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Norddeutschland "Es hätte jeden treffen können"
Nachrichten Norddeutschland "Es hätte jeden treffen können"
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21:36 29.07.2017
Zwei Passanten vor dem Edekaladen in Barmbek, in dem der Täter zustach. Zahlreiche Menschen haben dort Blumen abgelegt, links hinten das Foto „Barmbeker Helden“. Quelle: Marcus Stöcklin

Es ist eine Durchgangsstraße mit vielen türkischen Läden: Die Fuhlsbüttler Straße im Hamburger Stadtteil Barmbek ist nicht schön, einfache Leute leben hier, viele mit Migrationshintergrund. Am Sonnabend - einen Tag nach der grausamen Bluttat - halten alle zusammen, einig in ihrer Trauer, ihrem Entsetzen, ihrer Abscheu – über eine fürchterliche Tat: die mörderische Messerattacke eines offenbar geistig verwirrten Islamisten.
„Meine Gedanken sind jetzt bei den Angehörigen“, hat eine Frau geschrieben. Ihre Botschaft liegt inmitten eines Meeres von Blumen, Kerzen und Briefen vor dem nun geschlossenen Edeka-Markt, in dem ein 50-Jähriger starb. Niedergestochen mit einem langen Brotmesser, das der Attentäter sich laut Polizei im Laden aus dem Regal gegriffen hatte. Sieben weitere Menschen verletzte er damit. „Es ist grausam“, sagt Eduard Deibert (45), der soeben eine Blume niedergelegt hat. „Ich möchte meine Anteilnahme zeigen.“

Sylvia Kelling (50) laufen die Tränen über das Gesicht. „Ich fühle mich hier verwurzelt“, sagt die Sozialarbeiterin. Jahrelang habe sie in der Nähe gelebt, kenne viele der Verkäufer und Geschäftsleute. „Es hätte jeden treffen können. Es tut mir so leid für die Menschen, so leid für den Stadtteil, die Stadt und unser Land.“ Monika Osmialowski (58) arbeitet als Reinigungskraft, sie hat einen Strauß gelbe Chrysanthemen gekauft. „Die hab’ ich extra besorgt.“ Sie schluckt. „Mir zittern richtig die Knie, so sehr nimmt mich das mit.“

Es ist hier in der Straße passiert, so nah. „Man nimmt immer Anteil bei einem Anschlag. Aber das hier geht doch unter die Haut“, meint Katja Müller (49). „Ich kaufe in diesem Edeka regelmäßig ein“, fügt sie hinzu. „Ich kenne die Kassiererinnen. Das Edeka-Team ist so nett.“ Sie schüttelt traurig den Kopf. „Ich stehe immer noch ein bisschen unter Schock.“ Auch sie hat einen Zettel geschrieben, auf dem sie und ihre Nachbarn ihre Gedanken geschrieben haben. Es sind Sätze wie diese: „Was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man nicht durch den Tod verlieren. Es ist unsagbar schwer, passende Worte zu finden.“ Die Briefe sind nass vom Regen, es gießt. Doch der Menschenstrom zum Tatort reißt nicht ab.

In den Cafés und Läden haben viele einen Teil der Vorgänge vom Vortag beobachtet. „Ich habe gearbeitet“, berichtet Meral Kazar (31), eine aus der Türkei stammende Kurdin, die in dem wenige Meter vom Edeka entfernten Friseursalon arbeitet. „Eine Kundin ließ sich einen Termin geben und ging. Plötzlich kam sie zurück, stürmte zur Tür herein und rief: ,Schließt ab! Da läuft jemand mit einem Messer herum und sticht auf Leute ein!’“ Durch das Fenster habe sie gesehen, wie ein junger blonder Mann mit blutigem T-Shirt vorbeiwankte. Wenige Schritte weiter sei er zusammengebrochen. „Da sah ich den Täter, der mit einem langen Messer auf der Straße lief. Acht bis zehn Leute waren hinter ihm her, sie hatten Stühle und Schilder.“ Das Messer in der Hand des Flüchtenden sei sehr lang gewesen und blutig. „Er hob die Hände und rief: ,Allahu-Akhbar!’“ Den Täter beschreibt sie als groß, dünn und dunkelhaarig. „Wir hatten alle Angst.“
„Ich dachte erst, es wäre eine Schlägerei“, berichtet ihr Kollege Bayar Saadi (30). Er habe zu diesem Zeitpunkt nicht geahnt, dass es einen islamistischen Hintergrund geben könnte. Der Täter sei ein Terrorist: „Allah hat nichts zu tun mit solchen Leuten.“

Mohammed Okasha (53), der aus Ägypten stammt, war im Café auf der anderen Straßenseite, als er den Tumult bemerkte. „Die Verfolger haben versucht, den Messerstecher festzuhalten und ihm die Waffe abzunehmen.“ Hände und Unterarme des Täters seien blutig gewesen, „bis zu den Ellbogen“. „Er sah aus wie ein Verrückter.“
Vor dem Geschäft habe der Attentäter noch durch ein offenes Autofenster auf eine Frau eingestochen. Ebenso auf eine Radfahrerin, weiß ein weiterer Anwohner.
„Es ist unfassbar.“ Rüdiger Wendt (64), SPD-Wahlkreisabgeordneter in Barmbek, war auf seinem Balkon, als alles passierte. „Ich sah, wie die Menschen flüchteten, hörte, wie sie schrien.“ Auch er ist noch immer fassungslos. „Ich bin glücklich, dass die Leute zusammengehalten haben und so mutig waren, den Täter zu verfolgen“, sagt er. „Das ist bewundernswert.“

„Es waren Leute mit Migrationshintergrund, die ihn gestoppt haben“, stellt Anwohner Thorsten Corleis (56) fest. Ein gerahmtes Foto mit den Gesichtern der „Barmbeker Helden“ ist inzwischen am blumengeschmückten Gedenkort aufgestellt worden, daneben ein Schwarzweißbild des Hamburger Michels, bespritzt mit roter Farbe. Jamel Chraiet (48) ist einer der Männer, die versuchten, den Angreifer zu stoppen, auch er habe sich einen Stuhl geschnappt, um den Mann aufzuhalten. „Ich habe auch versucht, mit ihm zu reden“, sagt Chraiet. „Aber er hat nur etwas gesagt, was man überhaupt nicht verstanden hat. Ob der in einer anderen Welt war?“

Elias Sahir (24) ist mit zwei jüngeren Geschwistern im Kindesalter gekommen, einem Jungen und einem Mädchen. Beide tragen eine weiße Rose, die sie vor dem Edeka-Markt ablegen wollen. Die Geste der Anteilnahme könne den Kindern helfen, das Geschehen zu verarbeiten, meint Maschinenbaustudent Sahir. Eine unmenschliche Tat, bemerkt er. Auch er sei übrigens Moslem, aber der Täter dürfe sich nicht auf Allah berufen. „Mord und Totschlag haben nichts mit Religion zu tun.“

Von Marcus Stöcklin

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