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Norddeutschland „Gorch Fock“ soll wieder aufs Wasser
Nachrichten Norddeutschland „Gorch Fock“ soll wieder aufs Wasser
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17:40 30.01.2019
Die „Gorch Fock“ wird wieder schwimmfähig gemacht. Quelle: Marine/dpa
Berlin/Kiel

Verschrotten, weiter instandsetzen, neu bauen? Das Schicksal des seit knapp drei Jahren im Bremerhavener Dock liegenden Segelschulschiffs der Marine schien lange ungewiss. Nun mehren sich jedoch die Anzeichen, dass die „Gorch Fock“ eine Zukunft auf den Weltmeeren haben könnte. Der ostholsteinische Bundestagsabgeordnete und Marineexperte Ingo Gädechens (CDU) hofft, dass der Windjammer – trotz aller Probleme im Umfeld der Instandsetzung – „im ersten Quartal 2020 der Marine wieder zur Verfügung gestellt werden kann“. Das sagte er jetzt den LN.

Der ostholsteinische CDU-Abgeordnete Ingo Gädechens. Quelle: LN-Archiv

Gädechens begrüßt Entscheidung

Der Abgeordnete von der Insel Fehmarn begrüßte die Entscheidung von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die Sanierung des Schiffes auf jeden Fall bis zur Schwimmfähigkeit fortzusetzen. Die schiffbaulichen Arbeiten würden nun wieder aufgenommen. Gädechens verwies darauf, dass wichtige Vorhaben bereits weit fortgeschritten seien. So wären die stählerne Außenhaut, Zwischen- und Oberdeck sowie Spanten und Zwischenstreben erneuert worden. Es gebe neue Masten, neue Segel und eine neue Maschine für den Dreimaster, der seit 1958 als Segelschulschiff im Einsatz ist.

Sämtliche Elektroleitungen ersetzt

Als Grund für die Kostenexplosion der Instandsetzung führte Gädechens an, dass in den vergangenen Jahrzehnten „nie eine hundertprozentige schiffbauliche Untersuchung“ des Schiffes stattgefunden habe, sondern „immer wieder Routineinstandsetzungen“. Als nun sämtliche Verkleidungen abgebaut worden waren, habe es ein böses Erwachen gegeben. Der Schiffskörper hatte sich schleichend verzogen und deshalb seine Stabilität eingebüßt. Sämtliche Elektroleitungen und die Klimatechnik müssen ersetzt und auf den neuesten technischen Stand gebracht werden. Die ursprünglich geplanten Kosten von rund elf Millionen waren nicht einzuhalten. Inzwischen werden für die gründliche Sanierung Kosten von 135 Millionen Euro erwartet. Erschwerend kommt hinzu, dass die Originalbaupläne des auf der Hamburger Werft Blohm & Voss gebauten Schiffes beim Hochwasser von 1962 „abgesoffen“ seien. Der neue Schiffskörper wurde mittlerweile dreidimensional vermessen, erklärte Gädechens.

Kommandant ist erleichtert

Auch der Kommandant des Schulschiffes, Nils Brandt, zeigte sich nach der Entscheidung der Ministerin, die „Gorch Fock“ zumindest wieder schwimmfähig zu machen, erleichtert. „Ganz ausgestanden ist das Bangen natürlich noch nicht, aber zumindest haben wir jetzt wieder deutlich mehr Hoffnung, dass es noch ein gutes Ende findet für uns“, sagte er.

Heftige Kritik kam dagegen von der Opposition. Der FDP-Haushaltsexperte Karsten Klein verlangte, die Arbeiten müssten unverzüglich und so lange eingestellt werden, bis die Bestechungsvorwürfe gegen die Werft geklärt seien. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt in dem Fall. Der Grünen-Verteidigungspolitiker Tobias Lindner verlangt wegen des finanziellen Risikos einen Neubau. Gädechens widerspricht: Man habe diese Option bereits geprüft. Der Neubau eines Segelschulschiffes koste mit rund 200 Millionen Euro mehr als die jetzige Instandsetzung der „Gorch Fock“.

Werft-Leitung wurde abberufen

Unterdessen sind Aufsichtsrat und Vorstand der wegen der Sanierung des Segelschulschiffs „Gorch Fock“ in die Kritik geratenen Elsflether Werft AG mit sofortiger Wirkung abberufen worden. Das teilten am Mittwoch die beiden von der Hamburger Justizbehörde neu berufenen Vorstände der Sky-Stiftung mit, die wirtschaftlich alleinige Anteilsinhaberin der niedersächsischen Traditionswerft ist. Zum Stiftungsvorstand wurden der Hamburger Steuerberater Jörg Verstl und der Hamburger Rechtsanwalt Stephan Schmanns bestellt.

Neuer Aufsichtsratsvorsitzender der Werft ist der Hamburger Manager Pieter Wasmuth, neuer Werft-Vorstandschef Axel Birk. Vorrangige Aufgabe sei es, jetzt auf die Bundesmarine und das Verteidigungsministerium zuzugehen, das Sanierungskonzept zu prüfen und die Zukunft der „Gorch Fock“ und der Werft auf eine verlässliche Basis zu stellen. Oberstes Ziel sei die Sicherung der 120 Werftsarbeitsplätze, hieß es.

Nach bisherigen Erkenntnissen stünden der bisherige Aufsichtsrat und Vorstand unter dem Anfangsverdacht, erhebliche Pflichtverletzungen zu Lasten der Werft und damit auch des Stiftungsvermögens begangen zu haben, hieß es in einer Mitteilung der Sky-Stiftung. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, sagte eine Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft. Zuvor hatte die Hamburger Justizbehörde in ihrer Funktion als Stiftungsaufsicht auf mögliche Unregelmäßigkeit bei der Sky-Stiftung hingewiesen.

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Reinhard Zweigler/dpa