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Norddeutschland Essen genießen ohne schlechtes Gewissen
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19:45 12.09.2018
Prof. Dr. Christian Sina, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck Quelle: Rest
Lübeck.

Personalisierte Ernährung war das Thema auf dem Innovationstag in den Media Docks. Die LN sprachen mit dem Lübecker Ernährungswissenschaftler Prof. Christian Sina. LN: Wieso fordern Sie personalisierte Ernährung und was ist das?

Prof. Dr. Christian Sina: Wir haben riesige medizinische Probleme durch Fehlernährung, große Zuwachsraten bei Übergewicht und anderen ernährungsbedingten Krankheiten. Zwar sind die meisten gängigen Ernährungsempfehlungen nicht prinzipiell falsch, aber dennoch häufig ineffektiv, da sie die individuellen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Einzelperson zu wenig berücksichtigen. Wir sollten daher anfangen, Ernährung individuell zu betrachten. Ich vergleiche das mit Medikamenten. Ein Medikament kann auf zwei unterschiedliche Personen ganz anders wirken. Für Ernährung gilt das genauso, das haben wir in einer Studie zeigen können.

 

LN: Was bedeutet das in der Praxis?

Sina: Mit dem aus der Uni Lübeck heraus gegründeten Startup Perfood und dem MillionFriends Programm haben wir erstmalig die Möglichkeit, sensorbasiert über einen Zeitraum von 14 Tagen Daten u.a. zum individuellen Blutzuckerverlauf in Abhängigkeit von der Nahrungsaufnahme zu erheben, die uns zusammen mit Fragebögen und einer Analyse der Darmflora dabei helfen, individuelle Ernährungsempfehlungen abzuleiten.

 

LN: Was sind denn die Elemente für eine gesunde Ernährung?

Sina: Wesentlich ist, dass wir alle Nährstoffe in der für uns individuell ausreichenden Menge zu uns nehmen, insbesondere Ballaststoffe, Spurenelemente, Vitamine und Mineralstoffe, die wir unter anderem in großen Mengen im Gemüse finden. Sie sind wichtig für unsere Stoffwechselprozesse und dienen der Aufrechterhaltung unseres Immunsystems. Darüber hinaus, sollten wir nur so viele Kalorien täglich zu uns nehmen, wie wir auch tatsächlich verbrauchen, um Übergewicht oder Fettleibigkeit zu verhindern. Neu ist nun, dass wir bei der Auswahl unserer Nahrung auch die individuelle Stoffwechselreaktion berücksichtigen sollten.

LN: Was ist, wenn ich gerne Brötchen esse, das aber nicht sollte?

Sina:  Dann hilft es, das Brötchen entweder mit zum Beispiel Butter oder Proteinaufstrich zu verzehren. Sowohl Fett als auch Protein können eine ungewollt hohe Blutzuckerantwort des Körpers reduzieren. Wir haben allerdings herausgefunden, dass die Blutzucker-Modulation durch Fette und oder Protein nicht bei jedem gleich effektiv wirken. Auch das kann durch das MillionFriends-Programm getestet werden. Wichtig ist zudem, dass bis zu 20 Prozent der Menschen überhaupt nicht auf eine Blutzucker-Modulation mit Fett oder Protein reagieren. Hier sollte idealerweise eine alternative Kohlenhydratquelle wie z.B. Haferflocken verwendet und der Brötchenkonsum auf das Sonntagsfrühstück reduziert werden.

 

LN: Also kein Genussverzicht...

Sina: Nein, überhaupt nicht. Mittlerweile wissen wir, dass viele Diäten unter anderem deshalb langfristig nicht wirken, da sie auf Verzicht beruhen. Das erfordert sehr viel Disziplin und Anstrengung. Verzicht funktioniert in der Regel daher nur kurzfristig. Eine intelligente Auswahl von Lebensmitteln und Mahlzeiten innerhalb des eigenen Speiseplans, also im Rahmen der eigenen individuellen Geschmackspräferenzen, soll die Alltagsernährung nur anpassen, aber nicht komplett umstellen. Damit hält sich der Aufwand für den Einzelnen in Grenzen und man hat man eine größere Chance, nachhaltige Erfolge zu erzielen.

 

LN: Haben Sie das Gefühl, das Thema personalisierte Ernährung ist bei Hausärzten angekommen?

Sina: Unseren Hausärzten ist meines Erachtens das Wissen um die herausragende Bedeutung einer auf die Bedürfnisse des Einzelnen angepassten Ernährung vollkommen klar. Trotzdem sehen wir uns im Krankenhausalltag täglich mit den Folgen von Fehlernährung allen voran Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall konfrontiert – vieles wäre sicher vermeidbar, wenn wir uns mehr der Krankheitsprävention widmen würden. Ein wichtiger Grund, wieso dies nicht geschieht, ist neben den knappen Zeitressourcen bei relativ geringer Vergütung ärztlicher Beratungsleistungen, in meinen Augen aber auch das fehlende Bewusstsein für unsere Eigenverantwortlichkeit in Bezug auf Krankheitsprävention. Wir müssen lernen zu verstehen, dass ein gesundheitsbewusstes Verhalten in jungen Lebensjahren – dazu gehört neben einer gesunden Ernährung selbstverständlich auch ausreichend körperliche Bewegung – die Chancen auf ein gesundes Altern deutlich erhöht.

 

LN: Sind wir da noch am Anfang?

Sina: Das Thema Personalisierte Ernährung ist seit Jahrzehnten ein großes Thema unter Forschern, hat es aber bis dato noch nicht zum Durchbruch geschafft, da bisher vor allem die technischen Voraussetzungen nicht erfüllt waren. Durch den Einsatz von Apps, moderner Sensortechnologie und künstlicher Intelligenz, ist es nun erstmalig möglich, Algorithmen zu entwickeln, die auf zigtausenden Datensätzen beruhen und die sich gut in den Alltag der Menschen integrieren lassen. Durch Analyse dieser so gewonnenen Daten wissen wir mittlerweile u.a., dass genetische Faktoren deutlich weniger Einfluss auf unsere Reaktion auf Nahrungsmittel haben als wir bisher dachten. Unsere Darmflora und der von ihr beeinflusste Stoffwechsel scheinen im Vergleich eine deutlich größere Rolle zu spielen.

 

  LN: Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft aus?

Sina: Durch personalisierte Ernährung wird es möglich sein, dass sich jeder Mensch optimal ernährt, um so das Auftreten ernährungsbedingter Erkrankungen zu verhindern und um die Chancen für ein gesundes Altern zu erhöhen. Aufgrund des Wegfalls von Ernährungsdogmen können wir wieder ganz entspannt unser Essen ohne schlechtes Gewissen genießen. Die Einteilung in Ernährungstypen hilft den Ernährungsbetrieben bei der Produktion von konfektionierten Lebensmitteln, die nicht nur unseren Alltag vereinfachen, sondern auch Ressourcen schonen, damit global bei einer steigenden Weltbevölkerung ausreichend Nahrung zur Verfügung steht. Pharma- und Ernährungsbranche arbeiten in der Zukunft verstärkt zusammen, um den modulierenden Einfluss personalisierter Ernährung auf zum Beispiel moderne Krebsmedikamente für effektivere Therapiekonzepte zu nutzen.

 

LN: Welche Rolle spielt FoodRegio bei Ihren Zielen?

Sina: FoodRegio ist für uns der zentrale Ansprechpartner für die allermeisten Ernährungsthemen außerhalb der Uni, ein perfekter Mittler zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Wir wollen aktiv zusammen vorangehen. So haben wir zum einen in den Betrieben, zum anderen an unseren Wissenschaftseinrichtungen, also an der Uni, an der Technischen Hochschule sowie am hiesigen Fraunhofer-Institut sehr viel Fachwissen gebündelt. Dieses Wissen zusammenzutragen und gemeinsam zu nutzen, birgt die einmalige Chance, unsere Ernährung auf die Bedürfnisse unserer Zeit zu optimieren. Und Lübeck als wichtiger Standort der Ernährungsbranche ist dabei Vorreiter in Deutschland.

Christian Risch

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