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Norddeutschland Die Zahl der Unfälle steigt: Oft fehlt es an Rücksichtnahme
Nachrichten Norddeutschland Die Zahl der Unfälle steigt: Oft fehlt es an Rücksichtnahme
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22:24 14.03.2016
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Kiel

Die Zahl der Verkehrsunfälle im Norden steigt wieder. Die Polizei ist ratlos. Sie will mit Videowagen noch mehr Raser und Drängler aufspüren. Doch die sind schon längst nicht mehr für die Mehrzahl der Toten und Verletzten auf den Straßen im Land verantwortlich.

Es ist ein festgefahrenes Ritual: Immer im Frühjahr stellen Polizei und Innenminister in Kiel den „Verkehrssicherheitsbericht“ vor. Für 2015 sagt der: 85220 Verkehrsunfälle, 5621 mehr als 2014, ein Plus von 7,1 Prozent. Verletzte: 16409, plus 2,4 Prozent. Immerhin: Mit 107 Menschen, darunter zwei Kinder, starben 14 Personen weniger im Straßenverkehr als 2014, der zweitniedrigste je registrierte Wert. „Wer rast und drängelt, gefährdet sich und andere. Das ist nicht tolerierbar“, sagt Minister Stefan Studt (SPD) und kündigt den besseren Einsatz der Videowagen auf Autobahnen und einen „Blitzer-Marathon“ an. Das hat er fast so auch schon vergangenes Jahr gesagt. Genützt hat es nichts.

Kein Wunder. Bei nur noch 3680 der 20018 von der Polizei aufgenommenen Unfälle war „nicht angepasste Geschwindigkeit“ die Ursache, und selbst das muss nicht bedeuten, dass die „zulässige Höchstgeschwindigkeit“ überschritten war. In 4521 Fällen aber war es die „Missachtung der Vorfahrt“, die zum Unfall führte, gerade auch beim Einfädeln von Beschleunigungsstreifen auf Autobahnen und Schnellstraßen. 4403-mal waren „Fehler beim Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren“ schuld. Bei den Senioren über 65 waren solche Vorfahrts- und Abbiegefehler in 70 Prozent der 3131 von ihnen verursachten Unfälle (mit 28 Toten) Ursache. Stärkere Kontrollen der Polizei dagegen: Fehlanzeige.

„Wir kommen an bestimmte Delikte einfach nicht ran“, erklärt Vize-Polizeidirektor Joachim Gutt auf Nachfrage. Am Rande der Veranstaltung stellen Polizei-Praktiker das etwas anders dar: Es sei derzeit auch politisch gar nicht opportun, solche Delikte — Rücksichtslosigkeiten wie falsches Einfädeln, gefährliches Spurwechseln, Schneiden oder Nicht-Blinken — zu verfolgen. „Kennen Sie noch die Aktion ,Hallo Partner, danke schön‘?“, fragt ein Beamter — mit der hatte die Polizei ab den 70er Jahren bundesweit für ein rücksichtsvolleres Verhalten und mehr Hilfsbereitschaft im Verkehr geworben. „Dass die Autofahrer sich an diese Regeln der Partnerschaft ganz weitgehend nicht mehr halten, das ist mittlerweile die wahre Unfallursache Nummer eins in Deutschland.“ Kontrollen aber, zum Beispiel von Brücken herab auf Einfädelspuren von Autobahnen, seien sehr zeit- und personalaufwendig — und fänden daher schlicht nicht mehr statt.

Immerhin so viel sagte die Landespolizei gestern dann noch zu: Man wolle den „Mitteleinsatz“ bei der Verkehrsüberwachung bezogen auf die Straßen- und Deliktsarten prüfen. Dem ADAC ist das zu wenig.

Geschwindigkeitskontrollen und Videowagen seien gut und wichtig. „Sie dürfen aber nicht alles sein“, sagt Automobilclub-Sprecher Ulf Evert. Wenn die Polizei andere Delikte nicht überwachen könne, müssten eben unfallträchtige Straßen von der Verkehrsführung und dem Straßenzustand her besser und sicherer gebaut werden. Und dafür müsse die Politik dann eben auch das Geld bereitstellen.

199 Unfälle mit Pedelecs

4675 von 20018 von der Polizei aufgenommenen Unfällen ereigneten sich 2015 auf den Autobahnen im Land (plus 21,1 Prozent). Schuld sind vor allem die vielen Baustellen, heißt es. Es gab dort sechs Tote. 199-mal waren Elektrofahrräder (Pedelecs) an Unfällen beteiligt, häufig wurden sie von Senioren gefahren.2743 Unfälle (plus 14,1 Prozent) geschahen unter Beteiligung von Güter- Lastkraftwagen. Dabei starben 30 Menschen, 16 davon auf Bundesstraßen.

Von Wolfram Hammer

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