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11:19 26.06.2017
Eine Euroimmun-Mitarbeiterin in Dassow untersucht eine Probe mit Antikörpern.  Quelle: dpa
Lübeck

70 Jahre alt, eine erfolgreiche Firma aufgebaut, weltweit vernetzt – aber niemand in der Familie möchte den Staffelstab übernehmen und das Werk in die Zukunft führen: Vor dieser Situation stand der Unternehmer Winfried Stöcker. Schon bisher war er für seine einsamen Entscheidungen bekannt, diese Woche gelang ihm eine neue faustdicke Überraschung. Stöcker verkündete per Pressemitteilung, dass er Euroimmun an das US-Unternehmen Perkin-Elmer verkauft, ein Branchenriese mit 9000 Mitarbeitern. Diese „ausgewiesenen Experten“ seien in der Lage, „den Fortbestand dessen zu sichern, was wir in dreißig Jahren erfolgreich aufgebaut haben“, ließ der Euroimmun-Gründer wissen. Das Foto der Vertragsunterzeichnung zeigt Stöcker neben Perkin- Elmer-Chef Robert Friel, beide zufrieden und glücklich lächelnd. 1,2 Milliarden Euro lässt sich Perkin-Elmer die Lübecker Firma kosten.

Die Partner

Euroimmun ist einer der führenden Hersteller für medizinische Labordiagnostika und hat 2400 Mitarbeiter in aller Welt. Sie entwickeln und produzieren Tests zur Bestimmung von Krankheiten sowie Software und Geräte.
Perkin-Elmer ist ein weltweit führendes Technologieunternehmen auf dem Gebiet der Medizintechnik und hat 9000 Mitarbeiter. Ein Spezialgebiet ist das Neugeborenen- Screening.

Die Übernahme durch ein größeres Unternehmen aus dem Ausland – auch in der Region Lübeck gibt es dafür einige Beispiele. Dräger verkaufte seine Aerospace-Sparte, G.C. Hahn wurde von Tate & Lyle übernommen, jetzt kauft Perkin-Elmer Euroimmun. Das US-Unternehmen mit Sitz in Waltham (US-Bundesstaat Massachusetts) hat eine lange Geschichte. Richard S. Perkin und Charles W. Elmer gründeten die Firma 1937, zunächst zur Entwicklung optischer Instrumente, später entwickelten sie auch Analysegeräte. 1944 wurde das erste IR-Spektrometer auf den Markt gebracht, das im freien Handel zu kaufen war. Heute entwickelt das Unternehmen Geräte und Reagenzien für die zellbiologische Forschung und für die Diagnostik bei Früh- und Neugeborenen und hält etwa 3300 Patente. Auch an der Entwicklung des berühmten Hubble-Teleskops war Perkin-Elmer beteilgt. Die Firma ist an der New Yorker Börse notiert. Ein idealer Partner für Euroimmun, wie es scheint.

„Wenn bei familiengeführten Unternehmen die Nachfolgefrage im Raum steht, ist ein Verkauf natürlich eine Option“, sagt Prof. Dr. Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft Kiel. „Im deutschen Mittelstand gibt es eine Reihe von Hidden Champions, die für Investoren aus dem Ausland attraktiv sind.“ Er sehe durchaus Tendenzen, dass mittelständische deutsche Unternehmen zunehmend attraktiv werden. „Vor allem dann, wenn sie selbst schon exportieren oder in anderen Ländern produzieren und dadurch die Netzwerke und Kontakte haben. Das macht sie bekannt und für potenzielle Investoren interessant“, sagt Langhammer. Die Technologiekompetenz, die gut ausgebildeten Mitarbeiter und eine gute Eigenkapitalausstattung seien Faktoren, die Käufer ebenfalls attratktiv fänden.

„Was ich gerade in letzter Zeit höre ist, dass der Brexit deutsche Unternehmen für ausländische Investoren noch interessanter macht“, sagt der Kieler Professor. Da die Entwicklung Großbritanniens unsicher sei, richteten Unternehmen aus den USA, China und Japan ihr Augenmerk dann verstärkt auf den Kontinent. Langhammer: „Deutschland kann Großbritannien als bislang attraktivster Standort für ausländische Investitionen in der EU ablösen.“ Eine Übernahme könne für deutsche Firmen eine gute Chance sein, Zugang zu dynamischen Märkten zu gewinnen. Auch mit Chinesen, die verstärkt nach Deutschland drängen, gebe es kaum negative Erfahrungen. „Deutsche Firmen gehen entspannter mit chinesischen Investoren um als die Politik.“

Das Übernahmeinteresse gegenüber schleswig-holsteinischen Unternehmen sei „ein Kompliment und eine Anerkennung für deren Innovationskraft“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes UV Nord, Michael Thomas Fröhlich. In der Vergangenheit hätten Übernahmen eher zur Standortsicherung und zur betrieblichen Fortentwicklung beigetragen. „Die schleswig-holsteinische Wirtschaft ist daher von einem Ausverkauf weit entfernt“, so Fröhlich.

Eine „Begleiterscheinung der Globalisierung“ nennt Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) das Phänomen. Die Zahl der Übernahmen spreche für die Leistungsfähigkeit der Unternehmen im Norden, betont auch er, viele seien durch ihre Spezialisierung „besonders attraktiv“, hätten aber nicht genügend Kapital, um selbst zu kaufen.

Die Auswirkungen solcher Übernahmen könnten sehr unterschiedlich sein. Als wahrer „Glücksfall“ habe sich im Jahr 2014 die Übernahme der Flensburger Schiffbau- Gesellschaft (FSG) durch den norwegischen Siem-Konzern erwiesen, meint der Minister. Siem habe die Werft in einer existenzbedrohenden Phase aufgekauft und den größten industriellen Arbeitgeber im Norden des Landes vor der Insolvenz gerettet. Wirtschaftspolitisch seien Übernahmen dann unkritisch, so Meyer, „wenn die Investoren zu Investitionen am Standort und zum Erhalt der Arbeitsplätze und Leistungsfähigkeit der Unternehmen bereit sind.“

Doch genau das ist in vielen Fällen nicht vorhersehbar. Eine Garantie für den Erhalt aller Arbeitsplätze des eigenen Unternehmens werde man bei einer Übernahme kaum bekommen, gibt Prof. Dr. Langhammer zu bedenken. „Aber wenn man in Verhandlungen erreicht, dass der Käufer verbindlich hier in Forschung und Entwicklung investiert, dann kann das schon zur Sicherung der Jobs beitragen“, sagt der Wissenschaftler.
Euroimmun-Gründer Winfried Stöcker sieht in der Übernahme durch Perkin-Elmer die Chance auf „vielversprechende Synergien“. Was genau er ausgehandelt hat, hat er noch nicht gesagt. Christian Risch

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