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Norddeutschland „Gorch Fock“: Hitzige Debatte um Traditionssegler
Nachrichten Norddeutschland „Gorch Fock“: Hitzige Debatte um Traditionssegler
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20:00 20.02.2019
Einst der Stolz der Deutschen Marine: Das Segelschulschiff „Gorch Fock“. Quelle: dpa
Lübeck

Braucht die Deutsche Marine noch ein Segelschulschiff – und wenn ja, was darf es kosten? Die Diskussion rund um die „Gorch Fock“ spaltet zurzeit die Gemüter.

Aus Sicht von Holger Jäde, Geschäftsführer der Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt (BBS) in Bremen, ist die „Gorch Fock“ für die praktische Ausbildung von Seeleuten heutzutage schlicht nicht mehr erforderlich. „Das ist eine rein emotionale Geschichte“, ist er sicher. Jedes Jahr werden durch die BBS rund 400 Azubis für die Arbeit an Bord ausgebildet. Niemand lernt auf einem Segelschiff. Er sagt: „Es ist bestimmt auch kein Nachteil auf einem Segelschulschiff zu lernen, denn dort lernt man Dinge, die im regulären Ausbildungsbetrieb so bestimmt nicht zu vermitteln wären. Die Frage ist allerdings, ob das in Relation steht. Arbeiten auf engem Raum, Teamwork, das sind Dinge, die auch auf anderen Wegen gelehrt werden könnten.“ Die Erfahrungen auf der „Gorch Fock“ seinen jedenfalls nicht ausbildungsrelevant. Jäde plädiert dafür, eine in die Jahre gekommene Fregatte, wie zum Beispiel die „Lübeck“, künftig als Ausbildungsschiff zu nutzen. „Die sieht vielleicht nicht so schön aus wie die ,Gorch Fock’, ist gegebenenfalls aber eine sinnige Alternative, außerdem hat die Bundeswehr dann auch gleich ein Ersatzschiff.“

Das denken die Menschen im Norden über die Sanierungen des alten Marine-Segelschulschiffes.

Gorch Fock“-Kommandant Nils Brandt widersprach dagegen vor Kurzem dem Eindruck, das Segelschulschiff sei aus der Zeit gefallen. „Die ,Gorch Fock’ ist nicht nur ein nostalgischer Sehnsuchtsort. Sie bietet eine Ausbildung, die in der Seefahrt einzigartig ist“, sagte er. Auf dem Schiff könne nur das Team etwas bewirken. „Keiner kann alleine an den Leinen ziehen, um die Segel zu setzen. Es ist eine besondere Erfahrung von Gemeinschaftssinn.“

Alternativen nur eingeschränkt sinnvoll

Aus Sicht der Bundesregierung bilden die beengte Unterbringung, das individuelle und gemeinsame Arbeiten auf einem freien Deck, die Arbeit mit Segeln und Tauen und insbesondere die Arbeit in der Takelage in ihrer Gesamtheit ein Alleinstellungsmerkmal der „Gorch Fock“ und das Kernelement der seemännischen Basisausbildung. „Je individueller, technisierter und anspruchsvoller junge Menschen in die Marine kommen, desto wichtiger ist das Schaffen einer maritimen Grundbefähigung als gemeinsamer Abholpunkt. Die Ausbildung auf einem Segelschulschiff vermittelt diese Grundlagen in einer Art und Weise, wie sie auf modernen Schiffen nicht vermittelt werden kann – unabhängig von den Innovationszyklen technologischer Entwicklung“, heißt es von der Bundesregierung. Dies gelte umso mehr im Zeitalter der Digitalisierung und Technikgläubigkeit. Die See verzeihe kein leichtfertiges Vertrauen in den vermeintlichen Schutz moderner Technik. Alle bisherigen, aufgrund der Nichtverfügbarkeit der „Gorch Fock“ etablierten Alternativen würden die aufgeführten Ausbildungsziele nur sehr eingeschränkt und wenn überhaupt, dann nur für einen Teil einer Offiziercrew, erreichen.

Nur neun Nato-Staaten haben ein Segelschulschiff

Neben Deutschland verfügen nur noch acht von 29 Nato-Staaten über grundsätzlich vergleichbare Segelschulschiffe, die allerdings nur teilweise den Streitkräften zugeordnet sind. Dazu gehören Italien, Portugal, USA, Rumänien, Spanien, Polen, Dänemark sowie Norwegen. Keines dieser Segelschulschiffe verfügt nach Angaben der Bundesregierung über einen zur „Gorch Fock“ vergleichbaren Sicherheitsstandard, insbesondere für das Arbeiten in der Takelage.

Ausbildung auf der „Gorch Fock“

Die Vermittlung seemännischer, nautischer und meteorologischer Kenntnisse und Fertigkeiten unter den besonderen Lebens- und Arbeitsbedingungen auf Hoher See stehen laut Bundesregierung bei der Ausbildung auf dem Segelschulschiff im Vordergrund. Das Erfahren und Abschätzen der Einflüsse der See wie Wellengang, Wetter, Kälte und Nässe auf die Arbeitsfähigkeit einer Besatzung seien dabei unverzichtbare Bestandteile. „Diese vermitteln den jungen Offizieranwärtern, die regelmäßig über keinerlei oder nur wenig Seefahrtserfahrung verfügen, einen ersten und ungefilterten Eindruck von den besonderen Lebens- und Arbeitsbedingungen auf Hoher See und ihrer eigenen Rolle als Teil einer Schiffsbesatzung“, sagt die Bundesregierung. Die Ausbildung auf einem Segelschulschiff bereite die Offizieranwärter als die angehenden Führungskräfte der Marine wie keine andere Alternative vergleichbar vor, ihrer unteilbare Verantwortung für Mensch und Material auf sich allein gestellt, ob im Gefecht oder im Grundbetrieb auf Hoher See, unter extremen Belastungen und Umweltbedingungen auch in Grenzsituationen gerecht werden zu können.

Steuerzahlerbund: „Jetzt verschrotten“

Der Bund der Steuerzahler hat eine eindeutige Position zu dem Thema: „Jetzt bleibt nur ein Ende mit Schrecken: Die Reste der einstmals als Stolz der Bundesmarine bezeichneten Gorch Fock müssen verschrottet werden.“ Wenn sich die Verantwortlichen als unfähig erweisen würden, das Aushängeschild der Marine ordnungsgemäß zu unterhalten und systematisch instand zu setzen, dann tauge dieses Schiff auch nicht mehr als Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland. Laut einer Studie der Marinetechnik GmbH aus dem Jahr 2017 würde ein Neubau eines Segelschulschiffes 170 Millionen Euro kosten. Rainer Kersten, Geschäftsführer des schleswig-holsteinischen Steuerzahlerbundes, hält das für eine „Fantasiezahl“:„Alles was wir bisher aus dem Verteidigungsministerium zu dem Thema gehört haben, ist falsch.“ Vor Kurzem habe ein vergleichbares Segelschulschiff eine Werft in den Niederlanden verlassen. Für 100 Millionen Euro. „Bei der Marineführung will man aber unbedingt an der Sanierung festhalten. Und merkwürdigerweise steigt mit den Sanierungskosten auch stets die Vergleichzahl für einen möglichen Neubau.“ Zunächst war man bei der Bundesregierung von 100 Millionen für einen Neubau ausgegangen. „Die Marine weiß seit zehn Jahren, dass das der Rumpf der ,Gorch Fock’ nicht zu retten ist. Die Öffentlichkeit wurde angelogen. Deswegen glauben wir keine Zahlen mehr“, sagt Kersten. Es dürfe darüber hinaus keine Zahlungen mehr an die Werft geben, bis der Sachverhalt vollständig aufgeklärt ist. Soll die Marine auf ein Segelschulschiff bestehen, wirft Kersten eine Kooperation mit anderen Staaten in den Raum.

Bordkameradschaft hält zur „Gorch Fock

Hermann Dirkes von der Bordkameradschaft „Gorch Forck“, zu der rund 200 ehemalige Besatzungsmitglieder gehören, sagt dagegen: „Wir haben auf dem Schiff viel erlebt und stehen fest hinter dem Schiff. Wir hoffen, dass es bald wieder zur See fährt.“

Jan Wulf

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