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„Es war menschenunwürdig“

Kiel „Es war menschenunwürdig“

In der Affäre um Misshandlungen im Therapiezentrum Rimmelsberg bricht ein Betroffener die Mauer des Schweigens.

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Der Willkür der Erzieher ausgeliefert waren die Jugendlichen in Rimmelsberg, sagt ein Ex-Bewohner.

Quelle: Pleul/ Dpa

Kiel. Nach den jüngsten Vorwürfen gegen das Therapiezentrum Rimmelsberg im Kreis Schleswig-Flensburg und die Landesheimaufsicht von Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) hat sich ein ehemaliger Bewohner zu Wort gemeldet. Marco (sein vollständiger Name ist der Redaktion bekannt) stammt aus dem Hamburger Norden und lebte bis März 2014 knapp zwei Jahre in der Einrichtung. Inzwischen wohnt der heute 18-Jährige im Kreis Rendsburg-Eckernförde und absolviert eine Kochlehre.

„Unangekündigte Besuche wären am besten.“ Marco, Ex-Bewohner des Therapiezentrums Rimmelsberg

Gleich nach seiner Ankunft in der Wohngruppe Hof Seeland im Mai 2012 habe die Heimleitung beim Einzelgespräch einen Blick in die Akten geworfen und ihn dann mit Worten begrüßt, die in Marcos Ohren klingen, als wären sie gestern gesprochen worden: Dass man eigentlich ein Loch graben, Marco hineinwerfen, Beton darüber gießen und oben drauf noch einen Haufen machen müsste. Aber dass jetzt alles anders werde, weil Marco ja die Betreuer vom Rimmelsberg habe. Die lässige Atmosphäre eines Bauernhofs habe ihm tatsächlich gut gefallen, blickt der junge Mann zurück. Zwischen den 15 Jungs, untergebracht in zehn Zimmern, habe ein guter Zusammenhalt bestanden. „Aber vieles war eben nicht okay“.

Marco war in früheren Jahren wegen seiner Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) in der Schule aufgefallen und wurde in Rimmelsberg zum hausinternen Unterricht von den anderen getrennt. Auch am sogenannten Losertisch, dem Tisch für „Verlierer“, den die Landesheimaufsicht dem Betreiber inzwischen untersagte, habe er öfter sitzen müssen. Der Tisch stand dem regulären Esstisch gegenüber, man konnte und sollte die anderen sehen, bloß dass es dort nicht Marmelade, Aufschnitt und was auch immer gab, sondern lediglich zwei Scheiben Brot, einen Löffel Margarine, etwas Salz aus dem Streuer sowie ein Glas Wasser. Die Schilderung erinnert an den geschlossenen Friesenhof in Dithmarschen. Einmal habe die Gruppe in Rimmelsberg einem separierten Jungen vom Essen etwas abgegeben, erzählt Marco, und als die Betreuer das mitbekamen, verhängte man den Essensentzug gleich für alle.

So viel mehr sei in den knapp zwei Jahren passiert, was an ein Bootcamp erinnert. Ein paar Jungs hatten nach Angaben von Marco aus dem Kühlschrank zwei Packungen Salami entwendet, nicht ahnend, dass die Packungen abgezählt waren. Nachts, so erinnert er sich, wurden alle Jungen aus den Betten gescheucht, mussten in Unterhose oder Schlafanzug auf dem Hof im Kreis laufen und dann auf dem Boden über Tannenzapfen robben, bis die Delinquenten irgendwann ihre Missetat gestanden. Am nächsten Tag sollte Marco einem Betreuer Fragen beantworten, zum Beispiel, wie viele Wochenenden das Jahr habe und wie hoch der Mount Everest sei. Für falsch beantwortete Fragen musste er 52 Runden laufen, schwere Baumscheiben schleppen und Treppen hoch- und herunterrennen.

Im Herbst, es hatte gerade geregnet und die Betreuer — immer Männer und immer zu dritt — trugen bereits warme Jacken, mussten die Jungen nach Marcos Erinnerung mittags nur in Unterhose bekleidet durch den Schlamm robben. Da sie schmutzig nicht ins Haus zurück durften, griffen die Betreuer einen Gartenschlauch und spritzten die Jungen ab. „Das war menschenunwürdig.“

Marco hält unangekündigte Besuche der Behörden für die beste Lösung: „Und zwar möglichst zu einem Zeitpunkt, an dem alle draußen in Unterhose stehen müssen.“

Von C. Hiersemenzel

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