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Norddeutschland Fall Detlef H.: Warum hat niemand früher gehandelt?
Nachrichten Norddeutschland Fall Detlef H.: Warum hat niemand früher gehandelt?
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08:33 02.04.2018
Es stehe der Verdacht im Raum, dass gleich mehrere Behörden und Einrichtungen in Lübeck schon seit Jahren von den Vorwürfen gegen H. gewusst hätten, „aber offenbar niemand so reagiert hat, dass weitere Taten verhindert werden konnten“, sagt der Vize-Landeschef der Polizeigewerkschaft DPolG, Thomas Nommensen.  Quelle: dpa
Lübeck

Dessen Ex-Außenstellenleiter Detlef H. wird vorgeworfen, bei Beratungen Frauen sexuell belästigt oder sogar genötigt zu haben. Zwei Frauen erstatteten vorletzte Woche wegen angeblicher Fälle aus dem Jahr 2016 Anzeige. Im Juli 2017 berichtete eine Mitarbeiterin der Polizeidirektion Lübeck ihren Vorgesetzten, dass H., ein pensionierter Polizeibeamter, sie sexuell bedrängt habe. Der 73-Jährige blieb dennoch bis November 2017 im Amt. H. weist alle Vorwürfe zurück und hat seinerseits Anzeige gegen unbekannt wegen Verleumdung erstattet. Nach Berichten der Lübecker Nachrichten und des „Spiegel“ liegen allerdings mittlerweile 15 Anzeigen gegen ihn vor.

In einer Mail vom 20. Juli 2017 unterrichtete Lübecks Polizeichef Norbert Trabs Landespolizeidirektor Ralf Höhs, den Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium Jörg Muhlack und dessen Stellvertreterin Silke Detering über den mutmaßlichen Übergriff auf seine Mitarbeiterin. Doch keiner der drei informierte Innenminister Hans- Joachim Grote (CDU) oder seinen Staatssekretär darüber.

„Man kann sich nur wundern, dass sowohl beim Weißen Ring als auch bei der damaligen Polizeiführung nicht sofort alle Alarmglocken geklungen haben, als sie von den Vorfällen erfahren haben“, sagt der CDU-Innenpolitiker Tim Brockmann. Nun gelte es, „bei beiden Institutionen eine lückenlose Aufklärung einzufordern“. Es erweise sich zudem im Nachhinein als richtig, dass Grote Höhs und Muhlack im November ausgewechselt habe. Eine der Begründungen damals: Sie hätten den Minister schlecht informiert. Und dabei habe der Fall „Weißer Ring“ noch nicht einmal eine Rolle gespielt – von dem habe Grote laut einem Ministeriumssprecher erst am 22. März dieses Jahres erfahren.

Auch die Opposition drängt auf Aufklärung. „Es ist wichtig und richtig, dass der Innenminister klärt, wer im Ministerium wann was gewusst hat“, sagt der SPD-Innenpolitiker Kai Dolgner. Dolgner will zudem wissen, was Trabs’ Vorgänger Heiko Hüttmann schon 2012 veranlasst habe, H. anzusprechen, und wer innerhalb der Polizei noch informiert gewesen sei.

Es stehe der Verdacht im Raum, dass gleich mehrere Behörden und Einrichtungen in Lübeck schon seit Jahren von den Vorwürfen gegen H. gewusst hätten, „aber offenbar niemand so reagiert hat, dass weitere Taten verhindert werden konnten“, sagt der Vize-Landeschef der Polizeigewerkschaft DPolG, Thomas Nommensen. Der Verdacht, dass entweder aus falscher Rücksichtnahme oder wegen seiner mutmaßlich guten Kontakte in Polizei, Staatsanwaltschaft und weitere Institutionen hinein nicht mit der erforderlichen Konsequenz gegen H. vorgegangen wurde, müsse vollständig ausgeräumt werden.

Unterdessen berichtet der „Spiegel“ von einem Zerwürfnis zwischen dem Weißen Ring und H.s Anwalt. Der sei bisher einer von acht Juristen gewesen, die der Verein Hilfe suchenden Opfern in Lübeck empfohlen hatte. Jetzt sei er von der Liste gestrichen worden. Er habe für H. Anzeige wegen Verleumdung gegen unbekannt gestellt. Diese Anzeige ziele auf Frauen, die H. belasten. Betroffen sein könnten also auch mutmaßliche Opfer, die der Anwalt früher selber beraten hat, so der „Spiegel“. Der Anwalt sehe in seinem Mandat keinen Interessenkonflikt.

 Von Wolfram Hammer

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