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Norddeutschland Glyphosat: Bauern wehren sich gegen „Giftspritzer“-Vorwurf
Nachrichten Norddeutschland Glyphosat: Bauern wehren sich gegen „Giftspritzer“-Vorwurf
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20:44 04.11.2017
Berlin/Rendsburg

Die EU-Mitgliedsländer sollen am Donnerstag in Brüssel darüber entscheiden, ob der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat nur noch für fünf statt für weitere zehn Jahre zugelassen wird. Unterdessen wehren sich Schleswig-Holsteins Bauern in der aufgeheizten Debatte gegen den Vorwurf, wegen des Einsatzes von Glyphosat auf ihren Feldern als „Giftspritzer“ diffamiert zu werden.

Der Unkrautvernichter Glyphosat gilt als sehr wirksam und wird weltweit genutzt, steht aber im Verdacht, Krebs zu erregen und die Umwelt zu schädigen. Die aktuelle Zulassung in Europa läuft Mitte Dezember aus.

Das Ergebnis der Umfrage unterstreiche, dass ein Ausstieg aus ökologisch hoch bedenklichen Wirkstoffen wie Glyphosat oder ein pestizidärmerer Anbau keinen Nachteil für die Landwirte bedeuten muss, argumentiert der Nabu. Zusätzlich zu strengeren Regeln müsse der Staat den Landwirten allerdings bei Investitionen für die Umstellung auf eine glyphosatfreie Bewirtschaftung helfen, so die Naturschützer.

Landwirte weisen darauf hin, dass ohne den Einsatz von Pflanzenschutz Ernten in Gefahr seien. Sie gingen zudem sehr behutsam mit Glyphosat um. Deutschland habe ohnehin das weltweit strengste Pflanzenschutzgesetz. Pro Quadratmeter würden 0,1 bis 0,2 Gramm Glyphosat ausgebracht, sagt Stephan Gersteuer, Geschäftsführer beim schleswig-holsteinischen Bauernverband. Bundesweit seien es jährlich rund 5200 Tonnen. „Glyphosat ist eines der harmlosesten Mittel auf dem Markt. Alternativen sind giftiger“, behauptet Gersteuer. Unzählige Studien belegten das. „Wir wehren uns deshalb dagegen, mit einem Begriff wie ’Giftspritzer’ überzogen zu werden.“ Der Bauernverband fordere eine sachliche und unverzerrte Diskussion. Zum Umfrageergebnis sagt Gersteuer: „Das Konsumverhalten der Verbraucher ist in Wirklichkeit ein anderes.“

Glyphosat sei „erwiesenermaßen ein Problem“, erklärt dagegen der Kieler Landwirtschafts- und Umweltminister Robert Habeck (Grüne). „Wir brauchen einen Einstieg in den Ausstieg – und zwar zügig.“ Der Einsatz von Pestiziden müsse ohnehin gesenkt werden, „insbesondere von den besonders toxischen“.

Die SPD-Fraktion im Kieler Landtag übt Druck über einen Antrag aus: Die Landesregierung solle sich bei der Bundesregierung für einen Glyphosat-Ausstiegsplan einsetzen. Glyphosat sei mittlerweile fast überall – im Grundwasser, in Böden und Gewässern, in Lebensmitteln, auch in der Muttermilch. Die SPD fordere deshalb seit Jahren ein Verbot dieses Totalherbizides. Die landwirtschaftspolitische Sprecherin Kirsten Eickhoff-Weber sagt: „Jetzt muss in Wissenschaft, Forschung, Lehre und Berufsausbildung auf eine Landwirtschaft ohne Glyphosat vorbereitet werden.“

Von Curd Tönnemann 

Giftiger Streit

Wissenschaftler sind sich uneins über das Krebsrisiko durch Glyphosat. Die Internationale Krebsforschungsagentur der WHO stufte Glyphosat 2015 als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ ein. Die Lebensmittelbehörde Efsa kam zum Schluss, dass wissenschaftliche Erkenntnisse für eine solche Einstufung nicht ausreichten.

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