auf schnellstem Wege zu Fuß von einem der beiden Läden zum anderen gelangen, durchquert man am besten einen Spielplatz im Hinterhof. Hier spielen Kinder Tischtennis, kicken im Käfig oder üben Seilhüpfen, darüber kreisende Polizeihubschrauber, Vorboten des Sicherheitsapparats beim G-20-Gipfel. An einer Wand steht in rosafarbenen Buchstaben: „No G 20“. Hier wird schon den Kleinsten beigebracht, wie die Schanze tickt. Oder wie es Blechschmidt sagt: „Trotz allem ist die Schanze der Stadtteil, der öffentliche Macht-Inszenierung hinterfragt.“

Verkehrs-Probleme und Flugverbote

Nach Einschätzung des ADAC droht während des G-20-Gipfels in und um Hamburg der völlige Verkehrskollaps. Neben den Straßensperren rund um das Messegelände und die Elbphilharmonie werden spontane Absperrungen gleich mehrerer möglicher Routen für die Konvois der Gipfelteilnehmer den Verkehr in und rund um Hamburg zeitweise zum Erliegen bringen. Als Alternativen empfiehlt der ADAC den öffentlichen Nahverkehr sowie die Bahn. Doch auch hier könne es zu Einschränkungen kommen.

Auch der Flugverkehr unterliegt vom 6. bis 9. Juli Restriktionen – im Umkreis von 55 Kilometern rund um den Veranstaltungsort. In diesem Gebiet sind laut Deutscher Flugsicherung alle Flüge – inklusive Modellen und Drohnen – untersagt. Ausgenommen sind nur die Anreiseflüge der Staatsgäste, Flüge nach Instrumentenflugregeln mit Start-/Zielflughafen Hamburg sowie Flüge der Einsatzkräfte. Der Flughafen Lübeck sowie die Flugplätze in Itzehoe und Seedorf bleiben geschlossen.

Laut einem Beschluss des Verwaltungsgerichts muss die Stadt Hamburg das G-20-Protestcamp im Stadtpark dulden. Gegen die Entscheidung kann Beschwerde eingelegt werden.

Benjamin Haller

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