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Norddeutschland Geld gegen Rolls-Royce: Wenn der Oldtimer ins Pfandhaus muss
Nachrichten Norddeutschland Geld gegen Rolls-Royce: Wenn der Oldtimer ins Pfandhaus muss
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19:04 20.03.2016
Mitarbeiterin Jaana Keding (22) nimmt die Uhr ganz genau unter die Lupe.
Neumünster

Die große Halle in Neumünster wirkt von außen recht unscheinbar. Doch im Inneren verbirgt sie wahre Schätzchen — allerdings auch erst auf den zweiten Blick.

Zunächst sind nur große Gegenstände unter Schutzhauben zu sehen. Beim Lupfen der Plane beschleunigt sich aber nicht nur der Puls von Autofans. Luxuswagen von Porsche, Mercedes und Rolls- Royce parken in der alarmgesicherten Halle nebeneinander. Aus dem Motorraum führen Kabel zu Steckdosen, die Autos sind an sogenannte Batterie-Erhaltungsgeräte angeschlossen. „Ich weiß ja nie, wann der Kunde sein Fahrzeug wieder abholt“, sagt Sven Krüger.

Denn die Wagen stehen nicht zum Verkauf, sie gehören nicht dem 48-Jährigen, sondern sind ein Pfand. Die Besitzer erhalten für ihre Autos bis zu 85 Prozent des Marktwertes in bar. Wenn sie ihr Fahrzeug wiederhaben möchten, zahlen sie die Darlehenssumme zuzüglich Zinsen (ein Prozent pro Monat), Gebühren und Standgeld zurück. Der Pfandvertrag läuft über drei Monate, eine Verlängerung ist möglich. „Die Autos stehen in der Regel zwei bis drei Monate hier“, sagt Krüger, der zusammen mit Markus Zielke Geschäftsführer der „Goldjungs“-Pfandleihhäuser ist. „Das Kürzeste war mal ein Porsche, der morgens für 10000 Euro beliehen und nachmittags wieder ausgelöst wurde.“ 95 Prozent der Autokunden sind selbstständig. „Wir leben nicht von der schlechten Wirtschaft, sondern von der schlechten Zahlungsmoral“, erklärt Krüger. Seine Kunden seien nicht arm, betont der Geschäftsführer. „Arme haben nichts zu verpfänden, und Reiche brauchen uns nicht. Zu uns kommt alles dazwischen.“

Doch die Kunden erschienen nicht nur mit ihren Autos. Immer wieder wollten sie auch Uhren verpfänden. Wegen der großen Nachfrage erweiterten Krüger und Zielke schließlich 2006 — vier Jahre nach dem Start der Autopfandleihe — ihr Geschäft um Schmuck, wenig später kam dann auch noch Technik dazu. Die Diplom-Betriebswirte kommen ursprünglich aus dem Autohandel. Als das Geschäft nicht mehr so gut lief, ließ ein Zeitungartikel über Autopfandleihe die beiden umsatteln. Mittlerweile haben sie 44 Mitarbeiter, ein zweites Autopfandhaus in Mainz sowie klassische Leihhäuser in Kiel, Flensburg und Norderstedt. „Wir haben auch mal über eine Filiale in Lübeck nachgedacht“, sagt Krüger. „Aber da gibt es bereits zwei Leihhäuser.“ Deshalb wollen sich die „Goldjungs“ als nächstes nach Hamburg orientieren.

Die Arbeit macht Sven Krüger sichtlich Spaß — und das nicht nur, wenn er einen giftgrünen Opel Kapitän genauer begutachtet. „Das ist ein toller Job“, sagt der 48-Jährige. „Man weiß nie, was kommt.“

Morgens ein iPhone 6, mittags ein Diamantring und abends ein Porsche 911. Es ist diese Abwechslung, die er so schätzt. So warten in einem der Hinterzimmer sogar ein Damastschwert, eine alte Kasse und eine Kitesurf-Ausrüstung auf ihre Auslösung. Die Autos machen aber mit zwei Dritteln nach wie vor den größten Anteil am Geschäft aus. Zwischen 150 und 200 Fahrzeuge stehen vollkaskoversichert in der Halle. Ein Großteil der Autos ist hochwertig, neben einem Mercedes W 108 Oldtimer und einem Porsche 911 parkt allerdings auch ein Kleinwagen von Citroën.

Am Ende des Ganges offenbart sich die ganze Vielfalt von Krügers Geschäft. Zwischen einem Grubenbagger und einem Radlader steht ein Jaguar, davor ist ein Aufsitzrasenmäher abstellt. Ein paar Plätze weiter liegt ein Sportboot auf dem Trockenen. Von Lkw über Traktoren, Wohnwagen und Jet-Skis bis hin zu Anhängern und (Elektro-)Fahrrädern: Fahrzeuge jeglicher Art können bei den „Goldjungs“ beliehen werden.

Lösen die Kunden ihr Pfand nicht aus, wird es öffentlich versteigert — sehr zum Leidwesen von Krüger. Denn Gewinn macht er dabei nicht. „Wir bekommen nur die Darlehenssumme, die Gebühren und das Standgeld“, erklärt er. „Den Überschuss erhält der Besitzer, holt er ihn nicht ab, fällt er zwei Jahre später an die Stadt Neumünster.“ Außerdem gehe ihm dadurch ein Kunde verloren. Dabei sind Wiederholungstäter wichtig für das Geschäft. „Wir haben mindestens 60 Prozent Stammkunden“, sagt Krüger. „Ein Mann hat seinen Goldring schon über 40 Mal gebracht.“ Mehr als 90 Prozent lösen ihr Pfand wieder aus — so wie ein Bräutigam vor ein paar Jahren. Vor der Hochzeit verpfändete er seinen Audi A 8, dank der üppigen Geschenke konnte er nach den Flitterwochen mit ihm wieder vom Hof fahren.

Nächste Versteigerung im April

720 000 Euro hat der Besitzer eines Ferrari- Prototyps für sein Fahrzeug bei den „Goldjungs“ bekommen. Das ist einer der höchsten Pfandkredite, der bei ihnen bislang vergeben wurde. Pro Jahr werden 20000 Pfandscheine geschrieben.

Der nächste Versteigerungstermin in Neumünster ist am Freitag, 29. April, um 11 Uhr im Stoverweg 40. Es werden Autos, Schmuck und Technik aus den fünf Leihhäusern versteigert.

Das Unternehmen bildet auch aus. Aktuell suchen die „Goldjungs“ noch einen Auszubildenden für September dieses Jahres. Die künftigen Einzelhandelskaufleute lernen alles über das Pfandkreditgeschäft.

Von Julia Konerding

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