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20:31 06.07.2017
Hebamme Kerstin Lauterberg steht in Wyk auf Föhr an ihrem Auto. Sie kämpft für den Erhalt der Geburtshilfe auf der Nordseeinsel. Quelle: Foto: Carsten Rehder/dpa
Wyk/Husum

. Hebamme Kerstin Lauterberg verspätet sich. „Entschuldigung, ich komme direkt aus dem Krankenhaus“, sagt sie. „Wir mussten eine Geburt verhindern.“ Dieser Satz, so lapidar vorgebracht, zeigt das Dilemma. Der bestens ausgestattete Kreißsaal auf der Nordseeinsel Föhr ist seit eineinhalb Jahren geschlossen. Seitdem betreuen die zwei Insel-Hebammen werdende Mütter solange, bis sie kurz vor dem Geburtstermin auf das Festland fahren müssen.

Für Frauen und Angehörige sei die Situation sehr schwierig, sagt Lauterberg. Zwar gebe es sogenannte Boarding-Angebote, bei denen Schwangere und ihre Familien bis zu zwei Wochen vor der Geburt kostenlos in Kliniknähe auf dem Festland untergebracht werden. Doch optimal sei dies nicht. Drei „ihrer“ Frauen seien gerade „drüben“, zwei in Flensburg, eine in Husum. „Für die Frauen ist das eine extreme Belastung“, sagt Lauterberg. Das bemerke auch der Nachwuchs. Ähnlich geht es werdenden Müttern in vielen Regionen.

Seit 2012 wurden in Schleswig- Holstein laut Sozialministerium sechs Geburtsstationen geschlossen, seit 2000 waren es sogar elf. Drei Fälle betrafen den Kreis Nordfriesland, darunter die Kreißsäle auf den Inseln Sylt und Föhr. Schwangere von der Ostseeinsel Fehmarn, die bisher oft im 40 Kilometer entfernten Oldenburg entbunden haben, müssen seit 2014 ins etwa doppelt so weit entfernte Eutin fahren. Auf dem Festland müssen Schwangere bis zum nächsten Kreißsaal maximal 60,3 Kilometer fahren, heißt es in einem Bericht der Landesregierung von 2015.

„Und es ist zu erwarten, dass sich diese Entwicklung noch zuspitzt“, urteilen Experten der OptiMedis AG in einem aktuellen Gutachten zur geburtshilflichen Situation im Norden. Dann etwa, wenn beispielsweise die Mindestmenge für eine Klinik bei mehr als 800 Geburten im Jahr angesetzt würde.

Derzeit gibt es laut Ministerium 21 Geburtsstationen im Land. 2016 kamen dort 21 950 Kinder zur Welt, das waren 8,4 Prozent mehr als 2015. Die drei geburtenstärksten Kliniken waren das Städtische Krankenhaus Kiel (1972 Geburten), die Diako Flensburg (1920) und das Marienkrankenhaus Lübeck (1605). Weniger als 800 Geburten gab es 2016 in sechs Kliniken. Auf Föhr waren es im letzten Betriebsjahr 2015 noch 45. In Westerland auf Sylt im Jahr vor der Schließung (2013) 93.

„Die Gründe für die Schließungsentscheidung sind vielschichtig“, heißt es in dem Gutachten. Über das Papier wollten Betroffene aus dem Kreis gestern diskutieren. Ein Grund sind demnach zu geringe Geburtenzahlen auf dem Land. Das bringt Probleme bei der Finanzierung mit sich, aber auch fehlende Praxis und möglicherweise abnehmende Versorgungsqualität.

Einige Maßnahmen, die laut Gutachten die Situation entschärfen können, hatte die damalige Gesundheitsstaatssekretärin Annette Langner im März vorgestellt. Dazu gehören die Finanzierung einer Hebammenrufbereitschaft auf Sylt und Föhr sowie der Ausbau der Boarding-Kapazitäten und der Neubau von Kreißsälen in Husum, Kiel und Flensburg. Das Land unterstützt auch ein neues Simulationsangebot für geburtshilfliche Notfälle. „Das Interesse an der Schulung ist groß“, sagt Florian Reifferscheid vom Institut für Rettungs- und Notfallmedizin des Uniklinikums (UKSH), das Schulungen anbietet. Am ersten Kurs nahmen Ende Juni in Kiel Rettungssanitäter aus Nordfriesland, Hubschrauberpiloten der DRF Luftrettung und Notärzte teil. Einige halfen im Rettungswagen bereits einem Baby auf die Welt.

Die Föhrer kämpfen weiter für Inselgeburten. Ihnen schwebt eine von Hebammen geführte private Hausgeburtenhilfe vor – falls sie den Kreißsaal nicht zurückbekommen sollten. Um den auf dem Festland geborenen Kindern auf der Insel Wurzeln zu geben, haben sich Lauterberg und ihre Mitstreiter einen „Babywald“ ausgedacht, in dem Bäume für die Babys gepflanzt werden. So sollen die Kinder mit der Insel „verwurzelt“ werden.

Birgitta von Gyldenfeldt

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