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Norddeutschland Gewalt auf dem Fußballplatz: Wenn Vater nicht verlieren kann
Nachrichten Norddeutschland Gewalt auf dem Fußballplatz: Wenn Vater nicht verlieren kann
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09:03 10.11.2013
Alltag auf dem Fußballplatz: Ein Randalierer stürmt das Spielfeld, um einen Kicker des Gegners zu attackieren. Quelle: imago

Eltern üben Selbstjustiz, wenn sie meinen, dass Schiedsrichter und Betreuer überfordert sind. Die Auseinandersetzungen werden härter, bestätigt der Schleswig-Holsteinische Fußball-Verband (SHFV).

„Die Hemmschwelle ist gesunken, teilweise ist sie gar nicht mehr vorhanden“, berichtet Lübecks Schiedsrichter-Obmann Boris Hoffmann. Am vergangenen Sonntag war es bei einem Auswärtsspiel der A-Jugend des TSV Travemünde in Neumünster zu Tumulten gekommen, nachdem ein Travemünder Spieler seinen Gegner mit einer Kopfnuss traktiert hatte. Der TSV-Spieler flüchtete anschließend in einen nahe gelegenen Wald — offenbar verfolgt von dem Vater des verletzten Spielers. Die Crew eines Rettungswagens bot dem Spieler Schutz, bis die Polizei eintraf. Augenzeugen berichten von „Jagdszenen“.

Nach Einschätzung des Schiedsrichter-Obmanns spielt die Stimmung am Spielfeldrand bei solchen Vorfällen eine große Rolle. „Die Emotionen werden von außen auf das Feld übertragen. Das heizt die Spieler an.“ Dafür sind auch die eigenen Eltern verantwortlich: „Sie sind teilweise sehr hinterher, dass ihre Kinder gewinnen“, berichtet Uwe Mirow, Trainer einer E-Jugend im Lübecker Raum. Das komme sogar schon in den untersten Altersklassen vor. Wenn es eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Eltern und der Leistung der Kinder gebe, seien nicht selten die Gegner oder der Schiedsrichter schuld. Streit deswegen gebe es „an jedem Wochenende auf fast allen Plätzen“, meint Mirow.

Hoffmann erinnert sich an einen Fall aus dem vergangenen Jahr in der E-Jugend, als ein Vater dem Schiedsrichter nach Spielschluss einen Schlag mit einer Plastikflasche auf den Kopf verpasst hatte, „weil er mit der Leistung des Schiedsrichters nicht zufrieden war. Da hört es auf“, sagt Hoffmann, der seit 20 Jahren im Fußball aktiv ist. Er bildet Schiedsrichter aus und teilt sie ein. Für manche Kreise werde es inzwischen immer schwieriger, Schiedsrichter zu finden. Gewalt spiele dabei „definitiv“ eine Rolle. Er selbst ist als Schiedsrichter schon drei Mal tätlich angegriffen worden. Pro Jahr gibt es nach Hoffmanns Aussage rund fünf Angriffe gegen Schiedsrichter allein im Kreisverband Lübeck. „Die Dunkelziffer ist viel höher.“ Es komme längst nicht alles an die Öffentlichkeit. In Lübeck ist inzwischen ein Notfall-Telefon eingerichtet worden, mit dem ein Schiedsrichter, der angegriffen wird, schnell Hilfe holen kann. Gero Maaß vom FC Dornbreite zeigt sich überrascht von der Dimension der Vorfälle beim Spiel in Neumünster. „Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass so etwas im Jugendbereich vorkommt.“ Allerdings kennt er selbst ehrgeizige Eltern, die ihre Kinder anfeuern — „bis hin zu Wortgefechten außerhalb des Platzes“.

Der Schleswig-Holsteinische Fußball-Verband führt bisher keine Statistik über Gewalt auf dem Fußballfeld. „Bei 2500 Fußballspielen pro Wochenende in Schleswig-Holstein kommen solche Fälle sehr selten vor“, wiegelt Tim Cassel, Leiter des Projekts zur Gewaltprävention beim SHFV („Schleswig-Holstein kickt fair“), ab. Dennoch sei die Situation besorgniserregend. „Die Auseinandersetzungen nehmen nicht zu, werden aber härter.“

Der jüngste Fall müsse aufgearbeitet werden. Die Sportgerichtsbarkeit ermittelt. Dabei gehe es nicht nur darum, die Täter zu finden. Es sei auch wichtig, den Vereinen zu helfen, zum Alltag zurückzukehren. „Wir versuchen zu deeskalieren, damit es im Rückspiel nicht noch zur Revanche kommt“, so Cassel. Die Sportgerichtsbarkeit kann Geld- und Spielstrafen verhängen. Fußballer können für ein Jahr oder länger gesperrt werden.

2641 Klubs im Norden
Auf der Hitliste der Sportarten steht Fußball auf Platz 2. Zu Beginn des Jahres waren in Schleswig-Holstein nach Angaben des Landessportverbandes (LSV) 125 910 Fußballer im Verein gemeldet. Noch beliebter ist Turnen, der Landesfachverband meldete 180 697 Mitglieder. Auf Platz 3 rangiert die Tennis-Sparte (49 900) gefolgt von Handball (43 037), Pferdesport (40 639) und Segeln (30 875). Insgesamt führt der LSV 50 Sportarten in seinem Ranking auf. Schlusslicht ist der kleinste Fachverband Moderner Fünfkampf (41 Mitglieder).

Zwischen Nord- und Ostsee sind 2641 Klubs aktiv — bei einer Gesamtmitgliederzahl von 805 574. Das bedeutet einen Rückgang um 1,11 Prozent bei der Mitgliederzahl gegenüber dem Vorjahr. Der Rückgang fällt bei den Erwachsenen moderater aus als bei den Jugendlichen. Am stärksten ist der Kreissportverband Rendsburg (89 129 Mitglieder), gefolgt von Pinneberg (81 909 Mitglieder), Segeberg (66 758 Mitglieder) und Stormarn (61 488 Mitglieder). Lübeck kann 39 890 Mitglieder vorweisen, für Ostholstein sind 58 252 Mitglieder gemeldet und der Kreis Herzogtum Lauenburg zählt 51 431.
Zu den größten Vereinen gehören der Kieler MTV, der SV Henstedt-Ulzburg und der VfL Pinneberg.

Julia Paulat

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