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Norddeutschland Auf der Jagd nach dem Gewitter
Nachrichten Norddeutschland Auf der Jagd nach dem Gewitter
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15:03 16.09.2018
Gewitter über Brunsbüttel. Quelle: LN
Bad Schwartau

Wenn das Gewitter tobt, toben sie hinterher. Eine Handvoll junger Leute ist fasziniert von Blitz und Donner und jagt sie, wo immer es möglich ist.

Zwar ist Schleswig-Holstein kein Traumland für die Sturmjäger. Daran ist die Elbe schuld. Aber dennoch gelingt Arne, Birger, Leif und ihren Kumpels so manches tolle Foto, haben sie so manches besondere Erlebnis. Außerdem haben sie eine wichtige Warnfunktion.

 Gute Technik, Wissen und eine unbändige Leidenschaft

Über einer weiten Landschaft spannt sich ein Wolkendom. Unter seiner Wölbung schimmert es grün. Das ist Hagel. Viele und große Körner, beinahe so groß wie ein Handball. Um so ein Gewitter zu finden und ihm nachzujagen, braucht man gute Technik, viel Wissen und eine unbändige Leidenschaft für dieses Hobby.

Für ein gutes Gewitter fahren die Jäger schon mal 450 Kilometer (hin und zurück), ihr Weg hat sie von Bad Schwartau in Ostholstein schon bis nach Perleberg in Mecklenburg- Vorpommern geführt. Dabei ist die Trefferquote ausgesprochen niedrig. Meistens, sagen die Jäger, kommen sie zu spät. Wenn's gut läuft, verzeichnen sie pro Jahr zwei bis drei Volltreffer.

Wetter im Netz

Der Deutsche Wetterdienst (www.dwd.de) hält stets die amtlichen Warnungen bereit und gibt einen Überblick über das aktuelle Wetter.

kachelmannwetter.com/de bietet diverse Radarbilder, etwa für Niederschlag, aber auch Blitzortung und Blitzanalyse.

tornadoliste.de führt Wirbelstürme in Deutschland auf, nach Bundesländern sortiert .

Die Gewitterjäger sind Teil von www.meteopool.org/de/ . Unter einem eigenen Link sind die Wettermeldungen der Skywarn-Spotter und Stormchaser zu finden.

Weniger Gewitter in SH

Überhaupt ist die Zahl der Gewitter in Schleswig-Holstein niedriger, die derer, die die Gewitterjäger als lohnend bezeichnen schon sowieso. „Wir haben vielleicht zehn Gewitter im Jahr, die sich lohnen würden“, sagte Arne Schroedter (26), der professionellste unter den Jägern. So eines war der Gewitterdom mit Hagelunterfütterung von Brunsbüttel.

„Die Gewitter, die von Westen kommen, werden meistens von der Elbe geschreddert“ – so anschaulich erklärt Schroedter, warum Schleswig-Holstein ein wenig ideales Jagdrevier ist. „Aber was rüber kommt, das lohnt sich“, fügt Birger Radtke (28) hinzu. Die niedrige Rate an großartigen Gewittern mache aber auch den Reiz aus, sagt Christian Nimtz (37).

 34.000 Blitze pro Stunde

Hagel und Blitze in einer hohen Taktzahl, außerdem kein Regen, „der vorhergeschmissen wird“, so muss ein gutes Gewitter aussehen, sagt Schroedter. Die Jäger schwärmen noch immer von der Gewitterfront vom 9. August dieses Jahres, die ihnen das Foto aus Brunsbüttel beschert hat. 34 000 Blitze pro Stunde. Unvorstellbar.

Selber kann man die Blitze nicht zählen, sagt Arne Schroeder, und damit ist er bei der Technik. Es gibt Seiten wie Blitzortung.org, da kann man die Einschläge sehen. Farblich sortiert, je nach Zeit, die vergangen ist, mit bis zu 120 Minuten Rückschau. Einen ähnlichen Dienst leisten Apps mit Namen wie Blitzortung, Lightningmap, aber auch die Kachelmann-App und die DWD-Warnwetter-App. Das Stormtracking des Wetterexperten Jörg Kachelmann erkennt die Gewitter und zeigt ihre Zugrichtung an. Ein unschätzbarer Service für die Jäger.

Das Gewitter von der richtigen Seite erwischen

Sie fahren nicht so einfach dem Gewitter hinterher. Sie wissen, wie sie es zu nehmen haben. Zieht es nach Nordnordost, fahren sie es aus Westen oder Osten an. Sie versuchen, sich seitlich heranzupirschen. Ist es noch einigermaßen sicher, steigen sie aus dem Auto, machen ihre Fotos, spüren die Energie auf der Haut, hören das Fauchen des Sturms, das Ächzen der Bäume.

Haben sie einen Volltreffer gelandet, ist irgendwann Zeit, ins sichere Auto zurückzukehren. „Bei einer Rate von einem Blitz pro Sekunde geht keiner mehr raus“, versichert Arne Schroedter, neben dem schon mal ein Blitz eingeschlagen ist. „Das Risiko ist immer da“, sagt der Jäger.

Skywarn informiert über Gewitter

Ihre Gewitterfunde melden die Jäger bei Skywarn. Der gemeinnützige Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Unwetter zu melden. Abonnenten sind Privatleute, aber auch Wetterdienste. Die geschulten Wetterbeobachter heißen Spotter.

Die Prüfung haben Schroedter und die anderen längst abgelegt. „Wir wollen uns zu Advance-Spottern ausbilden lassen“, kündigt er an. Lehrer sind Meteorologen und professionelle Sturmjäger.

„Anschauen, wie sich aus kleinen Dingen ein Gewitter bildet“

Bis dahin war es für die Holsteiner Gewitterjäger ein langer Weg. Bei Arne fing die Leidenschaft mit acht Jahren an, baute sich immer weiter auf, so dass er mit elf Jahren mit dem Fahrrad auf den Pariner Berg in Bad Schwartau gefahren ist und versucht hat, „etwas zu erwischen“. Mit zunehmender Mobilität, Roller, Führerschein und Auto, steigerte sich das.

Ähnliches erzählt Birger Radtke. „Bei mir ging es mit 16, 17 Jahren los, exzessiv seit ich den Führerschein habe. Als Kind hat man sich unter der Bettdecke verkrochen, und heute fahrt man nachts los, um ein paar Blitze zu sehen.“

Jan Mälk (19) fasziniert, wie Unwetter entstehen: „Ich finde es spannend mit anzusehen, wie sich aus kleinen Dingen ein Gewitter bildet. Mich motiviert das Anschauen der Naturschauspiele immer wieder aufs Neue.“

Nach der Gewitter-Saison geht es um Polarlichter

Für die 14 Männer und Frauen, die sich der Gewitterjagd verschrieben haben, geht die Saison jetzt langsam zu Ende. Im Winter treibt sie ein anderes Wetterphänomen an. Polarlichter. Die, sagt Schroedter, gibt es auch in Schleswig-Holstein. Man muss sie nur finden. Sein Versprechen: „Wir halten Gewitter, Tornados, Sturmfluten und Polarlichter in Bild, Text und Video für euch fest, um euch ebenfalls zu faszinieren und zu informieren.“ Zu finden ist das zum Beispiel auf Facebook unter stormhuntersgermany.

Susanne Peyronnet

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