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Norddeutschland Experten streiten: Sitzenbleiben abschaffen — ist das richtig?
Nachrichten Norddeutschland Experten streiten: Sitzenbleiben abschaffen — ist das richtig?
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15:48 27.02.2013
Sogar Thomas Mann blieb sitzen. Quelle: dpa
Kiel

Immer mehr Bundesländer schaffen das Sitzenbleiben ab. Jetzt will auch Schleswig-Holstein, wo Zwangsrückstellungen ohnehin nur in der Soft-Variante möglich sind, den Schritt gehen. Jedes Kind soll am Ende eines Schuljahrs in die nächste Klasse wechseln.

Die Aufregung darüber, die „Ehrenrunden“ gänzlich abzuschaffen, ist im Laufe der Zeit kleiner geworden. Zu übermächtig erscheinen die Argumente von Experten, die auf eine Bertelsmann-Studie oder internationale Leistungsvergleiche wie Pisa verweisen. Pisa-Spitzenreiter Finnland kennt keine Sitzenbleiber. Schüler, die dem Lehrstoff nicht mehr folgen können, werden einzeln beschult. „Sehr schön, für Schleswig-Holstein aber kaum finanzierbar“, sagt Helmut Siegmon. Der Philologenverbandschef sorgt sich, dass Schule zum Nachhilfeunterricht für die Schwächeren verkommt, wenn es kein Sitzenbleiben mehr gibt. „Ich glaube, Lehrer werden so etwas nicht beliebig lange aushalten.“

Laut einer Bertelsmann-Studie geben die Bundesländer jährlich insgesamt eine Milliarde Euro für Klassenwiederholungen aus (zusätzlicher Personal- und Sachaufwand, Investitionen). Gäbe es in Schleswig-Holstein keine Wiederholer, könnte das Land für jeden Schüler 100 Euro mehr ausgeben, hat Bildungsforscher Klaus Klemm errechnet. Er behauptet, dass Sitzenbleiben keine Verbesserung der schulischen Leistungen für Klassenwiederholer bedeute. Statt Stoff aufzuholen, verplemperten sie Lebenszeit. Die Gegenseite argumentiert mit Sitzenbleibern, aus denen etwas geworden ist:

Schriftsteller Thomas Mann oder die TV-Größen Thomas Gottschalk und Harald Schmidt. Dazu passt die Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung: „Wer eine Klasse wiederholt, hat gute Chancen, einen besseren Schulabschluss zu erreichen als immer versetzte Mitschüler.“

Angesichts der Pläne im Kieler Bildungsministerium macht sich die CDU-Landtagsfraktion Sorgen. „Kein Sitzenbleiben, das ist genau so ein Unsinn wie der von der Bildungsministerin vorgeschlagene Verzicht auf Noten“, sagt Heike Franzen. Die Ministerin solle sich lieber um den enormen Unterrichtsausfall, zeitgemäße Lehrpläne und eine angemessene Lehrerversorgung kümmern. Curd Tönnemann

LN

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