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Norddeutschland Diagnose herzkrank: Wenn plötzlich alles anders ist
Nachrichten Norddeutschland Diagnose herzkrank: Wenn plötzlich alles anders ist
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13:07 12.03.2019
Die Herzen der beiden Neustädter erkrankten – mit unterschiedlichen Folgen. Quelle: Agentur 54°
Neustadt i. H./Lübeck

  Andrea Mai* (Name geändert) brauchte schon immer etwas länger – beim Rudern, Wandern oder dem Spaziergang mit den Kindern. „Ich habe schon immer mein Tempo selber bestimmt“, sagt die 78-Jährige aus Neustadt in Holstein. Sie hat sich nie etwas dabei gedacht. Bis zu ihrem 60. Lebensjahr. Sie begleitete ihre Tochter zum Bahnhof. Sie waren spät dran, mussten sich beeilen. Plötzlich blieb die Frau stehen. Japste. Rang nach Luft. Begann zu husten. „Meine Tochter bat mich dann, zum Arzt zu gehen“, sagt Andrea Mai. Nach einer Reihe von Untersuchungen erhielt sie eine Diagnose: HOCN.

Dabei handelt es sich um ein oft genetisch bedingtes Leiden, bei dem die Herzmittelwand mit der Zeit verdickt. „Der Weg zur Hauptschlagader wird in der Folge immer mehr eingeengt. Das Blut kann nicht mehr vernünftig in den ganzen Körper transportiert werden“, sagt Professor Dr. Joachim Weil, Leiter des Herz- und Gefäßzentrums (HGZ) der Sana-Klinik. Die Folgen: Atemnot oder gar eine Ohnmacht. Eine Erkrankung, die bei 4000 Untersuchungen etwa zwei Mal auftritt. Etwa 96 000 Menschen in Deutschland leiden an dieser Form der Herzerkrankung.

Das Herz bestimmt den Alltag

Professor Dr. Joachim Weil, Kardiologe, Leiter des Herz- und Gefäßzentrum der Sana-Klinik in Lübeck: „Das Herz ist das wichtigste Organ des Menschen – wichtiger als das Gehirn.“ Quelle: Fabian Boerger

Das Leben von Andrea Mai* ist seitdem nicht mehr das Gleiche. Sie geht langsamer. Bücken kann sie sich nicht mehr. Hausputz und Gartenarbeit kann sie nicht mehr machen. Ihr Haus ist so eingerichtet, dass alle Gegenstände im Stehen für sie zu erreichen sind. In jedem Raum befindet sich ein Aufsammler oder Greifarm. „Wir leben nur noch im Erdgeschoss“, sagt ihr Ehemann. Denn auch das Treppensteigen fällt ihr schwer. Medikamente und Operationen, die sie in den letzten Jahren über sich ergehen ließ, führten zu keiner Besserung.

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Das zermürbt und drückt auf die Psyche, erklärt Professor Weil. „Wenn man herzkrank ist, gibt es eine große Gruppe von Patienten, die neben ihrem somatischen Leiden ein psychisches Leiden entwickeln.“ Insbesondere nach einem durchgemachten Herzinfarkt entstehen Ängste beim Patienten. Die führen dazu, dass sich die Personen nicht mehr körperlich belasten. Jedes Leiden wird auf das Herz projiziert. Aus den Beschwerden wird eine psychische Belastung, die von einem Psychologen behandelt werden muss.

Viele Symptome deuten auf Herzerkrankung

Eine weitere Folge einer HOCM-Erkrankung sind Herzrhythmusstörungen. Ein prominenter Vertreter, bei dem solche Symptome aufgetreten sind, ist der Fußball-Profi Sami Khedira. Der Mittelfeldspieler musste wegen Herzproblemen operiert werden. Starkes Herzrasen machten den ehemaligen Spieler der Deutschen Nationalmannschaft auf die Erkrankung aufmerksam. Die Nation war schockiert. Schnell verbreitete sich die Nachricht. Die Fans zeigten sich betroffen.

Neues Herz- und Gefäßzentrum in Lübeck

Das Herz- und Gefäßzentrum (HGZ) der Sana-Klinik Lübeck wurde in diesem Jahr ins Leben gerufen. Die Idee: Den Herz-Gefäß-Patienten ganzheitlich betrachten. Fachrichtungen, die mit dem Herz und Gefäßen zu tun haben, werden in dem Zentrum gebündelt. Denn der Verschluss von Gefäßen betrifft nicht nur das Herz, sondern im Prinzip alle Arterien, die durch den ganzen Körper verästelt sind.

Etwa 6 000 Patienten werden im HGZ stationär behandelt, schätzt Professor Dr. Joachim Weil, Leiter des HGZ der Sana-Klinik. Dazu kommt ein kleiner Teil ambulanter Patienten. Rund 80 bis 90 Betten gibt es im HGZ. Etwa 60 Prozent der Patienten kommen über die Notaufnahme in das Zentrum.

Auch Andrea Mai* blieb von den Symptomen nicht verschont. Herzrasen, Schweißausbrüche, hoher Puls und ein „Fiepen auf den Bronchien“, wie sie es nennt, kündigen ihr Herzflimmern an. Typische Symptome einer Herzerkrankung, wie zum Beispiel Vorhofflimmern. Ein Großteil der 5000 jährlichen Patienten von Professor Weil leiden an diesen Symptomen. „Dann weiß ich immer: Jetzt ist es wieder so weit“, sagt die 78-Jährige. Schnellstmöglich müsse sie dann in die Klinik, bekommt spezielle Medikamente. Nach fünf Stunden normalisiere sich ihr Herzschlag wieder.

Doch das Herzflimmern wiederholte sich seitdem immer öfter – erst monatlich, dann im Zwei-Wochen-Takt. Seit Ende 2016 ist ihr Herz kontinuierlich aus dem Rhythmus. Mittlerweile nimmt Andrea Mai* regelmäßig starke Medikamente. Vergisst sie diese, ist die Gefahr eines Herzinfarkts groß. Sie hat sich daran gewöhnt. Das kranke Herz ist Teil ihres Lebens geworden. Ihr Alltag richtet sich danach aus. Trotzdem: Ein neues Herz kommt für sie nicht in Frage.

Es geht auch anders

Anders war es bei Armin Schneider* (Name geändert). Sein gesamtes Leben hat er viel Sport gemacht. Fahrrad fahren, dreimal in der Woche schwimmen gehen: Das war Standard für den ehemaligen Bundespolizeibeamten. Schleichend bekam der 71-Jährige weniger Luft – dachte sich nichts dabei. Bis er sich beim Schneiden der Hecke verletzte. Der Weg zum Arzt war nun unumgänglich.

Schnell fiel seinem Hausarzt auf, dass Armin Schneider* nicht normal atmen würde. Zu schnell und flach atmete er ein uns aus, sodass der Mediziner ein EKG und Lungentest anordnete. „Plötzlich wurde mein Arzt ganz grau im Gesicht“, sagt Schneider. Da stimme was nicht, erinnert er sich an die Worte seines Hausarztes. Einen Tag später musste er zur Herzkatheter-Untersuchung. Das Ergebnis: Zwei Adern der Herzkammer waren komplett dicht, die Dritte weit über 70 Prozent verschlossen. Ein Herzstillstand stand kurz bevor. Danach ging alles sehr schnell. Am nächsten Tag wurde er in das Universitätsklinikum Lübeck eingeliefert. Dort bekam er zwei Bypässe an der Aorta. Neun Tage verbrachte er im Krankenhaus.

Im Vergleich zu anderen herzkranken Menschen hat Armin Schneider Glück gehabt. Die Operation verlief ohne Komplikationen, und danach ging es ihm besser als zuvor. „Ich fühle mich 20 Jahre jünger“, sagt er. Zudem bekommt er deutlich besser Luft. „Hätte ich mich nicht mit der Heckenschere verletzt, wär ich wohl heute nicht mehr hier.“

Fabian Boerger

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