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Ein Job für Idealisten mit Helfersyndrom

Lübeck Ein Job für Idealisten mit Helfersyndrom

Zu wenig Geld und zu wenig Nachwuchs: Physiotherapeuten in Schleswig-Holstein warnen vor Fachkräftemangel.

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Physiotherapeut Axel Kröger gleicht bei einem Patienten die Beinlängendifferenz wieder aus. FOTO: OLAF MALZAHN

Bad Schwartau/Lübeck. Manchmal gibt es solche Tage. Dann ist die Praxis von Axel Kröger in Bad Schwartau brechend voll. Keine Behandlungskabine ist mehr frei, jede Liege ist belegt. „Ich habe dann ohne Ende zu tun“, sagt der Physiotherapeut. „Aber was am Ende dabei herauskommt, kann man vergessen.“ Nicht nur Kröger geht es so. Schleswig-Holsteins Physiotherapeuten klagen über zu geringe Bezahlung und den daraus resultierenden Nachwuchsmangel.

„Den Job macht man nicht, um Geld zu verdienen“, sagt Axel Kröger. „In diesem Beruf wird man nicht reich.“ Er selbst arbeitet von 8 bis 20 Uhr, macht eine Stunde Mittagspause. Die Büroarbeit muss er zu Hause erledigen. Konkret moniert Kröger die geringen Vergütungssätze der Krankenkassen. Als Beispiel nennt er die manuelle Lymphdrainage, etwa nach Krebserkrankungen. „Für 45 Minuten bekomme ich 24,75 Euro. Das ist lächerlich. Für uns rentiert sich das nicht.“ Auch Hausbesuche könnten kaum noch geleistet werden. Derweil wachsen die Wartelistenzeiten an: Patienten müssten Monate auf einen neuen Termin warten.

Jens Kuschel, Sprecher der AOK Nordwest, weist hingegen darauf hin, dass die Preise für physiotherapeutische Leistungen zwischen Krankenkassen- und Berufsverbänden verhandelt würden. Insgesamt zahlten alle gesetzlichen Krankenkassen für ihre Versicherten in Schleswig-Holstein 2015 mehr als 165 Millionen Euro – im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von 6,2 Prozent. „Die Ausgaben liegen damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt“, sagt Kuschel.

Aber wie attraktiv ist der Beruf für junge Leute? „Für Idealisten, für Menschen mit Helfersyndrom ist er nach wie vor attraktiv“, sagt Stefan Kraus, Landesvorsitzender des Physiotherapeuten-Verbands VDB. „Aber was nützt das, wenn man seine Familie nicht versorgen kann?“ Er vermutet, dass sich viele in der Zukunft gegen den Beruf entscheiden werden. „Das Interesse nimmt ab, weil es keine ansprechende Perspektive gibt.“ Schon jetzt gebe es einen Rückgang der Ausbildungszahlen. „Das, was ausgebildet wird, füllt nicht auf, was durch den demografischen Wandel benötigt wird“, betont Kraus.

Stefan Sievers, Landesgruppenvorsitzender des Verbands für physikalische Therapie (VPT), vermutet, dass etwa 80 Prozent der Praxen im Land Personal suchen. „Das ist kein Engpass mehr, das ist ein Fachkräftemangel“, sagt der Physiotherapeut.

Gegen diesen Trend stemmt sich die Uni Lübeck mit einem neuen Studiengang (siehe unten). Sie konnte sich im Wintersemester vor Bewerbern kaum retten. Die Hochschule möchte einen Beitrag zur Akademisierung von Gesundheitsberufen leisten, erklärt Studiengangskoordinatorin Annette Sitzer. Mit einem „Bachelor of Science“-Abschluss in der Tasche hätten die Studenten „gute Chancen, einen Job zu bekommen, und bessere Aufstiegschancen“.

Stefan Sievers vom VPT hofft auf das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz, das im März 2017 in Kraft treten soll. „Es würde für die Physiotherapeuten definitiv eine Aufwertung bedeuten.“ So wird unter anderem die sogenannte Blankoverordnung über drei Jahre im Modell getestet: Die Verordnung eines Heilmittels erfolgt weiterhin durch den Arzt, der Heilmittelerbringer bestimmt aber die Auswahl und die Dauer der Therapie. Auch das Kippen der Grundlohnsumme steht im Raum. Die Therapeuten bekämen bessere Verdienstmöglichkeiten, der Beruf würde interessanter, sagt Sievers.

Axel Krögers Sohn möchte übrigens auch Physiotherapeut werden. Und trotz allem wollte der 58-Jährige es ihm nicht ausreden. Denn es hätte allzu unglaubwürdig geklungen. „Ich würde immer wieder machen, was ich bisher gemacht habe“, sagt der Physiotherapeut voller Überzeugung.

Physiotherapie an der Uni

Mit großem Andrang startete in diesem Wintersemester der Studiengang Physiotherapie an der Uni Lübeck. Auf die 40 Studienplätze kamen 233 Bewerber – auch, weil das Studium kostenlos ist. Die Universität musste nach Abiturnote auswählen. Die dreijährige Ausbildung an privaten Schulen kosten hingegen mehr als 12000 Euro, betont Stefan Kraus, Landesvorsitzender des Physiotherapeuten-Verbandes.

Jan Dresing

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