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21:13 28.06.2017

Eigentlich ist es eine Formalie. Wahl des Ministerpräsidenten oder der Ministerpräsidentin. Anschließend Vereidigung. In Schleswig-Holstein passiert das alle fünf Jahre. Oder in jüngerer Vergangenheit öfter, weil die Regierungen nicht volle Legislaturperioden hielten. Gestern war wieder so ein wichtiger Tag im Landeshaus.

Ein bisschen ist das wie ein großes Familienfest, zu dem man nur in bester Kleidung erscheint. Alle sind sie gekommen: Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und Ex-Landtagspräsident Martin Kayenburg (CDU), ehemalige Landtagsabgeordnete wie Günter Neugebauer (SPD) und natürlich – für ein letztes Mal – die Kabinettsmitglieder der scheidenden Regierung. Man schüttelt sich die Hände, liegt sich in den Armen, und überall werden Blumen überreicht. Sträuße mit Sonnenblumen sind der Favorit. Feiertagsstimmung.

Die Zuschauertribüne hoch oben überm Plenarsaal füllt sich schnell. In der ersten Reihe mit bestem Blick aufs Geschehen nimmt Familie Günther Platz. Michael Günther (73), pensionierter Lehrer aus Eckernförde und Vater des künftigen Ministerpräsidenten, an seiner Seite seine zweite Ehefrau Ingrid Rubinke-Günther. Fabian Günther (46), älterer Bruder von Daniel, ist eigens aus Heidelberg angereist. Nur Daniels Schwester Verena fehlt – wegen einer Fortbildung. Der andere Bruder, Tobias Rischer (hat den Familiennamen seiner Frau angenommen), ist als Landtagssprecher an anderer Stelle im Haus unterwegs.

Stolz sei er auf seinen Sohn Daniel, sagt Michael Günther. Kurz darauf trifft auch Anke Günther ein, Ehefrau von Daniel Günther. „Keine Fotos, keine Interviews“, wehrt sie ab. Daniel Günther will sein Privatleben aus den Medien konsequent heraushalten. Da war doch was: Der scheidende Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) hatte im Wahlkampf etwas zu viel zu seinem Privatleben ausgeplaudert, als ihm später lieb sein konnte.

Im Plenarsaal begrüßt FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki die Grüne Monika Heinold mit einem Handkuss. Auch so geht Annäherung von Regierungsparteien. Daniel Günther winkt seiner Familie auf der Tribüne zu. Auf der Regierungsbank hat das scheidende Kabinett Platz genommen, den Gesichtern nach eher lustlos. Torsten Albig beschäftigt sich mit seinem Smartphone.

Kurz nach zehn: Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) eröffnet die Sitzung. „Der Schriftführer hat sich davon überzeugt, dass die Wahlurne vor Abgabe der Stimmen leer ist“, verkündet er. Dann wird zur geheimen Stimmabgabe aufgerufen, in alphabetischer Reihenfolge. „Der Abgeordnete Andresen ...“ Und so weiter. Hinter den beschatteten Fenstern des gläsernen Kubus glitzert die Sonne bei auflandigem Wind auf der Dünung der Förde. Fußgänger passieren und Radfahrer, wohl kaum wissend, dass in diesen Minuten ein paar Meter weiter schleswig-holsteinische Geschichte geschrieben wird.

„Ich unterbreche die Sitzung zur Auszählung der Stimmen für zehn Minuten“, sagt der Landtagspräsident. Dann der mit Spannung erwartete Moment. „Abgegebene Stimmen 73, gültige Stimmen 73, Ja-Stimmen 42, Nein-Stimmen 31.“ Ein Raunen geht durch den Saal. Einige Parlamentarier schauen sich ungläubig ins Gesicht. 44 Stimmen hätte Günther auf sich vereinigen müssen, wenn die Fraktionen seines Jamaika-Bündnisses geschlossen für ihn gestimmt hätten. Woher stammen die zwei fehlenden Stimmen? Auf der Tribüne blühen die Spekulationen. Der Applaus für Günther fällt langanhaltend aus, aber nicht überschwänglich. SPD-Fraktionschef Ralf Stegner gratuliert als Erster.

Daniel Günther legt den Amtseid ab. „Ich schwöre ..., so wahr mir Gott helfe.“ Er bedanke sich bei allen, die ihn gewählt haben, sagt der frisch gekürte Ministerpräsident in seiner Antrittsrede.

Günther mahnt einen fairen Umgang der Abgeordneten an. Er werde seinen Beitrag dazu leisten. Er wendet sich an Albig. „Ich habe den Wahlkampf in Respekt und auf Augenhöhe empfunden. Dafür bin ich Ihnen dankbar. Herr Albig, Sie haben Großes für dieses Land geleistet.“ Und: „Sie haben mich mitgenommen zur Audienz beim Papst.“ Das habe er nicht vergessen.

„Ich nehme meine neue Aufgabe mit Demut an“, sagt Günther mit fast gebrochener Stimme. Ist es die Rührung? Es ist der Moment, in dem einigen Gästen auf der Tribüne, aber auch Abgeordneten im Saal die Tränen in die Augen schießen. Nur Vater Günther bleibt cool. „Beeindruckend, aber etwas trocken heute“, sagt er später zur Atmosphäre im Saal. „Da war mein Wahlabend in Eckernförde spannender.“ Dort hatte er bis zehn Uhr abends als Wahlhelfer immer wieder Stimmzettel nachgezählt. Wird er Sohn Daniel künftig Tipps geben? „Nur menschliche, keine inhaltlichen“, sagt der 73-Jährige.

Curd Tönnemann

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