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20:21 21.05.2016
Kristof Handke sprüht – zur Demonstration – ein Bett mit einer Alkohollösung ein. Chemische Giftstoffe in Bettnähe sind tabu. Quelle: Fotos: U.-K.neelsen (4), Dpa

Wenn das Telefon klingelt, kommt es häufig vor, dass Gabriele Handke den Anrufer erst einmal beruhigen muss. Geht es um Ratten oder das Wespennest an der Dachrinne vielleicht nicht – „aber bei Bettwanzen reagieren viele sehr aufgeregt und hysterisch“, sagt die Geschäftsführerin der Nitor GmbH im lauenburgischen Schretstaken. Doch gerade solche Anrufe nehmen in jüngster Zeit stark zu. „Als ich vor 25 Jahren mit der Schädlingsbekämpfung angefangen habe, da habe ich nie auch nur eine Bettwanze gesehen“, erinnert sich die 58-Jährige. Inzwischen liefen allein bei ihrer Firma drei bis vier Fälle in der Woche auf, Tendenz steigend.

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Viele Aufträge für Schädlingsbekämpfer – Die LN haben eine Fachfirma im Lauenburgischen besucht.

Die Hysterie ist dabei nicht ganz unbegründet. Obwohl nur bis zu fünf Milimeter groß, zählen Bettwanzen zu den unangenehmsten Schädlingen, mit denen es Menschen hierzulande zu tun bekommen können.

Haben sich die blutsaugenden Insekten erst in der Wohnung festgesetzt, führt an einem Anruf beim Kammerjäger oft kein Weg vorbei. Zwar könne man „mit Glück“ die vermehrungsfreudigen Insekten auch mit Giften aus dem Baumarkt ausrotten. „Meistens klappt das aber nicht“, sagt Junior-Chef Kristof Handke. „Sogar wir als Schädlingsbekämpfer brauchen in der Regel drei Termine vor Ort, um das Problem dauerhaft in den Griff zu bekommen.“

Allerdings seien auch nicht überall, wo von den Kunden Bettwanzen vermutet werden, tatsächlich welche am Werk. Mitunter werde ein einfacher Speckkäfer mit ihnen verwechselt. Ebenso könnten Hautausschläge am Morgen zig andere Ursachen haben. „In einem Fall, in dem wir konsultiert wurden, stellten sich die Wanzen-Stiche später als Windpocken heraus“, sagt Gabriele Handke.

Denn gerade in den Anfangsstadien des Befalls geben sich die Tiere für Laien kaum zu erkennen. Am Tage lebten sie versteckt in Bettritzen, hinter Fußleisten und Schränken. Erst in der Nacht werden sie aktiv und verrichten ihr unangenehmes Werk. Am Morgen weisen dann nur rote Einstiche auf der Haut und kleine schwarze Kot-Kügelchen auf ihre Anwesenheit hin. „Die Herausforderung ist es deshalb, wirklich alle Tiere zu erwischen“, erklärt Kristof Handke. Bleibe auch nur ein trächtiges Weibchen übrig, beginne die Plage nach einigen Wochen von Neuem.

Treffen könne es aber jeden, betont der 30-Jährige. Bettwanzen seien weder ein Problem einer bestimmten Klientel, noch ein Zeichen mangelnder Hygiene. Und dennoch sei das Thema mit sehr viel Scham besetzt. Nicht umsonst tragen die silbernen Fahrzeuge der Nitor GmbH keinerlei Werbe-Lackierung. Die Kunden wünschen es diskret – nicht nur, aber gerade, wenn es um Bettwanzen geht.

Doch nicht jeder könne sich die Bekämpfung leisten. Für ärmere Haushalte seien die 1000 Euro, die eine Bekämpfung im Schnitt kostet (aber bei starkem Befall auch sehr viel teurer werden kann), eine oft nicht zu stemmende Belastung, räumen Mutter und Sohn ein. Ein fast noch schlimmerer Effekt, als die juckenden Stiche, die die Bettwanzen hinterlassen, sei daher die soziale Isolation, in die ein Befall führen könne. „Manche trauen sich dann gar nicht, überhaupt noch Besuch zu empfangen oder die Wohnung zu verlassen. Wir hatten Fälle, da durften die Kinder nicht mehr in die Schule, weil die Eltern Angst hatten, sie könnten die Wanzen verschleppen“, erzählt die Senior-Chefin. Der bislang krasseste Fall sei aber die Wohnung eines Rentners gewesen, der aus Scham und Geldmangel über Jahre mit den Wanzen lebte. „Man kann sich nicht vorstellen, wie sein Körper aussah“, berichtet sie. Erst als der Befall das gesamte Mehrfamilienhaus ergriffen hatte, sei die Wanzen-Wohnung entdeckt worden.

Ganz besonders empfindlich reagierten aber Hotels. Kristof Handke: „Käme das an die Öffentlichkeit, wäre das der Gau für jedes Hotel – ebenso schlimm wie eine Lebensmittel-Vergiftung unter den Gästen.“ Absolute Verschwiegenheit ließen sich seine Auftraggeber meist schriftlich garantieren.

Das Risiko, sich Bettwanzen einzufangen, sei aber in Hotels immer gegeben – im In- wie im Ausland. Doch nicht nur. Ebenso begünstige der Handel mit gebrauchten Möbeln oder Kleidungsstücken über das Internet die Ausbreitung der Wanzen. Auch Sperrmüll-Sammler können damit unangenehme Überraschungen erleben. Kristof Handke: „Bei einem Auftrag hatten wir das befallene Bett und die Matratze kurz an die Straße gestellt, um sie einzuladen. Nachdem wir dann noch mal kurz in der Wohnung waren, hatte jemand das Bett mitgenommen.“

Auf Menschen spezialisierter Parasit

Die Bettwanze, lateinischer Name Cimex lectularius, ist ein blutsaugender, fast ausschließlich auf den Menschen spezialisierter Parasit, der in fast allen Ländern der Welt beheimatet ist. Große Verbreitung in Nordeuropa erlebte die Bettwanze vor allem im 17. Jahrhundert. Die erwachsenen Insekten werden zwischen 3,8 und 5,5 Milimeter groß, im vollgesogenen Zustand bis zu neun Milimeter. Bekämpft werden sie zumeist mit chemischen Mitteln, aber auch thermisch. Hitze über 55 Grad und Kälte unter 20 Grad überleben die Tiere nicht.

Oliver Vogt

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