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Führt ein „Gütesiegel“ zu fairen Bedingungen für Prostituierte?

Kiel Führt ein „Gütesiegel“ zu fairen Bedingungen für Prostituierte?

Geschätzt etwa 14 000 Frauen bieten in Schleswig-Holstein käufliche Liebe an. Auf einer Fachtagung diskutierten Experten über bessere Hilfe und Beratung für die Betroffenen.

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Ob auf dem Straßenstrich oder im Bordell: Tausende Frauen verkaufen in Schleswig-Holstein ihren Körper.

Quelle: Foto: dpa

Kiel. Rund 100 Bordelle oder „bordellähnliche Betriebe“ gibt es in Schleswig-Holstein, dazu etwa 300 sogenannte Modellwohnungen. Das hat ein Bericht der Landesregierung jüngst ausgewiesen. Wie viele Prostituierte es im Land gibt, das aber weiß man nicht so genau. Auf 14 000 wird ihre Zahl geschätzt, gerade mal 107 sind als Selbstständige bei den Behörden gemeldet. All diesen Frauen Hilfe und Unterstützung anzubieten, damit sie nicht in die Abhängigkeit von Zuhältern kommen, das haben sich die 96 Teilnehmer der „Fachtagung Prostitution“ auf die Fahne geschrieben — Polizisten, Verwaltungsbeamte, Pädagogen —, die in Altenholz bei Kiel getagt haben.

Bei solchen Hilfsangeboten hinke Schleswig-Holstein anderen Ländern noch weit hinterher, betont Organisatorin Surya Stülpe. Eigentlich gebe es hier im Norden nur die von Land und Nordkirche getragene Fachstelle gegen Frauenhandel „Contra“ in Kiel, die sie leitet. Sie betreue die Opfer krimineller Machenschaften im Milieu, von Menschenhandel und Ausbeutung. Das gebe es leider immer wieder. Es gebe aber auch noch eine andere Seite der Prostitution: die Frauen, die freiwillig diesen Beruf ausüben. Sexarbeiterinnen. Die bräuchten andere Hilfsangebote.

In Bochum zum Beispiel hilft ihnen Mechthild Eickel in der Beratungsstelle „Madonna“. Da kämen zum Beispiel Frauen, die ins Gewerbe einsteigen wollen. „Wollen sie‘s zum Beispiel nur wegen hoher Schulden, weisen wir ihnen andere Wege zum Schuldenabbau auf. Sonst vermitteln wir Gespräche mit erfahrenen Sexarbeiterinnen.“ Die können den Anfängerinnen Tipps geben, wie man seine Selbstständigkeit erhält, wo man arbeiten kann oder wie man sich sozial absichert oder krankenversichert.

Genauso nachgefragt sei die Aussteiger-Beratung — wo gibt es Hartz IV oder Angebote des Jobcenters zum Beispiel. Außerdem gibt es Hilfe bei Schwangerschaft oder bei Ärger mit Bordellbetreibern.

„Wir haben mittlerweile sehr enge Kontakte zu vielen Frauen, aber auch zu den Betreibern. Einige holen uns extra für Beratungen ihrer Mitarbeiterinnen ins Haus.“ Außerdem suche man auch Modellwohnungen auf. Andere Kollegen kümmerten sich um Prostituierte auf dem Straßenstrich. Behörden und Polizei würden die Arbeit der Beratungsstelle unterstützen. Sie beuge schließlich dem Abrutschen der Frauen in wirtschaftliche Abhängigkeit und Ausbeutung vor, verhindere Kriminalität.

Eine solche Beratungsstelle für Schleswig-Holstein wäre ein wichtiges Fernziel, sagt Surya Stülpe. Als erstes steuert sie die Gründung eines „Runden Tisches Prostitution“ an, wie es ihn in Nordrhein- Westfalen schon gibt. Möglicherweise wird der auch die Idee vertiefen, die die Prostituierte Johanna Weber auf der Tagung vorstellte: Ein Gütesiegel für Bordelle. Um es zu erhalten, müssten die Häuser den Prostituierten gute und faire Arbeitsbedingungen bieten, die Einhaltung von Hygienestandards ermöglichen, zum Beispiel auch einen Notrufknopf in den Zimmern einbauen, sagt Surya Stülpe.

Wie die Einhaltung überwacht werden könnte, dazu gibt es noch keine konkreten Ideen. Die Prostituierten selber hätten, obwohl ihre Arbeit seit 2002 gesetzlich als Gewerbe anerkannt ist, noch keinen Berufsverband, die Gewerkschaften täten sich schwer, ihre Interessen zu vertreten. Vielleicht ließe sich aber auch all das durch einen Runden Tisch voranbringen.

Neues Gesetz soll soziale Absicherung schaffen
2002 wurde das Prostitutionsgesetz („Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten“) von der damaligen rot-grünen Bundesregierung auf den Weg gebracht. Es erklärte die Prostitution erstmals offiziell zur Dienstleistung. Prostituierte können sich seither als Selbstständige bei den Behörden anmelden und sich vor allem auch gesetzlich in der Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung versichern. Zudem ist das Entgelt, das sie von den Freiern für ihre Dienstleistungen einfordern, seither auch einklagbar. Das war zuvor, als Prostitution noch grundsätzlich als sittenwidrig galt, nicht möglich. Man wollte die Sexarbeiter und -arbeiterinnen damit vor der Ausbeutung durch Zuhälter schützen und sie sozial absichern. Bislang machen von den neuen gesetzlichen Möglichkeit aber offenbar nur wenige Prostituierte Gebrauch. Ein Bericht der Kieler Landesregierung wies im vergangenen Jahr nur knapp über 100 offiziell bei den Behörden angemeldete, selbstständige Prostituierte im Land aus.

Wolfram Hammer

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