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Norddeutschland Leg doch mal das Handy weg!
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19:29 18.10.2018
Gemeinsam essen, miteinander reden? Die Kommunikation hat sich im Handyzeitalter geändert. Und die Umwälzung beginnt gerade erst, prognostizieren Wissenschaftler. Quelle: Getty Images/PhotoAlto
Lübeck

Wer Antworten auf die Fragen der Gegenwart und Zukunft sucht, wird manchmal in der Vergangenheit fündig. Vor einem halben Jahrhundert formulierte der Österreicher Paul Watzlawick fünf Axiome der Kommunikation, darunter auch diesen: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Will sagen: Wir senden und empfangen permanent Signale, ob wir wollen oder nicht.

Das Leben im Netz als Dauerzustand

Schon der 2007 verstorbene Multi-Wissenschaftler Watzlawick, der sich sowohl als Kommunikationsexperte wie auch als Psychologe, Soziologe und Philosoph einen Namen machte, unterschied zwischen analoger und digitaler Kommunikation. Das Digitale war der Inhalt, das Analoge die „Beziehungsebene“: Gestik, Mimik, Tonlage oder Lautstärke. All die nonverbalen Dinge, die erklären, warum wir von „Gedanken-Austausch“ reden, wenn wir ein gutes Gespräch meinen. Und die uns fehlen, wenn wir über Facebook oder Twitter Ansichten in die Welt hinausschicken. Die Folgen dieses analogen Verlustes erleben wir täglich, und sie sind nicht immer angenehm. Hasspostings hier, Schimpftiraden dort. Die Anonymität des Netzes fußt auf der fehlenden physischen Nähe des „Gesprächspartners“. Wen man nicht sieht, riecht oder fühlt, der ist leicht zu beleidigen.

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Droht also eine Verrohung des Umgangstons durch die digitale Kommunikation? Verlieren wir unsere Fähigkeit zur Empathie, unser Verständnis für Nonverbales, wenn wir nur noch posten, statt miteinander zu reden? Die Gefahr besteht, sicher aber ist das nicht. Die Kommunikationsexpertin Andrea Köhler-Ludescher, eine Großnichte Paul Watzlawicks, hat dessen 50 Jahre alte Thesen auf ihre Tauglichkeit für die digitale Kommunikation untersucht. „Wenn ich vorwiegend digital kommuniziere, dann glaube ich schon, dass das langfristig Auswirkungen auf ein analoges Gespür hat“, sagt die promovierte Juristin und Autorin, die auch eine Biografie über ihren Großonkel verfasst hat. Verlässliche Studien dazu gebe es indes nicht; aber jeder weiß, dass ein Gespräch anders verläuft, wenn das Gegenüber laut loslacht, als wenn auf einem Display „lol“ aufblinkt.

Smartphones sind soziale Universalwerkzeuge

Ohnehin herrscht kein Mangel an Abkürzungen in der digitalen Welt. Eine andere lautet POPC, und die hat es in sich. POPC bedeutet „permanently online, permanently connected“ – wenn man so will das Leben im Netz als Dauer- und Normalzustand. In einem Beitrag für die „Zeit“ haben zwei Medienwissenschaftler schon vor knapp zwei Jahren skizziert, wie sich unser Leben durch POPC verändert hat und verändern wird.

Peter Vorderer von der Uni Mannheim und Präsident des Weltverbandes der Kommunikationswissenschaftler (ICA) schrieb damals gemeinsam mit Christoph Klimt von der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, dass sich Smartphones und Tablets zu „sozialen Universalwerkzeugen“ entwickelt hätten, dank derer die Grenzen zwischen Kontakt und Nichtkontakt verschwimmen. Während herkömmliche Telefonate oder Gespräch einen Anfang und ein Ende haben, verlaufen jetzt Konversationen im latenten Dauerzustand – immer wieder unterbrochen, aber stets fortsetzbar. Wir leben in dem Gefühl, einen Kontakt jederzeit und überall beliebig wiederherstellen zu können; was das Gefühl dauerhafter Gemeinsamkeit stärken mag, der Tiefe eines Gesprächs hingegen oft abträglich ist.

Technoferenz: Wenn das Smartphone im Mittelpunkt steht

Laut einer Studie aus dem US-Fachjournal „Pedriatic Research“ führt die zunehmende Nutzung des Smartphones und anderen digitalen Medien zu einem Nachlass der Aufmerksamkeit von Eltern für ihre Kinder. Dass das Smartphone ihnen die Aufmerksamkeit ihrer Eltern stiehlt, merken auch die Jüngsten. Besonders wichtig sei die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern beim Essen, Spielen und Zubettbringen ihrer Kinder.

Auf Dauerkann der Mangel an aktivem Miteinander schwerwiegende Folgen für die Eltern-Kind-Beziehung nach sich ziehen, so Experten. Kinder, deren Eltern demnach zu viel Zeit mit digitalen Medien verbrächten, seien eher frustriert, hyperaktiv, jammerten, schmollten oder reagierten mit Wutanfällen. Das Problem an der Sache: Den Forschern nach entsteht so ein negativer Kreislauf. Denn viele Eltern reagierten auf ihre verhaltensauffälligen Kinder mit noch mehr Medienkonsum. Und auch ihre Stressgefühle nähmen zu.

Das Phänomen, dass das Smartphone immer weiter in den Mittelpunkt rückt – und somit zum Störfaktor im Gespräch wird – ist so weit verbreitet, dass die Forscher der Studie, Brandon McDaniel und Jenny Radesky, ihm einen eigenen Namen gegeben haben: Technoferenz. Genau genommen beschreibt der von den Forschern erdachte Begriff den Abbruch des persönlichen Augenkontakts zum Gegenüber, wenn dieser auf sein Smartphone oder andere digitale Geräte blickt.

Likes statt inhaltliche Auseinandersetzung

Aber was hätten wir uns auch noch groß zu sagen? Laut Vorderer und Klimt bilden wir uns in Zukunft ohnehin keine eigene Meinung mehr, sondern stimmen nur noch anderen Meinungen zu. Der Like-Daumen ersetzt die inhaltliche Auseinandersetzung, egal, ob er nach oben oder unten zeigt. Drastischer formuliert dies der Norweger Anders Indset. „Information gilt als vertrauenswürdig, wenn sie nur oft genug wiederholt wird“, glaubt der 40-jährige Wirtschaftsphilosoph. „Twitter fühlt sich manchmal an wie das Radio in den 30ern: Einer brüllt rein, und die Masse hält das für Wissen und versucht, daraus Weisheiten zu bauen.“ Die Folgen könne man schon beobachten: „Unsere alten politischen Modelle funktionieren nicht mehr, die Demokratie ist ins Wanken geraten, weil wir vermehrt auf Gefühle bauen.“

Die LN berichten in der Serie „Digitale neue Welt“

Bestandsaufnahme: Leg doch mal das Handy weg! Wie sich unsere Kommunikation verändert hat

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Gleichzeitig unterlägen wir dem Irrtum, durch das Internet vermehre sich unser aller Wissen. Was sich verändert, so Indset, seien nur die Menge und der Zugang zur Information. Dadurch werde die Kluft zwischen dem, was wir wissen könnten und dem, was wir tatsächlich wissen, aber immer größer. „Wir wachen also in Wahrheit jeden Tag etwas dümmer auf.“ Allerdings spielt sich ein Großteil der Kommunikation auf unserem Planeten gar nicht mehr von Mensch zu Mensch ab, nicht einmal von Lebewesen zu Lebewesen. IoT, „Internet of things“, ist das Schlagwort, hinter dem sich eine gewaltige Umwälzung verbirgt. Ein gigantisches Netzwerk aus Geräten, Autos, Computern, Haushaltsgeräten und anderen Dingen, die munter miteinander kommunizieren.

Vor ein paar Tagen erst trafen sich IoT-Experten in Wien und legten neue Zahlen auf den Tisch. Demnach kommunizieren schon jetzt fünfmal so viele Dinge miteinander, wie es Menschen auf der Erde gibt. Experten schätzen, dass der globale Marktwert von IoT schon im Jahr 2020 bei etwa 7,1 Billionen US-Dollar liegen werde - gut das doppelte des kompletten Haushaltes der Vereinigten Staaten in diesem Jahr.

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Die Kommunikation der Dinge

Aber es ist gar nicht so sehr diese gigantische Summe, sondern die Aussicht auf eine alle Lebensbereiche verändernde Umwälzung, die Optimisten jubeln und Skeptiker verzweifeln lässt. Die „Brave Smart World“ sei ein „sozio-technisches System aus den drei verzahnten Komponenten Mensch, Organisation und Technologie, die zu neuen Arbeitsformen, neuen Hierarchien und Kooperationsmodellen führen wird“, dozierte in Wien Dr. Franz Fidler von der FH St. Pölten. Dass der Mensch hierbei die führende Rolle spielen wird, ist freilich so sicher nicht. Denkbar, dass er in absehbarer Zeit ganz überflüssig wird.

Sicher ist: Die Welt wird sich weiter verändern, und das Tempo dürfte noch zulegen. Die Geschichte von dem kleinen Jungen, der an der Glaswand des Aquariums mit Daumen und Zeigefinger versucht, den Fisch dahinter größer zu ziehen, ist dabei eine eher harmlose Randnotiz. Und vielleicht kann man auch damit leben, dass in Zukunft unser Kühlschrank nicht nur neues Bier bestellt, wenn das alte zur Neige geht, sondern auch gleich noch entscheidet, welche Marke wir trinken – sei es, weil es billiger ist, sei es, dass andere Kühlschränke ihm „erzählt“ haben, dass dieses oder jenes Bier besser zu uns passe. Was uns wirklich droht, weiß man noch gar nicht.

Paul Watzlawick mag derlei vorhergesehen haben. Aus seiner Feder stammt nämlich auch der Bestseller „Anleitung zum Unglücklichsein“, und der Titel könnte im Nachhinein als Signal verstanden werden. Wer weiß - vielleicht hat er was geahnt. Lol.

Hier debattieren die LN-Leser über das Thema:

Uwe Nesemann

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