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Ein Geschichtenerzähler im Strandkorb: Robert Habeck im Interview

LN Serie Strandkorb-Gespräche Ein Geschichtenerzähler im Strandkorb: Robert Habeck im Interview

Robert Habeck (47) ist ein Geschichtenerzähler. Nicht allein, weil er gemeinsam mit seiner Frau Andrea Paluch allerhand Bücher geschrieben hat. Weil er auch allein Bücher verfasst hat. LN-Chefkorrespondent Curd Tönnemann hat den Grünen-Politiker zum Strandkorb-Gespräch getroffen.

Robert Habeck.

Quelle: Lutz Roeßler

Kiel/Heikendorf. Robert Habeck (47) ist ein Geschichtenerzähler. Nicht allein, weil er gemeinsam mit seiner Frau Andrea Paluch allerhand Bücher geschrieben hat. Weil er auch allein Bücher verfasst hat. Das letzte mit dem Titel „Wer wagt, beginnt“ hat der FAZ-Rezensent verrissen, der „Spiegel“ in seine Bestsellerliste gehoben. Habeck erzählt gerne Geschichten, mit Vorliebe von einer Gesellschaft, die seinem Ideal entspricht, am liebsten in seinen Büchern oder vor vermeintlichen Gegnern. Sie vermag er für sich zu gewinnen wie kaum ein anderer Politiker. Weil er sie umgarnt mit klugen Sätzen oder solchen, die danach klingen. Ein Doktor der Philosophie eben, das merkt man. Habeck scheut sich nicht, einen Saal zu betreten, in dem ihn Landwirte zum Empfang gnadenlos auspfeifen. Und zur Verabschiedung auf die Schulter klopfen. Dass Habeck, dieser professionelle Weltverbesserer, seine ursprüngliche Linie dabei in der Regel nicht verlässt, fällt offenbar niemandem auf. Frech ist Habeck, charismatisch, die „coolste Socke der Grünen“, hat eine süddeutsche Zeitung den gebürtigen Lübecker einmal charakterisiert.

Das Gespräch

Wir treffen uns in Heikendorf (Kreis Plön), nicht von ungefähr in Heikendorf. Hinter uns ziehen die großen Pötte in die Kieler Förde ein oder verlassen sie Richtung offenes Meer. „Das hier ist mein Revier. Dort hinten lag der Strand meiner Jugend“, sagt Habeck und streckt seinen Arm aus. Dort habe er mit seinen Kumpels rumgehangen. Strand ist dort heute nicht mehr. Nur ein schroffes Stück Küste. Der Strand sei damals künstlich aufgespült worden, erklärt Habeck.

Jetzt als Umweltminister wäre es ein Leichtes für ihn, ein bisschen Sand zu organisieren. Aber ein Grüner überlässt den Lauf der Dinge der Natur. Und sie will an dieser Stelle keinen Strand. Also bleibt es bei Habecks wehmütiger Erinnerung. Habecks Eltern hatten in Heikendorf eine Apotheke, „ein bürgerlich-konservatives Elternhaus“. Der heutige Landesminister für Umwelt, Landwirtschaft, Energiewende und Digitalisierung hat an einem Heikendorfer Gymnasium sein Abitur abgelegt. Heute ist er in Flensburg zu Hause. Und Lübeck? „Nur bis zu meinem vierten Lebensjahr“ sagt Habeck. „Die einzige Erinnerung ist, wie ich in die fette Henne unserer Nachbarin reingefallen bin.“

Wir reden nicht weiter über Lübeck. Aber über die Grünen – und Habecks Weg zu ihnen. Es war 1986, als er mit der Theater-AG des Heikendorfer Gymnasiums Shakespears „Sommernachtstraum“ aufführte. Die Liebenden irren in einer lauen Sommernacht durch den Wald. Romantik pur. „Das passte damals zu meinem Lebensgefühl“, erinnert sich Habeck. Nach der Premiere fing es an zu regnen. „Die Leute spannten in Panik ihre Regenschirme auf.“ Es war der Tag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – „einer der Momente, die mich politisch wach gemacht haben“, erinnert Habeck sich. „Ich hatte auf einmal das Gefühl: Da nimmt dir eine anonyme Kraft die Selbstbestimmung, glücklich zu werden.“

Bis zum Parteieintritt dauerte es aber. Habeck war schon Anfang 30. Er habe sich gesagt: „Jetzt reicht es nicht mehr, für dich eine Meinung zu haben. Jetzt musst du dafür auch in der Wirklichkeit kämpfen.“ Erkenntnis eines Philosophen, übersetzt heißt das: Nicht mehr vor TV-Polittalks hängen und lästern, sondern selber verändern. Auf seiner ersten Kreisversammlung traf Habeck auf einen versprengten Haufen von müden Grünen, die nicht einmal einen Kreisvorsitzenden hatten. Am Ende des Abends war Habeck neuer Kreisvorsitzender in Schleswig-Flensburg. „Nicht untypisch für die Grünen.“

Politische Karriere funktioniert nicht immer so glatt. Bei der Urwahl für die Spitzenkandidatur der Grünen zur Bundestagswahl scheiterte Habeck im vergangenen Winter hauchdünn an Parteichef Cem Özdemir. Gerade mal 75 Stimmen fehlten dem Flensburger. Über die Landesliste war er angesichts bevorstehender Landtagswahlen nicht abgesichert. Das bedeutete: Nach dem 7. Mai weiter Minister in Kiel bleiben können oder Schluss. Bekanntlich ging der Seiltanz gut. „Das bisherige Jahr war eine Achterbahnfahrt mit einem sehr guten Ergebnis“, heißt die Habecksche Bilanz.

Bleibt Berlin, möglicherweise sogar eine Rolle in einer künftigen Bundesregierung dennoch eine Option für ihn? Wenn die Bundes-Grünen ihn rufen würden? Darüber spekuliere er nicht, weicht Habeck aus.

Nur so viel: Er würde seiner Partei gerne helfen. Aber eine geheime Agenda, nein, die habe er nicht. Punkt.

Also Kiel. Weiterhin Konflikte mit Landwirten, Fischern und Windkraftgegnern austragen. Nimmermüde Überzeugungsarbeit leisten. Sein Rezept: „Wenn Menschen merken, dass man es ehrlich mit ihnen meint, kann man alles mit ihnen besprechen. Aus dieser Haltung heraus versuche ich zu agieren. Und mit Leidenschaft für das Land und seine Leute.“ Weiterhin das Ringen um Kompromisse. Um gegenseitigen Respekt. „Wenn das gelingt, bin ich zufrieden“, sagt Habeck.

Es ist kalt geworden am Strand. Eine abgehärtete, alte Dame tritt unter die Dusche dicht am Strandkorb. „Darf ich?“, fragt sie. „Machen Sie nur“, antwortet der Minister mutig. Der kräftige Wind treibt ihm die Gischt ins Gesicht.

Zur Person

Robert Habeck ist ein Spätzünder, was die Politik angeht. Mit 32 Jahren wird er Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Bis 2004 ist der Schriftsteller und Kreischef in Schleswig-Flensburg.

Danach übernimmt er den Landesvorsitz. 2012 wird er Minister im Albig-Kabinett, bleibt es 2017 in der Jamaika- Koalition. Habeck ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er ist Anhänger der Bundesliga-Handballer von Flensburg-Handewitt.

 Curd Tönnemann

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