Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Diese Frau leitet den Lübecker Knast
Nachrichten Norddeutschland Diese Frau leitet den Lübecker Knast
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:15 17.09.2013
JVA-Chefin Agnete Mauruschat (52) auf dem Zellengang von Haus D der Lübecker Justizvollzugsanstalt. Es ist die Station, auf der alle Zugänge zunächst untergebracht werden. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Beim Hofgang schüttelt sie viele Hände, muss sich unzählige neue Gesichter einprägen. Noch fällt es ihr schwer, sich im Häuser-Labyrinth der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lübeck zurechtzufinden. „Aber das wird schon“, sagt sie selbstsicher. Seit Anfang dieser Woche steht mit Agnete Mauruschat (52) eine Frau an der Spitze des Lübecker Gefängnisses. Morgen wird sie von der Kieler Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) offiziell in ihr Amt eingeführt. Mauruschat war zuletzt zwölf Jahre lang Leiterin der Justizvollzugsanstalt Bützow (Mecklenburg-Vorpommern).

Ein Gefängnis, das mit gut 500 Haftplätzen etwa gleich groß ist wie Lübeck.

Warum also der Wechsel an die Trave? „Ich wollte noch einmal etwas Neues machen“, erklärt Mauruschat. „Es ist weder für einen selbst noch für eine Anstalt gut, wenn man betriebsblind wird. Frischer Wind tut gut.“ Jetzt oder nie mehr, habe sie sich gesagt. Lübeck als vielleicht schon letzte große Herausforderung in ihrem Berufsleben.

In Lübeck will Mauruschat sich erst einmal in Ruhe einarbeiten. Ihr neues Umfeld genauer kennenlernen. Und doch schwirrt ihr da schon etwas im Kopf herum, was sie anders machen will. „Der Übergang vom Gefängnis in die Freiheit muss professioneller werden.“ Das sei in Deutschland nicht weit genug ausgereift. Die Verzahnung mit der Bewährungshilfe müsse verbessert werden. „Wir müssen engere Kontakte zu den Familien der Häftlinge pflegen“, nimmt sie sich vor. Die Skandinavier seien uns da Meilen voraus. „Die beste Rückfallvermeidung ist ein starkes Umfeld.“ Sechs Sätze, die verdächtig nach ihrem Programm klingen.

Nie Angst gehabt inmitten all der Verbrecher? Einen Moment lang ist es still im Raum. „Bauchgefühl ist das beste Barometer“, sagt Mauruschat nach einer Pause. Irgendwie spüre man Situationen, die gefährlich werden könnten. Gefährdeter aber seien da Ärzte, Pastoren, Sozialpädagogen, die dichter dran seien an den Gefangenen. Sie sei Managerin. Ihr Kontakt zu Inhaftierten beschränke sich auf wenige Momente. Ein Häftling habe etwa das Recht auf eine Aussprache mit der Anstaltsleiterin. „Ich habe mich nie als Angriffsziel empfunden“, sagt Mauruschat. Und muss diese Aussage schon einen Satz später relativieren.

In der JVA Bützow war es. Sie sei eines Tages durch eine Baustelle der Anstalt gelaufen. Die Gefangenen saßen im Innenhof, machten Mittagspause. Sie habe sie angepflaumt, ohne sich groß etwas dabei zu denken. Mehrere Häftlinge seien aufgestanden und auf sie zugekommen. Ihr Herz sei ihr dabei in die Hose gerutscht. „Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass es in meinem Umfeld keinen Aufseher gab.“ Sie habe nur noch versucht, Land zu gewinnen. „Aber Übergriffe sind nicht die Regel.“

Für Mauruschat ist es nicht ungewöhnlich, als Frau einen Knast zu führen. Nicht einmal einen solchen wie den Lübecker, wo die ganz schweren Jungs untergebracht sind. Wo ein Christian Bogner spektakulär ausbrechen konnte, wo sich zwei Geiselnahmen abgespielt haben. „Es gibt immer mehr Frauen in Führungspositionen. Warum also nicht auch in einem Gefängnis?“, fragt sie. Die Gesellschaft befinde sich in dieser Frage erfolgreich im Umbruch. Schleswig-Holstein sei dabei vorbildlich. Vom nächsten Jahr an würden alle großen Haftanstalten im Norden von Frauen geführt. „Wobei Frauen anders führen als Männer“, erklärt Mauruschat. Frauen scheuten sich ihrer Erfahrung nach weniger vor Konfliktsituationen, seien ihrer Erfahrung nach konsequenter.

Mauruschat, verheiratet mit einem Hamburger Oberstaatsanwalt und Mutter dreier Töchter, tritt in Lübeck die Nachfolge von Peter Brandewiede an. Er war im Sommer in den Ruhestand verabschiedet worden.

Brandewiede war in der Hamburger JVA „Santa Fu“ Anfang der 90er Jahre Ausbilder von Mauruschat.

Platz für 573 Häftlinge
Die Justizvollzugsanstalt Lübeck wurde in den Jahren 1908/1909 als „zentrale Strafanstalt" auf dem Lauerhöfer Felde im Stadtteil Marli mit seinerzeit 558 Haftplätzen gebaut. Sie wird noch heute von den Lübeckern „Lauerhof" genannt. Das Gefängnis verfügt über 489 Haftplätze für Männer, davon 126 Haftplätze U-Haft. Im Bereich des Frauenvollzugs verfügt die Anstalt über 84 Haftplätze, davon 14 Plätze in U-Haft.

Curd Tönnemann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige