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18:26 26.12.2017
Gerber Helmut Naujoks mit dem Fell des Keilers, der in Heide in der Fußgängerzone erlegt wurde. Quelle: Fotos: Lutz Roessler
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Lübeck

Was soll man eigentlich mit einem Wildschweinfell anfangen? Gerber Helmut Naujoks (62) aus Lübeck weiß es genau. „Zum Beispiel vor den Kamin legen, zum Draufsetzen.“ Eine Wildschweinschwarte fange kein Feuer. „Der Funke glimmt darin aus.“

In der Gerberei Naujoks in Lübeck werden abgezogene Tierhäute zu Fellen verarbeitet. Der Familienbetrieb besteht seit Generationen – und er ist der einzige seiner Art in der Region. Jäger und Liebhaber von Naturprodukten schätzen seine Arbeit.

Und es sieht urig aus. Offener Kamin mit brennenden Holzscheiten, davor ein Wildschweinfell? „Das hat was“, findet Naujoks. Wie Fell überhaupt: Sei es Lamm, Ziege, Kaninchen, Fuchs oder Waschbär – der Gerber zieht ihnen das Fell ab und macht etwas daraus. „Aus dem Fell eines Waschbären oder Marderhundes zum Beispiel eine warme Mütze“, lautet sein Ratschlag. Und Lammfell? „In dieser Jahreszeit genau das Richtige für den Kinderwagen.“ Oder als Liegeunterlage für Bettlägerige. „Ein Schaffell verhindert das Wundliegen.“

Wunderding Fell. In Naujoks Werkstatt dreht sich alles darum. Mit zwei Mitarbeitern hat der Handwerker sich ganz dem Naturprodukt mit dem Kuschelfaktor verschrieben. Und das schon in der siebten Generation. „Mein Vater kam aus Rudecken bei Tilsit in Ostpreußen“, berichtet Naujoks. Nach dem Krieg hat er die Werkstatt in Lübeck aufgebaut.“ Sie ist die einzige weit breit. „Kunden kommen sogar aus Niedersachsen, Dänemark, Schweden und Norwegen.“

Wie er arbeitet, zeigt Naujoks gerne. Auf dem Hof lagern die frisch angelieferten Felle, noch schmutzig und verfilzt. Zunächst wird die Innenseite mit viel Salz bestreut, das dient der Konservierung.

Dann kommen die Pelze ins große Gerbfass, dass Naujoks in den 70er Jahren eigens bauen ließ: Es dreht sich wie die Trommel einer Waschmaschine. Und das ist genau seine Aufgabe: Die Felle werden darin einer ersten Reinigung mit Wasser unterzogen.

Dann wird die Innenseite der Felle mit einem langen Messer gründlich abgeschabt. Das übernimmt Mitarbeiter Yücel Dalli (50). Ist er fertig, werden die Felle ins Gerbbad gelegt. „Darin ist gesättigte Salzlösung“, erklärt Naujoks. Ameisensäure und Alaunsalze dienen in der Lösung als Gerbstoffe. Mit einem „Kreismesser“, einer einfachen Maschine, wird die Innenseite der Felle dann noch einmal geglättet. Anschließend kommen sie in den Trockenraum. Dort riecht es schon angenehm nach Leder. Naujoks befestigt die Felle mit Holznägeln auf einer großen Arbeitsplatte, damit sie glatt bleiben.

Edlere Pelze, wie der des Fuchses, werden zuvor in feinem Buchenholzmehl gewälzt.

Bis zu 250 Felle pro Woche werden auf diese Weise gefertigt. Manches verarbeitet der Handwerksbetrieb gleich zum Endprodukt. So macht eine Kürschnerin aus Lammfellen Haus- und Handschuhe oder Fahrradsättel, die in dem kleinen Verkaufsraum der Gerberei oder auch auf dem Lübecker Weihnachtsmarkt angeboten werden. Neben den Fellen seltener Schafrassen wie Gotland- oder Islandschafen gibt es auch Kuhfelle (ab 250 Euro), Rentierfelle (ab 130 Euro) oder Bälge etwa vom Marderhund (180 Euro).

Für Jäger übernimmt Naujoks auch die Herrichtung von Trophäen. So warten drei an Brettchen befestigte Bockgehörne aus Skandinavien auf Abholung, ein ausgestopfter Dachs und eine präparierte Biberratte (Nutria). Selbst Zebras und Antilopen hat Naujoks schon verarbeitet.

Gerade zur Abholung bereit sei übrigens die Schwarte des Wildschweins, das im Oktober die Menschen in der Fußgängerzone von Heide (Kreis Dithmarschen) in Angst versetzte. Ein hell gescheckter Keiler, der fertig gegerbt gar nicht mehr bedrohlich wirkt. Naujoks nickt zufrieden. „Ein schönes Stück.“ So muss das sein, wenn’s fertig ist. Und auch wenn Helmut Naujoks noch nicht weiß, wer eines Tages seine Nachfolge antreten soll, eines ist für ihn klar: „Ans Aufhören denke ich noch lange nicht.“ Dazu macht ihm die Arbeit viel zu viel Freude.

Altes Handwerk

Schon in der Steinzeit nutzten die Menschen Tierhäute, um sich daraus Kleidung und Planen für Zelte oder Boote zu machen. Gletschermumie „Ötzi“ trug einen Ledergürtel.

Im Mittelalter lagen die Gerbereien meist an Flüssen oder Bächen, an denen die Häute bearbeitet wurden. Daher auch die Redensart: „Ihm sind die Felle weggeschwommen.“ Meist arbeiteten die Gerber vor den Stadttoren, da beim Gerben oft unangenehme Gerüche auftraten.

Marcus Stöcklin

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