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Hirninfarkt: AOK verweigert Krankengeld

Lübeck Hirninfarkt: AOK verweigert Krankengeld

Axel Vorwerk aus Lübeck platzte eine Ader im Gehirn, seine Mutter pflegt den 49-Jährigen – Die Krankenkasse aber will nicht zahlen – Der Grund: Ihr Sohn war einen Tag zu spät beim Arzt.

Schachmatt gesetzt von der Bürokratie: Axel Vorwerk und seine Mutter mit den Schreiben.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Es war der 29. Dezember, vorigen Jahres, Waltraut Vorwerk (77) aus Lübeck weiß es noch genau. Ihr Sohn Axel (49) will ein Bad nehmen und schließt sich ein. „Ich denk, das dauert aber lange“, erinnert sich die Mutter. „Ich bin an die Tür gegangen – und habe ein Röcheln gehört.“ Waltraut Vorwerk alarmiert sofort den Rettungsdienst. „Die waren in zehn Minuten da.“ In letzter Sekunde, bestätigen die Ärzte. Ihre Diagnose: Axel Vorwerk hat einen „Hirninfarkt mit intrazerebralen Blutungen“. „Im Gehirn ist die Hauptschlagader geplatzt“, sagt die Mutter.

Wochenlang liegt Axel Vorwerk in der Uniklinik auf der Intensivstation im Koma. Schließlich erwacht er und kommt zur Rehabilitation nach Bad Segeberg. Doch Axel Vorwerk ist nicht mehr derselbe. Der gelernte Lackierer, der zuletzt nach der Pleite seines Arbeitgebers arbeitslos war, hat nach Auskunft seiner Mutter nur noch ein sehr eingeschränktes Kurzzeitgedächtnis und gilt seit seiner Erkrankung als schwerbehindert.

Als er in Bad Segeberg eines Tages ohne Erlaubnis „spazieren geht“, wird er anschließend in die geschlossene Psychiatrie der Lübecker Ameos-Klinik verlegt. „Dabei ist er doch nicht psychisch krank gewesen“, sagt seine Mutter. Ein Umfeld, das sie und ihren Sohn zusätzlich belastet. Auf die Frage, wann die Entlassung anstehe, habe man ihr geantwortet: „Kümmern Sie sich mal lieber um einen Heimplatz. Da gehört er hin.“ Schließlich wird ihr Sohn an einem Donnerstag aus der Klinik entlassen. Es ist der 26. Mai. Waltraut Vorwerk: „Die Krankschreibung galt nur bis Donnerstag. Ich hätte am Freitag gleich mit meinem Sohn zum Arzt gemusst und zur Kasse, um die neue Krankschreibung abzugeben. Aber ich war so kaputt, ich konnte nicht mehr. Da dachte ich, gehst du am Montag, das wird schon in Ordnung sein.“

Ein verhängnisvoller Irrtum. Als sie am Montag bei der Lübecker AOK-Geschäftsstelle erscheint, wird ihr gesagt: „Es tut uns leid, sie hätten Freitag gleich kommen müssen. Mit dem Krankengeld, das wird nichts mehr.“ Das bekommt Waltraut Vorwerk, die in einer bescheidenen Wohnung von einer kleinen Rente lebt, dann auch schriftlich. Für die Zeit vom 2. Mai bis 30. Juni müssten 199,57 Euro nachgezahlt werden“, schreibt die AOK. Der neue Beitrag zur Krankenversicherung für Axel Vorwerk werde auf monatlich 171,40 Euro neu festgesetzt. „Das muss ich jetzt bezahlen“, resümiert die Mutter.

Unter der Überschrift „Ihr gutes Recht“ lässt die Krankenkasse in dem Schreiben zudem wissen, man wolle umfassend beraten. „Besonders bei solchen Entscheidungen, die nicht ihrem Anliegen entsprechen und bei Ihnen möglicherweise zu Enttäuschungen führen könnten“. In diesem Fall werde „ein besonderer Service“ angeboten: „Nicht ärgern, anrufen“, schreibt die Kasse. Es folgt die Nummer einer Hotline.

Waltraut Vorwerk fühlt sich verhöhnt und hält das Vorgehen der Krankenkasse für ungerecht. Sie wendet sich an den Sozialverband VdK. Der legt Widerspruch gegen den Bescheid der AOK ein. Die Entscheidung, wegen eines versäumten Tages alle Ansprüche zu versagen, sei „nicht nachvollziehbar und menschenverachtend“, schreibt VdK-Rechtsanwältin Sabine Welge. Formal möge die AOK im Recht sein, doch sei die Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt. „Der Bescheid ist rechtswidrig.“ Lenke die AOK nicht ein, werde das Sozialgericht entscheiden müssen.

Ob die AOK neu entscheidet, ist bislang unklar. Man suche nach einer Lösung, sagt Gunar Schlage, Regionaldirektor der AOK Nordwest. Aufgrund der vorliegenden Fakten habe der Bescheid so ergehen müssen. Man recherchiere jedoch, „um gemeinsam eine Lösung zu finden“, so Schlage. Möglicherweise habe die Ameos-Klinik etwas versäumt, als die Krankschreibung bei der Entlassung endete. „Dann könnten wir dem Widerspruch abhelfen.“ Leider hätten weder der VdK noch die Ameos-Klinik bisher auf Anfragen reagiert.  

Die Rechtslage

Nach der Entlassung aus der Klinik braucht der Patient laut Gesetz eine nahtlose Krankschreibung. Er ist verpflichtet, am nächsten Tag zum Arzt zu gehen, um den Anspruch auf Krankengeld nicht zu verlieren. Angestellte verlieren sonst eine Tageszahlung, Arbeitslose den gesamten Anspruch. Grund: Das Krankengeld soll Ausgleich für entgangenes Gehalt sein – Arbeitslose haben kein Gehalt mehr. „Solche Fälle sind bei uns der Alltag“, sagt Bernd Selke vom Landessozialgericht Schleswig.

 Marcus Stöcklin

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