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Norddeutschland Geretteter Angler erzählt: Meine dramatischen Stunden auf See
Nachrichten Norddeutschland Geretteter Angler erzählt: Meine dramatischen Stunden auf See
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08:50 16.10.2015
Der gerettete Angler Michael D. mit dem Unglücks-Motor seines Angelbootes. Quelle: Crimespot
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Rostock

Ein Putzlappen und seine ehemaligen Marine-Kollegen retteten ihm das Leben. Nun meldet sich Michael D. (29) aus Rostock selbst zu Wort. Der Nautik-Fachschüler entging auf der Ostsee nur knapp dem Tod. Eineinhalb Tage lang trieb er in einem drei Meter langen Boot auf dem Wasser. Von dem uralten Außenborder war die Schraube abgefallen.

„Verloren, einfach verloren“, muss er gedacht haben, als die Situation immer aussichtsloser wurde. Nach dramatischen Stunden entdeckte ihn fünf Seemeilen vor Rerik endlich ein Ausguck-Posten der Marine-Fregatte „Braunschweig“. Es war wohl seine letzte Chance. Mehrere Segler waren vorher an Michael D. vorbeigefahren, weil sie ihn nicht gesehen hatten.

Dabei hat alles so harmlos begonnen. Sonntagmittag ist Michael D. vom Rostocker Warnowufer allein zu seinem Angelausflug aufgebrochen. Das Wetter vor Warnemünde ist gut, er fängt später vier Dorsche.

„Um 18 Uhr wollte ich wieder rein“, sagt der angehende Nautiker. Er startet den Motor. Trotz lautem Tuckern passiert nichts, als er den Gashebel nach hinten zieht. Als er bemerkt, dass die Schraube weg ist, treibt sein Boot schon weit weg von der Fahrrinne, auf Höhe des Hotel „Neptun“. Ein Zollboot und mehrere Segler fahren in Sichtweite vorbei. Keiner sieht ihn, niemand hört seine Rufe. Es wird Nacht.

Mit der Wärmedecke aus dem Erste-Hilfe-Kasten und einer alten Bootsplane schützt sich Michael D. vor dem eisigen Wind und kauert sich in einer Ecke der kleinen Nussschale zusammen. „Ich bin so ein Typ, der immer ruhig bleibt“, sagt er. Sein Handy ist kaputt, wahrscheinlich durch Seewasser. „Scheiße, warum passiert gerade mir das?“, geht ihm durch den Kopf. Ans Ufer schwimmen kommt nicht infrage, bei zehn Grad Wassertemperatur ist das nicht zu schaffen. Am zweiten Tag auf See fahren wieder Segler vorbei, „ein, zwei Seemeilen entfernt“. Michael D. schreit so laut er kann, winkt mit der Angel, an der der rote Putzlappen hängt. „Wenn die mich nicht hören, wer hört mich dann?“, denkt er.

Dann, am frühen Montagabend, gegen 18 Uhr, sieht er in der Ferne ein Blinken. Und weiß sofort, was das ist: die Radar-Spiegel einer Korvette. Dieser Gedanke hatte ihn die ganze Zeit begleitet, dass ihn ein Marine-Schiff entdeckt. Michael D. schwingt den Lappen so stark er kann. Dabei fällt er ins Wasser, kann sich aber wieder ins Boot ziehen. Wenig später sitzt er im Bord-Lazarett der „Braunschweig“, umgeben von lauter bekannten Gesichtern.

Drei Jahre lang gehörte er als Unteroffizier zur Besatzung des Schwesterschiffs „Magdeburg“. Er kommt ins Krankenhaus, noch am Montagabend ist Michael D. wieder zu Hause. Gesund, aber um einige Erfahrungen klüger. Von seinem Angel-Boot will er sich trennen. „Das hat mir Unglück gebracht.“

Bastian Schlüter/gkw

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