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Norddeutschland Grippeschutz: Kasse zahlt beste Impfung nicht
Nachrichten Norddeutschland Grippeschutz: Kasse zahlt beste Impfung nicht
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21:17 26.09.2017
 Eine Einzelspritze kostet rund 23 Euro.  Quelle: Fredrik von Erichsen/dpa
Kiel/Bad Segeberg

Den qualitativ besseren VierfachSchutz muss der Patient in dieser Impfsaison in Schleswig-Holstein aus eigener Tasche berappen. Eine Einzelspritze kostet rund 23 Euro. Bei der heftigen Grippewelle 2015/16 hatte genau dieser vierte fehlende Erreger-Typ dafür gesorgt, dass beinahe die Hälfte der geimpften Patienten keinen geeigneten Schutz hatte.

Der jetzt bei niedergelassenen Ärzten bereits bevorratete Vierfach-Impfstoff schützt mit einer zusätzlichen Komponente vor einem B-Virusstamm („Phuket“). Viele Mediziner zeigen sich verärgert darüber, ihren Kassenpatienten den besten Grippeschutz nicht kostenlos anbieten zu können, zumal wenn es sich um besonders gefährdete Menschen handelt. Mit öffentlichen Äußerungen aber halten sie sich zurück.

„Es liegt von der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (RKI) ausdrücklich keine bevorzugte Empfehlung für den Vierfach-Grippeimpfstoff vor“, verteidigt Jens Kuschel von der AOK Nordwest das Vorgehen. Patienten seien mit dem Dreifach-Schutz gut versorgt. In der Tat spielten Influenza-B-Viren in der vergangenen Grippesaison nur eine kleine Rolle. Allerdings mutieren Viren von Jahr zu Jahr, die Spritze beim Arzt verändert ihre Zusammensetzung deshalb jede Saison. Die gesetzlichen Krankenkassen in Schleswig-Holstein haben für die Versorgung ihrer Versicherten zwei Verträge mit den Pharmaunternehmen Mylan Healthcare und Seqirus abgeschlossen.

„Die Krankenkassen handeln aus reiner Wirtschaftlichkeit“, sagt Thomas Maurer, Vorsitzender des Hausärzteverbands Schleswig-Holstein. Wenn ein Arzt sich den Vierfachschutz nicht vom Patienten bezahlen lasse, würde er auf den Kosten sitzenbleiben, erläutert Marco Dethlefsen, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in Bad Segeberg, die Situation. Denn die alten auslaufenden Rabattverträge mit den Krankenkassen gelten vorerst noch. Das entschied bereits das Landessozialgericht Niedersachsen/Bremen. Medizinern, die sich nicht daran halten, stehen eventuell Regressansprüche ins Haus.

Entsprechend vorsichtig agieren die Kassenärztliche Vereinigungen (KV) bundesweit. Sie empfehlen ihren Ärzten, bis zum Ende der Vertragslaufzeiten weiterhin die Stoffe zu impfen, für die Exklusivverträge laufen.

Seit einer Gesetzesreform zur Arzneimittelversorgung im Mai 2017 können Kassen keine neuen Rabattvereinbarungen zum Impfstoffeinkauf mit Herstellern mehr schließen. Exklusive Rabattverträge hatten in vergangenen Jahren zu Engpässen in der Versorgung geführt. Der Gesetzgeber zog die Reißleine. Ab nächstem Jahr sollen Ärzten die Impfstoffe aller Hersteller zur Verfügung stehen.

Unterdessen empfiehlt der Deutsche Apothekerverband (DAV), sich schon jetzt gegen die Grippe impfen zu lassen. Die Liefersituation sei entspannt, so dass ausreichend Impfstoffe gegen Grippe zur Verfügung stehen. Im vergangenen Jahr waren 12,4 Millionen Grippe-Impfdosen im Wert von 152 Millionen Euro von den gesetzlichen Krankenkassen über öffentliche Apotheker bezogen worden.

Der beste Zeitraum für die Impfung ist nach Aussage der maßgeblichen Experten vom RKI und Paul-Ehrlich-Institut von Oktober bis Ende November. Die eigentliche Grippewelle tritt in Deutschland meist erst zwischen Anfang Januar und Ende März auf.

Wer soll sich impfen lassen?

Gegen die Grippe impfen lassen sollten sich insbesondere alle Risikogruppen. Dazu zählen Senioren (ab 60 Jahre), Alters- und Pflegeheimbewohner, chronisch Kranke, Schwangere und medizinisches Personal. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für die Grippesaison 2017/18 eine gegenüber der Vorsaison in einer Komponente veränderte Zusammensetzung des Impfstoffes. Seit 2013/14 sind Vierfach-Impfstoffe mit einer zweiten B-Virus-Variante verfügbar. Nach einer Impfung dauert es 10 bis 14 Tage, bis der Impfschutz vollständig aufgebaut ist.

 Curd Tönnemann

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