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Norddeutschland Flüchtlingen werden teure Verträge aufgeschwatzt
Nachrichten Norddeutschland Flüchtlingen werden teure Verträge aufgeschwatzt
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22:44 02.05.2016
Quelle: Fotolia

Unter anderem bei einer Familie aus Neustadt (Ostholstein). Nach Angaben von Andreas Schneider, Leiter der Ordnungs- und Sozialbehörde der Stadt, seien die Syrer nach ihrem Umzug in eine städtische Wohnung von einem Dienstleister des Stromkonzerns RWE behelligt worden. Eigentlich habe die Familie geglaubt, lediglich ihren Zählerstand zu bestätigen.

Weitere Details zum Fall in Neustadt lesen Sie hier

Dass sie einen Stromvertrag abschließen würde, der mit den örtlichen Stadtwerken im Übrigen schon bestand, hätten die Flüchtlinge nicht gewusst. In diesem Fall habe RWE die Auflösung aber bedingungslos akzeptiert.

Das ist bei weitem kein Einzelfall. Bei der dezentralen Flüchtlingsbetreuung der Gemeindediakonie Lübeck sind inzwischen mehr als hundert ähnlicher Fälle aufgelaufen. „Das ist ein Riesenproblem, das jede Menge Arbeit macht“, sagt Betreuerin Maike Peters. Als anerkannte Asylbewerber hätten die Menschen zwar jedes Recht dazu, Verträge abzuschließen. „Aber meistens überschauen sie nicht, was sie da eigentlich unterschreiben, zumal sie vollauf beschäftigt sind, ihr neues Leben zu organisieren“.

Das nutzten die Drücker aus. Sie gerierten sich als wohlmeinend und drängten die Flüchtlinge so zu Unterschriften. Ansonsten „kommt die Polizei“, werde ihnen weis gemacht. „Oftmals handelt es sich um die teuersten Verträge, die die höchste Provision versprechen“, sagt Peters. Das geschehe im Namen aller großen Stromkonzerne – aber auch für Kabelanbieter. „Selbst wenn in der Wohnung ein Kabelanschluss vorhanden, sogar im Mietvertrag inbegriffen ist, werden Verträge aufgenötigt.“

Anbieter wie RWE und Vattenfall weisen ihre Verantwortung zurück. Im Direktvertrieb arbeite Vattenfall, wie die meisten Mitbewerber auch, mit externen Dienstleistern zusammen, sagt Firmensprecherin Sandra Kühberger. „Wenn wir konkret von solchem Missbrauch erfahren, gehen wir dem nach – und dann hat das auch Konsequenzen.“ Ähnlich äußert sich Mario Leikop von RWE. Man versuche nicht, Verträge an Flüchtlinge zu verkaufen, zumal ja meistens Städte und Gemeinden die Vertragspartner seien. In Nachschulungen bei Vertriebsmitarbeitern werde man das auch deutlich machen.

Nach Ansicht des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein hätten inzwischen viele Geschäftemacher die Flüchtlinge als Tätigkeitsfeld für sich entdeckt. Eine Falle seien Handy-Verträge, sagt Mitarbeiterin Andrea Dallek. Das vermeintliche Schnäppchen entpuppe sich später als teurer Klotz am Bein. Mitunter würden auch einer Person mehrere Telefonverträge angedreht.

Die Verbraucherzentralen warnen Flüchtlinge ausdrücklich davor, etwas zu schreiben, was sie nicht verstehen. Neben fehlenden Sprachkenntnissen seien Flüchtlinge aber noch aus einem anderen Grund anfällig, sagt Andrea Dallek: „Die meisten stammen aus Kulturen, in denen bei Verträgen das gesprochene Wort bindend ist – nicht das Kleingedruckte in einem Vertrag.“

Von O. Vogt und S. Rosenkötter

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