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Norddeutschland Für die Mediziner ist immer ein Platz frei
Nachrichten Norddeutschland Für die Mediziner ist immer ein Platz frei
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20:23 23.04.2016
Thomas Günther auf seinem Stammplatz Nummer 28, Reihe zwölf. Hier hält er sich für Notfälle bereit — und genießt die Vorstellung. Quelle: O. Malzahn

Das Orchester fängt nach der Pause gerade wieder an zu spielen. Dann der Ruf aus dem Publikum: „Ist ein Arzt anwesend. . .ist ein Arzt anwesend?“ Das Orchester hört auf zu spielen. „Ja, hier“, ruft einer aus der Menge. „Ist es nicht ein wunderbares Konzert, Herr Kollege?“

„Bei so vielen Menschen auf kleinem Raum gehört ein Arzt einfach dazu.“Dr. Thomas Günter (47)

Eine Begebenheit wie in diesem alten Witz ist bei Thomas Günther bisher noch nicht vorgekommen. Bei ihm geht es diskreter zu. Und wenn man ihn ruft, werden seine Dienste auch tatsächlich gebraucht.

Der 47-Jährige ist Theaterarzt im Großen Haus in Lübeck. Genauer gesagt einer von etwa 50 Medizinerinnen und Medizinern, die in stetigem Wechsel fast sämtliche Vorstellungen des Lübecker Theaters begleiten. Geld bekommen sie dafür nicht. „Aber ich komme dafür in den Genuss, mir Vorstellungen umsonst ansehen zu können — sogar wenn sie ausverkauft sind.“

Sofern nichts passiert, heißt das. „An manchen Tagen ist es schon vorgekommen, dass ich drei Mal gerufen wurde. In manchen Vorstellungen wiederum bleibt alles ruhig. Das ist die Bandbreite.“ Eine echte Tragödie, gar ein Todesfall, hat Günther in seiner inzwischen achtjährigen Laufbahn als Theaterarzt aber noch nicht erleben müssen. Meistens seien es kleinere Notfälle. Platzwunden nach Stürzen, Unwohlsein, Kreislaufschwächen, Herzprobleme — sowohl vor als auch hinter der Bühne.

Zuletzt beim Musical „West Side Story“. Im berühmten Kampf zwischen den Straßengangs „Jets“ und „Sharks“ hatte ein Darsteller seine Rolle offenbar so authentisch gespielt, dass seine Rippe angeknackst wurde. „Er hatte nach der Szene nicht mehr viel zu tun, deswegen habe ich ihn weiter spielen lassen. Ein Schmerzmittel hat ihm dann durch den Rest der Aufführung geholfen.“

Eine Vorschrift, dass bei Theateraufführungen ein Arzt anwesend sein muss, besteht nicht. In Lübeck waren die Theaterärzte auf eine Initiative des Theatervereins zurückgegangen. „Als die Damen, die das viele Jahre lang organisiert hatten, ausgestiegen sind, habe ich dann die Planung in die Hand genommen“, sagt Günther. „Denn ich bin einfach der Ansicht, dass bei so vielen Menschen, die auf kleinem Raum zusammenkommen, ein Arzt dazu gehört.“ Bei rund 1200 Menschen, die sich bei ausverkauftem Haus im Lübecker Theater versammelten, bestehe immer eine große Wahrscheinlichkeit für einen medizinischen Notfall. Zumal es ja auch nicht unbedingt die Jungen und Gesunden seien, die zu den klassischen Theaterbesuchern zählten.

Günther genießt sein Ehrenamt. Obwohl er im Gegensatz zu seinen Kindern, die als Statisten zuweilen bei Produktionen mitmachen, „keinerlei Talent für die Schauspielerei besitzt“, wie er sagt, kann er trotzdem Theaterluft schnuppern. „Wenn man hier arbeitet, wächst man ja auch ein bisschen mit der Theaterfamilie zusammen“, erzählt der Mediziner, der eine Hausarztpraxis in der Kronsforder Allee betreibt. Viele kennt er beim Vornamen, behandelt sie auch privat. „Hier in Lübeck haben wir ein hochprofessionelles Team, das Produktionen auf die Beine stellt, vor denen sich auch Häuser in Metropolen wie Hamburg verstecken können“, lobt er. Von daher sei sein Job als Theaterarzt auch ein Privileg.

An Freiwilligen herrscht deshalb auch kein Mangel. Ihn erreichen immer wieder Anfragen von Ärzten, die sich beteiligen wollen. „Deswegen können wir inzwischen auch nahezu jede Vorstellung besetzen.“

Ihre Stammplätze im großen Theatersaal sind übrigens Nummer 27 und 28, hinten rechts in Reihe zwölf. Sie werden bei jeder Vorstellung frei gehalten und nie verkauft. „Wenn dort jemand sitzt, dann ist unter Garantie auch ein Arzt anwesend.“

Von Oliver Vogt

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