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Norddeutschland IS-Kämpfer vor Gericht: Er sucht den Weg zurück
Nachrichten Norddeutschland IS-Kämpfer vor Gericht: Er sucht den Weg zurück
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21:14 22.06.2016
Der Angeklagte Harry S. (l.) sitzt beim Prozessauftakt im Gerichtssaal neben seinem Anwalt Udo Würtz. Quelle: Fotos: Bodo Marks, Carsten Rehder/dpa
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Hamburg

. „Mach dir keine Sorgen, heute erwartet dich eine große Überraschung.“ Mit diesen Worten sei er Anfang Juni 2015 von Kämpfern des Islamischen Staates (IS) zur Teilnahme an einer Hinrichtung in der syrischen Stadt Palmyra aufgefordert worden, berichtet der 27-jährige Angeklagte gestern vor dem Staatsschutzsenat am Oberlandesgericht Hamburg. Harry S. aus Bremen ist wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung sowie Verstößen gegen Waffengesetze angeklagt. Der Konvertit soll sich im April 2015 in Syrien der Terrormiliz angeschlossen und eine Ausbildung in einer Spezialeinheit begonnen haben.

Der 27-Jährige bestätigt gleich zu Beginn seiner Aussage die Richtigkeit der Anklage. Er berichtet freimütig und detailliert über seine Erfahrungen beim IS. In zwei Autos seien die Kämpfer von der IS- Hochburg Al-Rakka nach Palmyra gefahren, das kurz zuvor in die Hände der Terroristen gefallen war. Ein Anführer habe sieben gefangene Zivilisten in eine Villa gebracht. „Wer hat Lust, sie hinzurichten?“, habe er gefragt. Der 27-Jährige selbst hatte keine Lust dazu.

Weil unmittelbar nach der Hinrichtung ein Hubschrauberangriff folgte, hätten sich die IS-Kämpfer an den Stadtrand bei den antiken Ruinen zurückgezogen und dort ein Video gedreht. Er habe die Flagge des IS in die Kamera gehalten.

Wenige Wochen später flüchtet er in die Türkei und reist nach Deutschland zurück. Bei seiner Ankunft in Bremen am 20. Juli wird er am Flughafen verhaftet. Warum sagt der 27-Jährige nun umfassend aus? Zunächst habe er geschwiegen. Dann habe er im Fernsehen die Anschläge in Paris gesehen. „Ich habe einen von denen wiedererkannt“, sagt der Angeklagte. Daraufhin habe er sich entschlossen, bei der Aufklärung zu kooperieren. Klar, dass ihn eine Verurteilung erwarte, aber seine Mutter solle sehen, dass er jetzt ein Mann sei. Seine Mutter ist gläubige Katholikin, die wie der Vater 1985 aus Ghana nach Deutschland kam. Ihren Sohn schickte sie in eine katholische Kita, später auf eine katholische Privatschule. Mit 20 Jahren konvertierte er zum Islam. Dann geriet er auf die schiefe Bahn. Er beteiligte sich an einem Überfall und kam ins Gefängnis. Dort lernte er einen Islamisten kennen. Der Weg zum Terrorismus war nicht mehr weit. Jetzt sucht er den Weg zurück. Eloquent antwortet er auf jede Frage von Gericht und Bundesanwaltschaft.

Der Prozess wird fortgesetzt.

LN

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