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Norddeutschland Grenz-Erfahrungen im Norden
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22:13 03.09.2016
1945: Füchtlingstrecks unterwegs im Lauenburgischen. Die Vertriebenen hatten einen langen Leidensweg hinter sich und wurden oft nicht mit offenen Armen empfangen.
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So etwas klingt nach Unruhe: Wenn das Land nicht von der „Massen-Einwanderung der Flüchtlinge“ befreit werde, „so bedeutet dies, dass unsere ruhige nordische Bevölkerung entfremdet wird und außerdem von Elementen regiert wird, die aus dem Unruheherd Europas kommen“, warnten Vertreter der angestammten Bevölkerung.

Klingt aktuell und bekannt? Ist aber schon eine Weile her. Das Land, von dem in einer neuen Aufsatzsammlung dänischer und deutscher Forscher für die Internationale Bildungsstätte Scheersberg die Rede ist („Grenzen überwinden. Schleswig-Holstein, Dänemark und die DDR“), nannte sich Südschleswig, unter dem Unruheherd verstand man „Danzig, Ostpreußen, Polnischer Korridor, Sudentenland“ – und die Petition mit den zitierten Befürchtungen richtete sich an die britische Militärregierung und stammt aus dem Herbst 1945.

Die Kapitulation des Deutschen Reiches lag da erst wenige Monate zurück, und aus dem Osten des ge- und zerschlagenen Reiches strömten unaufhörlich Flüchtlinge und Vertriebene, die fast alles hatten zurücklassen müssen in der zumeist von sowjetischen Truppen besetzten Heimat. 1,2 Millionen kamen bis zum Herbst 1946 in das kleine Schleswig-Holstein, dessen Bevölkerungszahl sich damit gegenüber der Vorfluchtzeit verdoppelte.

Von einer Willkommenskultur gegenüber den geschundenen und verzweifelten Landsleuten konnte also keineswegs überall die Rede sein. Viele am Nordrand des besetzten Reiches liebäugelten nicht zuletzt aus ihrer Fremdenfurcht und aus kulturellen Identitäts-Verlust ängsten heraus mit einer Hinwendung nach Dänemark – der „Schleswigsche Verein“, aus dem rasch der heutige Südschleswigsche Wählerverband wurde, wuchs in den ersten drei Nachkriegsjahren zügig von 2700 auf 75 000 eingetragene Mitglieder. Missmutige Nicht-Schleswiger spotteten über die „Speckdänen“, denen es doch nur um eine bessere Versorgung in den mageren und chaotischen Nachkriegszeiten gehe.

Dänemark hatte allerdings zur selben Zeit ein eigenes Flüchtlingsproblem: Bei Kriegsende befanden sich in dem fünf Jahre lang von Deutschland besetzten Land „Besatzungstruppen und Polizeieinheiten in einer Stärke von etwa 280 000 Mann“, notiert der Historiker Robert Bohn, seit 2001 Direktor sowie Professor für Mittlere und Neue Geschichte an der Universität Flensburg.

Darüber hinaus waren auf Hitlers Geheiß noch 240 000 zivile Flüchtlinge ins benachbarte Königreich gebracht worden – zum allergrößten Teil aus deutschen Ostgebieten stammend; die britische Besatzungsmacht ließ sie zunächst nicht zurückkehren auf deutsches Territorium, so dass die dänische Regierung 428 Millionen Kronen für deren Versorgung, Unterbringung und Bewachung aufbringen musste. Was die fremden Flüchtlinge nicht gerade beliebter werden ließ.

Kein Wunder, dass in diesen aufgewühlten Zeiten auch die Staatsgrenze, von der ersten dänischen Nachkriegsregierung noch anerkannt, bald in Frage gestellt wurde. „Die starke Betonung, dass die Grenze festliegt, ist also nach meiner Meinung nicht bloß unrichtig, sie ist auch schädlich, nach innen wie nach außen“, verkündete am 21. November 1945 der neugewählte bürgerliche Venstre-Ministerpräsident Knud Kristensen im dänischen Parlament in seiner Regierungserklärung. Sollten sich nach einer Beruhigung der Lage „Südschleswig oder ein Teil davon“ für einen Beitritt zu Dänemark entschließen, „dann will ich es mit Freude empfangen“.

Es kam bekanntlich anders, nicht zuletzt durch die Haltung der Briten, die mit ihren kühlen Vorschlägen, ob diese Frage mit „Bevölkerungsaustausch, Grenzverschiebung nach einer Volksabstimmung oder Grenzverschiebung ohne Volksabstimmung“ geregelt werden solle, Kopenhagen dann doch eher zurückschrecken ließen. Londons Labour-Regierung setzte auf zunächst eher zaghafte, später sehr konstruktive Zusammenarbeit Dänemarks und Schleswig-Holsteins, insbesondere durch die geistesverwandten Sozialdemokraten in den beiden Ländern.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland kehrten die letzten deutschen Flüchtlinge in den deutschen West-Nachkriegsstaat zurück.

Von Michael Wittler

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