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Norddeutschland Jetzt kämpft auch der Verfassungsschutz gegen Hacker
Nachrichten Norddeutschland Jetzt kämpft auch der Verfassungsschutz gegen Hacker
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18:45 24.01.2019
Hacker aus dem Ausland greifen immer öfter auch kleinere Unternehmen in Schleswig-Holstein an, spähen sie aus, erpressen Lösegelder für bei der Attacke verschlüsselte Daten. Auch der Verfassungsschutz ist im Norden jetzt beim Kampf gegen die Hacker dabei. Quelle: Oliver Berg/dpa
Lübeck/Kiel

Die Zahl der Cyberattacken auf Unternehmen, Verwaltung und Privatleute steigt. Die Politik im Norden kam am Donnerstag in einer Landtagsdebatte dennoch kaum über Allgemeinplätze und Aufforderungen zum Passwortwechsel hinaus. Derweil schaltet sich bereits der Verfassungsschutz ein, um Unternehmen im Norden vor Hacker-Angriffen zu schützen. 2018 wurden zwölf Firmen wegen mutmaßlicher ausländischer Hacker-Attacken beraten, erklärte der Sprecher des Innenministeriums, Dirk Hundertmark.

Datenschützerin: Seit Jahren tropfen immer wieder geheimste Daten durch Sicherheitslücken ins Internet

Anfang Dezember erschütterte die Veröffentlichung von privaten Kontaktdaten und Chatverläufen im Internet durch einen 20-jährigen Hacker die Republik. Rund 200 der 1000 geleakten Politiker kamen aus Schleswig-Holstein, darunter besonders viele aus der Union und von den Grünen wie CDU-Ministerpräsident Daniel Günther, Grünen-Bundeschef Robert Habeck, aber auch SPD-Landeschef Ralf Stegner.

War es ein gezielter Angriff auf die Politik? Das alles sei nur die Spitze des Eisbergs, urteilte die Landesdatenschutzbeauftragte des Landes, Marit Hansen. Längst schwirrten dort die Daten von Millionen von Nutzern umher. Sie seien über die Jahre aus zig Hacker-Attacken ins Netz getropft. Der 20-Jährige habe jetzt nur einige davon gesammelt.

Was tun gegen Cyber-Attacken? Das Land beschäftigt bereits eigene IT-Sicherheitsprofis. Den Bürgern rät der Kieler Digitalisierungsminister Jan Philipp Albrecht (Grüne): „Ändern sie ihre Passwörter.“ Quelle: Carsten Rehder/dpa

Derweil würden, so erfuhren die LN, viele Firmen im Norden hohe Lösegelder an Hacker zahlen, um von ihnen per Cyberattacke gesperrte Daten freizubekommen. 300 000 Euro etwa zahlte eine Firma aus dem Segebergischen. Zwei Wochen lang hatte sie zuvor schon den Betrieb einstellen müssen. Selbst die Computerspezialisten von BKA, LKA und einer Versicherung hatten die Attacke mit nordkoreanischer Hacker-Software nicht stoppen können.

Am Donnerstag gab es einen Bericht der Landesregierung dazu. Die Bekämpfung der Cyberkriminalität brauche ganzheitliche Lösungen, erklärte der Kieler Digitalisierungsminister Jan Philipp Albrecht (Grüne). Er will vor allem mit besserer Aufklärung gegenhalten, will dazu auch den Dialog mit der Privatwirtschaft und Vertretern wichtiger Infrastrukturbetriebe suchen, also zum Beispiel zu Energie- oder Wasserversorgern. Der landeseigene IT-Dienstleister Dataport könne mit wichtigem Know-how zur Seite stehen und stelle bereits eine „Support-Einheit“ auf. Zum Eigenschutz arbeite Dataport bereits in einem norddeutschen Experten-Verbund mit. Denn IT-Sicherheit sei kein Teilzeitjob mehr, „wir brauchen Spezialisten, die dauerhaft die Netze überwachen“, sagte Albrecht. Den Bürger riet er: „Ändern sie ihre Passwörter.“

Die schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Marit Hansen fürchtet, dass bereits persönliche Daten von Millionen von Internetnutzern im Netz verfügbar sind, von Hackern über die Jahre aus zahlreichen Lecks, etwa bei sozialen Medien und Internetanbietern abgesogen. Quelle: ULD

Viel konkreter wurde es auch in der Debatte nicht. FDP-Fraktionschef Christopher Vogt hält IT-Sicherheit für ein „Bildungsthema für alle Altersgruppen“. Man dürfe sich dem Thema nicht nur stellen, wenn hochrangige Politiker betroffen seien, erklärte SPD-Mann Stefan Weber, denn es gehe vor allem um den Schutz der Bürger. Lukas Kilian von der CDU will die Online-Wirtschaft in die Pflicht nehmen, „ihre Systeme bestmöglich zu sichern“. Der Grüne Rasmus Andresen und Kai Dolgner von der SPD mahnten, auch der Staat dürfe Sicherheitslücken nicht absichtlich offenhalten, um Daten abzusaugen, wie es etwa der US-Geheimdienst NSA getan habe.

Der Inlandsgeheimdienst Schleswig-Holsteins, der Verfassungsschutz, ist derweil schon gegen Cyberkriminelle aktiv. 2018 habe er 20 Mal Kontakt zu Firmen gehabt, heißt es aus dem Innenministerium. „Die schleswig-holsteinische Spionageabwehr steht in gutem Kontakt zur schleswig-holsteinischen Wirtschaft, hier auch zu mittelständischen Firmen“, sagt Ministeriumssprecher Dirk Hundertmark. Die Verfassungsschützer würden zudem bei Handelskammern Vorträge halten, um eine größere Anzahl von Firmen gleichzeitig über mögliche Vorbeugungsmaßnahmen zu informieren.

Verfassungsschützer dürfen Firmen auch im Geheimen beraten

Der Verfassungsschutz würde dabei damit werben, dass er nicht wie die Polizei dem Legalitätsprinzip unterliege, heißt es. Im Klartext: Während die Polizei sofort ein förmliches Ermittlungsverfahren einleiten und die Staatsanwaltschaft einschalten muss, wenn sie von einer Straftat erfährt, dürfen Agenten die Firmen auch erst einmal beraten. Denn: Viele Unternehmen fürchteten, dass ein Verfahren öffentlich bekannt werde und das dann Kunden abschrecken könnte.

„Explizite Fälle von Firmenspionage in unserem IHK-Bezirk sind uns nicht bekannt“, sagt Pascal Rebe, Referent für Standortpolitik bei der IHK zu Lübeck. Der Anstieg von Cyberkriminalität und Firmenspionage im Unternehmensumfeld sei ein globales Phänomen. Wirtschaft und Behörden sollten es sehr ernst nehmen. Die IHK zu Lübeck schaffe durch vielfältige Beratungsangebote ein Bewusstsein für den Schutz sensibler Daten und der firmeneigenen IT-Infrastruktur. „Wir raten unseren Mitgliedsunternehmen, sich umfassend über das Thema IT-Sicherheit zu informieren, und zwar bevor es zu einem IT-Sicherheitsvorfall kommt“, sagt Rebe. Eine IT-Sicherheitsstrategie sei Chefsache und sollte nicht auf den Schultern einzelner Mitarbeiter ruhen.

Der Hamburger Verfassungsschutz klagt derweil, dass trotz reger Aktivitäten ausländischer Geheimdienste und Hacker viele Firmen immer noch nur unzureichend gegen Spionage geschützt seien. Gerade mittelständische Unternehmen seien häufig schlecht informiert, „und die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen fehlen“, sagt der Leiter des Landesamtes, Torsten Voß. Dabei hätten Nachrichtendienste anderer Staaten sehr wohl den Auftrag, Informationen aus Wirtschaft und Politik zu beschaffen. Man schaue bei der Abwehr daher nicht nur nach Russland oder China, sondern behalte etwa auch den Iran im Blick, so Voß. Zudem stelle man auch in Hamburg verstärkte Aktivitäten des türkischen Nachrichtendienstes fest. Bei der Wirtschaftsspionage müsse man zudem von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, weil Daten oft nur kopiert werden würden – „und das muss man dann erst einmal merken“, sagt Voß.

Wolfram Hammer, Christian Risch

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