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Großen Parteien laufen die Mitglieder davon

Kiel Großen Parteien laufen die Mitglieder davon

Besonders die CDU und die SPD im Norden können die Abgänge bei weitem nicht mehr kompensieren.

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Immer mehr Bürger lassen die Parteien links liegen. Sie verspüren wenig Lust, sich als Mitglied politisch zu engagieren.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. Die Mehrzahl der politischen Parteien in Schleswig-Holstein verliert dramatisch an Mitgliedern. Seit 1990 hat sich die Mitgliederzahl der SPD mehr als halbiert, auch bei der CDU ist seitdem knapp die Hälfte der Mitglieder ausgetreten. Die FDP hält mit Ach und Krach noch die Marke von 2000 Mitgliedern. Auf Bundesebene sieht es allerdings nicht anders aus. Gegen den Trend wachsen die Grünen — wenn auch auf bescheidenem Niveau.

„Es gelingt den Parteien offenbar nicht mehr so gut, Menschen für Politik und politische Gestaltung zu begeistern", bilanziert der Liberale Heiner Garg. Anders als in den politisierten 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, in denen die Etablierten Mitgliederrekorde verzeichneten, herrsche heute offenbar bei vielen Menschen der Eindruck vor, allein nicht viel bewegen zu können.

Selbstkritisch sagt Garg, dass offenbar viele den Politbetrieb als ritualisiert empfinden würden. „Früher, bei der CDU insbesondere in den 1980er Jahren, sind viele Menschen in die Parteien eingetreten, um sie durch ihre bloße Mitgliedschaft zu unterstützen“, diagnostiziert CDU-Landeschef Ingbert Liebing. Diese Motivation habe abgenommen. „Wer heute zu uns kommt, will konkret mitarbeiten und gestalten. Damit gleichen wir die hohen altersbedingten Abgänge aber nicht aus.“

Die großen Parteien im Land sind nur noch in der Erinnerung groß. 20 000 Mitglieder zählte die Nord-CDU Ende vergangenen Jahres. Zehn Jahre zuvor waren es noch fast 30000 Mitglieder. 1990 hatten immerhin 36000 Anhänger das schwarze Parteibuch. Noch dramatischer fällt die Entwicklung bei den Sozialdemokraten aus. Gut 17000 Mitglieder standen vergangenes Jahr treu zur SPD. Zehn Jahre zuvor waren des noch knapp 23000 Mitglieder. 1990 registrierte die Partei stolz 38794 Mitglieder — und lag im Gefolge der Barschel-Affäre als stärkste Partei vor der Nord-CDU. Die Liberalen in Schleswig-Holstein verloren in den vergangenen zehn Jahren 425 Menschen und zählen aktuell 2020 Mitglieder (1990: 2697).

Die Entwicklung ist unterdessen kein nationales Problem. Nach einer Studie der Politikwissenschaftlerin Ingrid van Biezen, die das Phänomen näher untersuchte, waren schon 2009 in den EU-Staaten nur noch 4,7 Prozent der Wahlberechtigten in einer Partei organisiert. Seither hat der Aderlass noch zugenommen.

Die schleswig-holsteinischen Grünen schwimmen gegen diesen Trend. Im vergangenen Vierteljahrhundert haben sie knapp ein Viertel an Mitgliedern zugelegt. Die Partei rangiert bei 2210 Mitgliedern knapp vor den Liberalen. „Keine starren, hierarchischen Strukturen“, darin sehen die Nord-Grünen ihren kleinen Erfolg begründet. „Das ist auch attraktiv für junge Leute“, sagt die Landesvorsitzende Ruth Kastner. Veränderungen? Feststellbar sei in den vergangenen Jahren eine wachsende Bedeutung des Personals gegenüber dem Programm. Winfried Kretschmann, Regierungschef in Baden-Württemberg, und Robert Habeck in Schleswig-Holstein seien Paradebeispiele dafür. SPD-Landeschef Ralf Stegner relativiert diesen Trend: „Wir wollen den Wähler mit Inhalten und dem gesamten Team überzeugen. Beides gehört zusammen.“

Europaweites Phänomen

Das wachsende Desinteresse , sich mit einer Mitgliedschaft in einer Partei für die Demokratie einzusetzen, ist kein deutsches Phänomen. Die Parteien in Frankreich, Großbritannien und Italien haben laut einem Bericht von „Spiegel online“ in den vergangenen drei Jahren zusammen eine bis eineinhalb Millionen Mitglieder verloren. Bei den Briten sei nicht einmal mehr jeder Hunderste Wahlberechtigte in einer Partei. In Polen und Lettland sieht es nicht besser aus. In Skandinavien verlieren die lange dominierenden Sozialdemokraten erdrutschartig.

Curd Tönnemann

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