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Norddeutschland Ein Heft, das hilft: „Hempels“ gibt Verkäufern eine neue Chance
Nachrichten Norddeutschland Ein Heft, das hilft: „Hempels“ gibt Verkäufern eine neue Chance
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21:20 11.02.2016
Seit Dezember 2013 verkauft Mustafa Albrecht das Straßenmagazin „Hempels“. „Das bringt Spaß“, sagt der 34-Jährige. Quelle: Dirk Silz

Mustafa Albrecht steht in seiner dicken roten Jacke und mit der blauen Mütze auf dem Kopf vor dem Landwege-Bio-Markt am Brink und grüßt freundlich jeden Passanten und Kunden. In seiner Hand hält er die Februar-Ausgabe von „Hempels“. „Ich wünsche einen schönen Tag“, sagt der 34-Jährige. Für Hunde gibt es auch schon mal ein Leckerli. Die Ansprache sei wichtig.

„,Hempels‘ ist das Megafon armer und wohnungsloser Menschen.“

Torsten Albig,

Ministerpräsident

„Man darf aber nicht aufdringlich werden“, betont Albrecht. Seit Dezember 2013 bietet er das soziale Straßenmagazin in Lübeck an. Er gehört damit zu den insgesamt 50 Verkäufern in der Hansestadt, die meisten von ihnen sind Männer.

Landesweit stehen 250 Frauen und Männer mit dem Magazin in den Fußgängerzonen oder vor Supermärkten in fast allen größeren Städten. Im Februar 1996 erschien die erste Ausgabe.

Zunächst wurde das Magazin von Wohnungslosen für Wohnunglose geschrieben, inzwischen hat sich das Konzept verändert. Seit 2003 wird die Redaktion von einem ausgebildeten Journalisten geleitet. Im Landeshaus in Kiel wurde gestern das 20-jährige Bestehen gefeiert. „,Hempels‘ ist mehr als ein Straßenmagazin“, ließ Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) als Glückwunsch ausrichten. „Es ist ein großes Netzwerk der Hilfe und das Megafon armer und wohnungsloser Menschen.“

Mustafa Albrecht kannte „Hempels“ schon länger. „Ich habe mir das aber nicht zugetraut“, erzählt er. Sechs Jahre war der Lübecker obdachlos, seit 2012 hat er wieder eine Wohnung.

„Ich war immer pleite, musste mir Geld leihen.“ Erst als ein anderer Verkäufer ihm Mut machte, wagte er den Schritt und stellte sich mit dem Magazin in die Innenstadt. „Das war aber nicht gut.“ Am Brink ist er nun sehr zufrieden. „Der Platz ist super, die Leute sind nett.“ Der 34-Jährige hat in der Tat Glück mit diesem Standort, bestätigt Verkäuferbetreuer Dennis Denker. „Die lukrativsten Plätze sind vor Bio-Supermärkten.“ Von montags bis sonnabends steht Mustafa Albrecht am Brink drei bis vier Stunden am Tag, gelegentlich bietet er das Magazin auch auf dem Wochenmarkt an. Doch vor dem Bio-Markt läuft es besser. „Ich habe viele Stammkunden“, sagt Albrecht. Ein Mann kauft ihm gelegentlich sogar fünf bis sechs Exemplare im Monat ab — obwohl das Heft nur alle vier Wochen neu erscheint. „Er sagt, er verteilt es im ganzen Haus“, erzählt Albrecht und lacht.

1,80 Euro kostet ein Exemplar, 90 Cent davon sind für ihn. Nur sozial Benachteiligte dürfen „Hempels“ verkaufen. Voraussetzung ist der Nachweis, zum Lebensunterhalt nicht mehr als den Hartz-IV-Regelsatz von 404 Euro zur Verfügung zu haben. „Die meisten Leute geben zwei Euro“, sagt Albrecht. „Nur ganz selten, etwa 20-mal im Jahr, wollen sie etwas wiederhaben.“ Das Trinkgeld darf er natürlich ebenfalls behalten. Zu Weihnachten haben die Kunden Albrecht nicht nur das Heft abgekauft, sondern ihn auch mit Präsenten bedacht. „Ich habe Schokolade, eine Jacke und ein Fahrrad geschenkt bekommen“, erzählt er glücklich. Dem jungen Mann ist anzumerken, dass ihm die Arbeit Spaß bringt. Hatte er anfangs Hemmungen, fremde Leute anzusprechen, scheint er nun das Gespräch mit seinen Stammkunden zu genießen. „Das Verkaufen ist gut für mich“, sagt der 34-Jährige. „Ich bin dadurch ruhiger geworden.“

Im Sommer würde er seinen Stammplatz am Brink aber trotzdem gerne kurzzeitig verlassen und mit seinem Hund „Jacky“ eine Tour durch Deutschland machen. „Ich habe nicht so viel Zeit für ihn“, bedauert er. Der Mischling aus Jack Russell Terrier und Rauhaardackel begleitet Albrecht nur im Sommer zur Arbeit. „,Jacky‘ macht das echt super“, sagt er. An diesem Tag muss er jedoch ohne seine niedliche Verkaufshilfe auskommen. Nachdem er wegen Bauarbeiten dreieinhalb Wochen nicht auf seinem Stammplatz stehen konnte, ist er nun heilfroh, wieder zurück zu sein. Am Brink. Bei seinen Kunden, die er alle freundlich begrüßt.

Auflage von 20000 Exemplaren

1996 gründete die Vorwerker Diakonie in Lübeck das Straßenmagazin „Bessere Zeiten“, 2008 kooperierten „Hempels“ und das Lübecker Magazin. Seitdem ist auf dem Titel neben „Hempels“ auch „Bessere Zeiten“ zu lesen. Die Auflage des Straßenmagazins liegt derzeit bei 20000 Exemplaren. Die Verkäufer können das Heft in Lübeck in der Zentralen Beratungsstelle der Vorwerker Diakonie erwerben. In der Hansestadt werden pro Monat etwa zwischen 4000 bis 4500 Heft verkauft.

Anlässlich des Jubiläums gibt es in diesem Jahr neben dem monatlichen Magazin das Kochbuch „Kochen wie im Knast“. Es kostet wie das Magazin 1,80 Euro, 90 Cent gehen an den Verkäufer. Außerdem sind weitere Aktionen geplant, so reist das blaue „Hempels-Sofa“ durch die Städte. Auch Lübeck ist ein Ziel.

Julia Konerding

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